Friday, April 18, 2014
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Die Nachhaltigkeitsmentalität

MAILAND: Märkte und kapitalistische Anreize tragen stark zu wirtschaftlicher Effizienz, Wachstum und Innovation bei. Zudem ist Wirtschaftswachstum, wie Ben Friedman von der Universität Harvard in seinem 2006 erschienen Buch The Moral Consequences of Growth überzeugendargumentierte, gut für offene, demokratische Gesellschaften. Aber Märkte und kapitalistische Anreize haben klare Schwächen, was die Gewährleistung von Stabilität, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit angeht, was den politischen und gesellschaftlichen Zusammenhalt negativ beeinflussen kann.

Die marktkapitalistischen Systeme und damit implizit das Wachstum aufzugeben, ist offensichtlich keine echte Alternative. Kollektiv haben wir kaum eine andere Wahl, als zu versuchen, das System an sich wandelnde technologische und globale Gegebenheiten anzupassen, um Stabilität, Gerechtigkeit (sowohl in Bezug auf die Chancen als auch die Ergebnisse) und Nachhaltigkeit zu erreichen. Von diesen drei Geboten ist Nachhaltigkeit möglicherweise am komplexesten und am schwierigsten umzusetzen.

Viele Menschen verbinden Nachhaltigkeit mit begrenzten natürlichen Ressourcen und der Umwelt. Die Weltwirtschaft wird im nächsten Vierteljahrhundert ihre Größe vermutlich verdreifachen, was größtenteils auf das Wachstum in den Entwicklungsländern zurückzuführen ist, die nun einkommensmäßig zu den entwickelten Ländern aufschießen und ähnliche Konsummuster übernehmen. Die Furcht, dass die natürlichen Ressourcen (im weiteren Sinne) und Erholungsfähigkeit unseres Planeten dem Druck nicht standhalten werden, ist begründet.

Für manche zieht diese Logik den Schluss nach sich, das Wachstum das Problem und weniger Wachstum die Lösung sei. Aber in den Entwicklungsländern, wo allein nachhaltiges Wachstum die Menschen aus der Armut befreien kann, kann die Antwort nicht lauten, das Wachstum zu begrenzen. Die Alternative ist, das Wachstumsmodell zu ändern, um die Auswirkungen eines höheren Grades an wirtschaftlicher Aktivität auf die natürlichen Ressourcen und die Umwelt zu verringern.

Aber es gibt keine Alternative, auf die wir uns alle umstellen können. Das Wachstumsmodell zu ändern bedeutet, im Laufe der Zeit aus einander ergänzenden Teilen schrittweise ein neues zu erfinden. Die beiden zentralen Bestandteile scheinen dabei Bildung und Werte zu sein. Jeder – nicht nur die Politiker – muss die Folgen unserer individuellen und kollektiven Entscheidungen begreifen. Wir müssen uns z.B. bewusst machen, dass Bevölkerungswachstum und ein steigendes Konsumniveau generationsübergreifende Folgen haben und dass unser heutiges Verhalten Lebensstil und Chancen unserer Kinder und Enkel beeinflussen wird.

Bisher war die Qualität unserer Entscheidungen nicht beeindruckend; sie spiegelt eine geringe Sensibilität für die Nachhaltigkeit und die Auswirkungen unserer Entscheidungen auf künftige Generationen wider. Infolgedessen haben viele entwickelte Länder aufgrund nicht nachhaltiger Wachstumsmuster gefährlich hohe öffentliche Schulden und sogar noch größere nicht verschuldungswirksame Verpflichtungen angehäuft.

Ich glaube, die meisten von uns treffen Entscheidungen, die sich negativ auf künftige Generationen auswirken, nicht bewusst. Also ist vielleicht ein lückenhaftes Wissen über die Folgen unserer Entscheidungen verantwortlich. Zudem ist ein einmal eingeschlagener Weg ungedeckter Verbindlichkeiten schwer zu verlassen, denn an dem Punkt, an dem man sich von diesem Weg abwendet, bezahlt eine Generation für die in der Vergangenheit eingegangenen Verpflichtungen und beginnt zumindest damit, die künftigen Verpflichtungen zu finanzieren. Das scheint unfair, und es ist unfair.

Die meisten Menschen stimmen möglicherweise darin überein, dass es unseren Nachkommen eine Belastung auferlegt, wenn wir – durch ungedeckte Sozialleistungen und -versicherungen oder die überproportionale Nutzung von Ressourcen – über unsere Verhältnisse leben. Das heißt aber noch nicht, dass wir uns einigen können, wer für die Finanzierung dieser Programme oder die Reduzierung unseres Ressourcenverbrauchs aufkommen sollte. Allzu oft ist es einfacher, das Verteilungsproblem zu „lösen“, indem man die Belastungen auf jene verlagert, die nicht da sind und von denen, die da sind, unzureichend vertreten werden.

