Saturday, April 19, 2014
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Übergang zur Nachhaltigkeit

NEW YORK: Die Weltwirtschaftskrise wird uns eine Generation lang und nicht nur ein oder zwei Jahre begleiten, denn sie ist in Wirklichkeit ein Übergang zur Nachhaltigkeit. Zu der Destabilisierung der Weltwirtschaft, die die gegenwärtige Krise verursacht hat, haben auch die Verknappung von Primärrohstoffen und die durch den Klimawandel bedingten Schäden der letzten Jahre beigetragen. Steil steigende Lebensmittel- und Kraftstoffpreise sowie bedeutende Naturkatastrophen spielten eine wichtige Rolle dabei, die Finanzmärkte, die Kaufkraft der privaten Haushalte und sogar die politische Stabilität zu untergraben.

Von dieser Warte aus betrachtet, sollte es grundlegende politische Strategie der entwickelten wie der Entwicklungsländer sein, im Rahmen der Krisenbewältigung eine für das 21. Jahrhundert geeignete Infrastruktur aufzubauen. Hierzu gehören: ein effizientes, durch erneuerbare Energien gespeistes Elektrizitätsnetz; Glasfaser- und Funknetze für Telefonwesen und Breitbandinternet; Wasserversorgungs-, Bewässerungs- und Abwassersysteme, die Süßwasser in effizienter Weise nutzen und aufbereiten; öffentliche Stadt- und Fernverkehrssysteme; sicherere Fernstraßen, und ein Netz von Naturschutzgebieten, um die Artenvielfalt und die Lebensräume bedrohter Arten zu erhalten.

Diese Investitionen sind kurzfristig erforderlich, um den der globalen Rezession zugrunde liegenden Rückgang der weltweiten Konsumausgaben auszugleichen. Wichtiger allerdings: Sie sind langfristig vonnöten, denn eine Welt, auf der sich 6,8 Milliarden Menschen drängen (Tendenz steigend), kann ihr Wirtschaftswachstum schlicht nicht aufrecht erhalten, sofern sie keine nachhaltigen Technologien einführt, um die knappen natürlichen Ressourcen wirtschaftlicher zu nutzen.

In der Praxis freilich hat die globale Krise dazu geführt, dass Investitionen in die Nachhaltigkeit in den Entwicklungsländern gekürzt statt ausgeweitet werden. Weil diesen Ländern nun der Zugang zu internationalen Bankkrediten, Anleihen und ausländischen Direktinvestitionen verbaut ist, werden dort nun in der Vergangenheit diskutierte Infrastrukturprojekte zurückgestellt, was die politische und wirtschaftliche Stabilität von Dutzenden von Entwicklungsländern bedroht.

Tatsächlich gibt es überall auf der Welt einen enormen Rückstand an lebenswichtigen Investitionen in die Infrastruktur. Es ist Zeit für eine konzertierte globale Anstrengung, um diese Projekte umzusetzen. Dies ist keine einfache Aufgabe. Die meisten Investitionen in Infrastruktur erfordern eine Führungsrolle der öffentlichen Hand, die dabei Partnerschaften mit dem privaten Sektor eingeht. In der Regel muss der öffentliche Sektor dabei Verträge mit Privatunternehmen nicht nur über den Bau der Infrastruktur, sondern auch über deren Betrieb im Rahmen regulierter Monopole oder auf Konzessionsbasis schließen.

Regierungen fehlt es im Allgemeinen an den erforderlichen technischen Möglichkeiten, um derartige Projekte zu konzipieren, was bei der Vergabe von Großaufträgen Möglichkeiten für Vetternwirtschaft und Korruption eröffnet. Entsprechende Vorwürfe werden den Regierungen gegenüber häufig selbst dann erhoben, wenn sie unzutreffend sind; allzu oft jedoch stimmen sie.