Bildung und Werte sind die Grundlage vernünftiger individueller und, ultimativ, kollektiver Entscheidungen. Ohne sie wird es den Anreizen und politischen Strategien, die – wie die Ökonomen zu Recht argumentieren – erforderlich sind, um die Energieeffizienz zu steigern, unsere Kohlenstoffemissionen zu begrenzen, Wasser zu sparen usw., an Unterstützung fehlen, und sie werden im demokratischen Entscheidungsprozess untergehen.

Wenn sich die Nachhaltigkeit durchsetzen soll, muss dies primär ein Prozess von unten her sein. Die Umweltschützer haben Recht damit, sich auf Bildung und individuelle Entscheidungen zu konzentrieren, selbst wenn ihre politischen Vorschläge manchmal am Ziel vorbeigehen. Bildung und Werte werden lokale Innovationen vorantreiben, unseren Lebensstil ändern und gesellschaftliche Normen verschieben. Sie werden – mittels der Entscheidungen von Kunden und Mitarbeitern einschließlich der Unternehmensführer – auch das Geschäftsverhalten beeinflussen. Sie sind daher unverzichtbare Bestandteile der Formeln, die wir brauchen, um nachhaltige Wachstumsmuster zu verfolgen.

Doch während Bildung und Werte notwendig sind, sind sie eindeutig nicht hinreichend. Einander ergänzende nationale politische Strategien und internationale Vereinbarungen erfordern eine sorgfältige wissenschaftliche und wirtschaftliche Analyse und durchdachte Entscheidungen. Die Notwendigkeit eines Lastenausgleichs insbesondere zwischen den hochentwickelten Ländern und den Entwicklungsländern wird nicht einfach durch Zauber verschwinden. Und man darf die vom Klimawandel ausgehenden Risiken nicht mit der Nachhaltigkeitsagenda insgesamt verwechseln.

Es gibt eindeutige Schritte, die man ergreifen kann. Angemessene Regulierung und ausreichend lange Zeithorizonte können Strukturen aller Arten deutlich energieeffizienter machen, ohne dabei drückende Kosten zu verursachen. Auf ähnliche Weise kann man das Transportwesen weniger energieintensiv machen, ohne die Mobilität zu beschränken. Einige dieser Veränderungen erfordern möglicherweise eine internationale Koordinierung, um reale oder vermeintliche Wettbewerbsnachteile zu vermeiden.

Aber zu viel Koordinierung kann schlecht sein. Dies ist der Grund, warum die Verhandlungen zum Klimawandel sich vom fehlgeleiteten Ziel riskanter, über 50 Jahre erstreckender Zusagen über verbindliche CO2-Ziele auf parallele, schrittweise Prozesse, u.a. zur Steigerung der Energieeffizienz, einer besseren Stadtplanung, verbesserten Transportsystemen und zum kontinuierlichen Lernen verlagern. In gleicher Weise werden wasserintensive Unternehmen und Branchen einfach neue Technologien entwickeln und trotz Mangels blühen und gedeihen.

Die Fortschritte werden durch ein wachsendes Bewusstsein im bevölkerungsreichen Asien – und den Entwicklungsländern im Allgemeinen – unterstützt, dass Nachhaltigkeit der Schlüssel zum Erreichen langfristiger Wachstumsziele ist. Diese Sichtweise mag in einem Umfeld rapiden Wachstums leichter fallen, weil die Wachstumsmodelle dieser Länder einer kontinuierlichen Überprüfung und Anpassung bedürfen, um Bestand zu haben.

Im Laufe der Zeit ändern sich mit zunehmendem Erwerb und wachsender Verbreitung von Wissen die Werte. Eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Politik dürfte folgen. Unklar ist, ob wir diesen Punkt schnell genug erreichen werden, um schwerwiegende Belastungen oder gar potenzielle Konflikte zu vermeiden.

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  1. CommentedJeffrey Scofield

    In the United States, scientists have been educating students for decades about the issues of sustainability and climate change.  Even though education is widely available, the problem is cognitive dissonance.  This cognitive dissonance becomes apparent in the political process, as large portions of the population counteract education with misinformation and propaganda.  Any education one may receive can quickly be undone by influential peers and dishonest media. While the Koch Brothers, Donors Trust, and Exxon spend absurd amounts of money funding contrarian fringe science, meanwhile the creationist driven agenda works to counteract this educational campaign at the local level.