Trotzdem hat der Rückstand, der bei diesen Projekten besteht, nun eine verheerende Auswirkung auf die Weltwirtschaft. In den wichtigen Großstädten der Welt herrschen Verkehrschaos und Umweltverschmutzung. Die Atmosphäre füllt sich aufgrund des starken Einsatzes fossiler Brennstoffe mit Treibhausgasen. Praktisch alle wichtigen Wirtschaftszentren – ob in Nordamerika, Europa, Afrika, Indien oder China – sind von Wasserknappheit betroffen.

Die Regierungen sollten deshalb ihre Infrastrukturministerien (Strom, Verkehrswege, Wasser und Abwasser, Informations- und Kommunikationstechnologien) und nationalen Entwicklungsbanken stärken, damit diese in angemessener Weise langfristige Infrastrukturprojekte und -programme konzipieren können. Die Fähigkeit, der Krise auf konstruktive Weise durch Ausbau öffentlich-privater Partnerschaften Herr zu werden, wird für den zukünftigen Erfolg von Ländern und Regionen entscheidend sein. Interessanterweise stehen die USA kurz davor, erstmals eine Nationale Infrastrukturbank einzurichten. 

Trotzdem glauben amerikanische und europäische Wirtschaftsberater im Allgemeinen, dass kurzfristige, intelligente Konjunkturimpulse reichen, um für neues Wirtschaftswachstum zu sorgen. Dies ist falsch. Erforderlich ist eine Überholung der Weltwirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit.

Viele politische Entscheidungsträger der reichen Welt sind zudem der Ansicht, dass sie die Entwicklungsländer weiter vernachlässigen oder auf den globalen Märkten ihrem Schicksal überlassen können. Auch dies ist ein Rezept für weltweites Scheitern und sogar zukünftige Konflikte. Die entwickelten Länder werden die armen Länder während des Übergangs zur Nachhaltigkeit deutlich stärker unterstützen müssen. Während die meisten gesetzlichen Regelungen zur Konjunkturbelebung bisher kurzfristig und nach innen gerichtet waren, würden zusätzliche Finanzmittel für eine nachhaltige Infrastruktur in den armen Ländern den Volkswirtschaften der reichen Welt einen mächtigen Schub verleihen.

Die entwickelten Länder sollten vereinbaren, beträchtliche Mittel in die Entwicklungsländer zu kanalisieren, um dort die Ausweitung nachhaltiger Investitionen zu finanzieren. Dies kann direkt auf bilateraler Basis etwa über langfristige Kredite der Exportkreditagenturen geschehen oder multilateral durch zusätzliche Investitionsströme für Infrastrukturmaßnahmen der Weltbank und der regionalen Entwicklungsbanken (einschließlich der Interamerikanischen Entwicklungsbank, der Europäischen Investitionsbank, der Afrikanischen Entwicklungsbank und der Asiatischen Entwicklungsbank). Beide Kanäle sollten Anwendung finden. 

Den entwickelten Ländern ist zudem nicht klar, dass ohne eine sehr viel umfangreichere Finanzierung nachhaltiger Infrastruktur in der sich entwickelnden Welt – insbesondere im Bereich der nachhaltigen Stromerzeugung und -übertragung – im weiteren Verlauf dieses Jahres (oder überhaupt in naher Zukunft) keine globale Übereinkunft zum Klimawandel möglich sein wird. Aus irgendeinem Grund erwartet die reiche Welt, dass die armen Länder den Verbrauch fossiler Brennstoffe auch ohne größere Hilfe bei der Finanzierung neuer, nachhaltiger Energiequellen einschränken werden. Fast alle Vorschläge der reichen Länder über Zielgrößen, Limits, Zusagen und Genehmigungen für Treibhausgase schweigen sich über eine Hilfe an die armen Länder zur Finanzierung nachhaltiger Technologien aus.

Der G20-Gipfel in London am 2. April bietet Hoffnung auf eine echte, globale Anstrengung zur Reparatur der im Zusammenbruch begriffenen Weltwirtschaft. Er wäre der richtige Zeitpunkt und Ort, um einen globalen Feldzug in Richtung Nachhaltigkeit einzuleiten. Wenn wir es versäumen, uns der Herausforderung zu stellen, wird die globale Krise die Welt noch für viele Jahre gefährden.

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