    This trend we've seen in recent years is almost unbelievable as we've actually lost ground in the serious debate on sustainability and climate change.  It wasn't due to a lack of education that this trend occurred but due to willful ignorance, irrational fears, corporate driven media, and conspiracy theories run amuck.

  2. CommentedTerry Mock

    "Sustainability may be the most complex and challenging" - Yes, so let's "adapt the system" by using the industry-developed SLDI Code: The World’s First Sustainable Development Decision Model that is symbolized as a universal geometrical algorithm that balances and integrates the triple-bottom line needs of people, planet and profit into a holistic, fractal model that becomes increasingly detailed, guiding effective decisions throughout the community planning, financing, design, regulating, construction and maintenance processes while always enabling project context to drive specific decisions. http://www.triplepundit.com/wp-content/uploads/2011/02/THE-FRACTAL-FRONTIER.pdf

    Sustainable Land Development Initiative
    http://www.triplepundit.com/author/sldi/

  3. CommentedDavid Bell

    Hi Mike,

    This is beautifully written, and succinctly lands some very important points.

    Your emphasis on education and values is spot on – though I agree that they are necessary but not sufficient underpinnings of sustainability. I used precisely the same formulation in the conclusion to my book chapter (see p. 21ff.) entitled “Education for Sustainable Development: Cure or Placebo?” - see http://www.lsf-lst.ca/en/what-is-esd/related-research-papers. Ultimately we require a global “culture of sustainability” in order to provide the foundation for sustainability-based wise choices, decisions and policies in the economy, political system, and society generally.

    I am reminded of the scenario exercise conducted a number of years ago by the World Business Council on Sustainable Development (WBCSD). They outlined three main scenarios, each of which was premised on the increasing environmental toll of economic activity.

    The first scenario (“FROG”) led to environmental disaster. Business As Usual continued under the banner “Forever Recognize Our Growth”. The double entendre of the title referred to the idea that a frog placed in lukewarm water that is gradually heated to the boiling point will fail to “pick up the signals” and instead of jumping our of the pot, will eventually die. By analogy, the global environment in this scenario deteriorates beyond critical thresholds because governments, businesses, and society in general fail to “pick up the signals” in time to avert tragedy. (Cf. the last sentence of your piece!).

    In the second scenario, GEO, the signals are picked up in time and draconian action is taken under the aegis of a Global Environmental Organization that is given sufficient authority and power to regulate and legislate the world’s businesses, governments and individuals to behave more sustainably. Disaster is averted.

    The third scenario was much preferred. Entitled JAZZ, it entailed a transformation of behaviour achieved through the influence of education and value change rather than through the power and authority of an all powerful global regulatory body. (I’m using these terms as defined in my book Power, Influence and Authority: An Essay in Political Linguistics.) Jazz in this case is not an acronym but a metaphor. Jazz musicians are able to co-create music spontaneously and collaboratively by improvising on a structure outlined in a shared “chart” that shows the melody and chord changes. By analogy, in the JAZZ scenario businesses, governments and citizens/consumers/householders would all be “on the same page” because they would all understand sustainability imperatives and would share the values needed to coordinate actions to achieve sustainable outcomes. Pretty far fetched to be sure, but an intriguing idea. What strikes me as useful in this scenario is the notion that a culture shift toward sustainability would make it a lot easier for both businesses and governments to adopt appropriate policies and decisions.

    Another key point you raise is the challenge of developing a more sustainable alternative to the growth model. Basically I think we have somehow to effect a transition from 20th century capitalism to 21st century sustainable enterprise. But what does this entail? I’m sure you are correct that this transition will require plenty of invention and innovation (or what I referred to in an earlier comment as “sustainability ingenuity”.) As you pointed out in your comments back to me, lots of the requisite ingenuity appears to be going on. But how much more is needed? How can we hasten it along? And what will a sustainable economy look like?

    I think we have a fair idea of the “design specs” for a sustainable economy. At minimum I think a sustainable economy must:

    • Create sustainable livelihoods for (most of) the world’s 1 billion unemployed
    • Provide products and services that meet basic needs (food, shelter, water, energy) for a population of over 7 billion rapidly growing toward 9 billion
    • Drastically reduce waste (According to Paul Hawken et al.’s book Natural Capitalism, 99% of everything produced in the USA is in the waste stream within 6 months!!)
    • Reduce throughputs of energy and materials by factor of 10 (or more likely a factor of 20)
    • Operate on a low carbon basis that will allow us to reduce GHG’s approx 80% by 2050
    • Reduce environmental impacts and contribute to environmental conservation/restoration
    • Reduce transportation impacts (for workers, inputs, and products)
    • Encourage sustainable consumption
    • Ensure that all companies and businesses are socially and environmentally responsible
    • Achieve “smart” effective regulation.

    For me the most hopeful point you make in The Sustainability Mindset is about the growing attention to sustainability in Asia and throughout the developing world. No doubt you are doing what you can to encourage this.

    Thanks again Mike!

    David
    David V. J. Bell

  4. CommentedZahed Yousuf

    whilst I agree with most of what has been discussed so far with regards to Sustainability - the question I have is who do want to drive forward this bottom up approach? Do we trust politicians and policy makers - as F Hayek points out it is impossible for central planners to have sufficient knowledge to be able to allocate resources efficently and effectively for the benefit of the whole society. Therefore the power to make decisions and policies should be decentralised to many different individuals who are more closely affected by the decisions. This is consistent with the bottom approach but it will mean the private sector will be required to take a much more pro active role in our decisiosn making process. At present the private sector and the financing of the private sector is not designed in such a way to cope with this responsibility and talking to investment bankers and politicians there does seem to be a change in mindset

  5. Portrait of Kristy Mayer

    CommentedKristy Mayer

    Incomplete knowledge is one explanation for why people so often make choices that reflect little sensitivity to sustainability. But, behavioral economics concepts - e.g., hyperbolic discounting, payment decoupling, aspects of prospect theory, and mental accounting theories (which postulate that people have sticky, pre-conceived notions of how much they will spend on different types of goods, like electricity bills) - also seem to explain much of our poor choices.

    In recommending how to encourage sustainability mindsets going forward, it is important to acknowledge these behavioral factors. Education and improved values would still be part of the solution, but behavioral explanations suggest that education might focus not just on the consequences of making inefficient decisions but also on the logistics of how to make efficient decisions. Further, it suggests a broader role for public policy - beyond burden sharing, public policy could also improve decision making by introducing channel factors or re-framing efficiency decisions.

  6. CommentedProcyon Mukherjee

    One cannot agree more that education and values hold the key to the future of the sustainability framework. I am however completely influenced by the Swiss example of pricing a common good at all fairness that reflects not only the opportunity costs but also the true long term value that it should command keeping in view the sustainability stand point. Water may be abundant in this country but it is priced the highest in relative terms compared to any other country of the world, which is a small example of how it drives behavior towards conservation. This is true for any other facet from handling of wastes to conservation of natural endowments; this element of sacrifice holds the key to the future, a value that is greatly neglected in the currency of consumption on which the world attempts to prosper.

    Procyon Mukherjee

  7. CommentedPaul A. Myers

    If sustainability requires making good collective choices, then meaningful feedback needs to get back into the decision-making process. This requires pricing externalities into economic decisions.

    In the US today, and this year's election in particular, huge forces led by billionaire plutocrats are working to negate the processes by which negative consequences feed back into the collective choice processes of American society. Denial, not consequence, is the desired rule.

    A major problem in the developed world is that wealth concentration favors extraction of short-term gain at the expense of long-term sustainability. Will democratic processes be able to overcome this force?

  8. CommentedKen Peterson

    Well said, Zsolt!
    Things never work out in logical fashion as we all know. The horror that will be delivered upon the unsuspecting of the earth will never be equitably shared between the 1 and the 99.
    Should there ever, in fact, be a return to earth of the Man who said "care for the meek and the needy," the coming 50 years should be the perfect time.

  9. CommentedZsolt Hermann

    I completely agree with the author that the only options we have to change our present human model is education and values of society.

    And I also agree that the way it is happening today has very minimal effect on most part of society, especially as the leading layers of society ignore it and if it becomes too close to them discredit even the scientific data showing the ill effects and unsustainable nature of the constant growth model. And since this is the social layer that could truly drive a mass scale global education we are in a dead end. How could we motivate the top layer to buy into this education program changing social values?

    Fortunately humans are not above the system of nature, but we are parts of it, bound by its natural laws.

    The constant growth model with its way beyond necessity production/consumption requiring outsripping resources is unsustainable because it goes against all the natural laws of living systems, breaking the balance and homeostasis of the system.

    Thus we are witnessing a system failure and we see every day that there is no solution, the desperate helpless attempts of our politicians and financial leaders just make our situation even worse making recovery much more difficult.

    By now it is quite clear there is no way out using our previous methods and tricks, and it is also clear to most people that this new closed, integral, interdependent system is something we never experienced before.

    The crisis and the lack of solution and the growing public anger, global demonstrations could provide the negative motivation, the pinch from the backside moving the leaders out of their comfort zone to consider initiating the global education necessary.

    Of course if we are wise and look at the vast data already available we could avoid the negative push from behind, and strat education and changing values before the crisis gets so bad that we all suffer from it from the 1% to the 99%.

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