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Die Nachhaltigkeitsmentalität

MAILAND: Märkte und kapitalistische Anreize tragen stark zu wirtschaftlicher Effizienz, Wachstum und Innovation bei. Zudem ist Wirtschaftswachstum, wie Ben Friedman von der Universität Harvard in seinem 2006 erschienen Buch The Moral Consequences of Growth überzeugendargumentierte, gut für offene, demokratische Gesellschaften. Aber Märkte und kapitalistische Anreize haben klare Schwächen, was die Gewährleistung von Stabilität, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit angeht, was den politischen und gesellschaftlichen Zusammenhalt negativ beeinflussen kann.

Die marktkapitalistischen Systeme und damit implizit das Wachstum aufzugeben, ist offensichtlich keine echte Alternative. Kollektiv haben wir kaum eine andere Wahl, als zu versuchen, das System an sich wandelnde technologische und globale Gegebenheiten anzupassen, um Stabilität, Gerechtigkeit (sowohl in Bezug auf die Chancen als auch die Ergebnisse) und Nachhaltigkeit zu erreichen. Von diesen drei Geboten ist Nachhaltigkeit möglicherweise am komplexesten und am schwierigsten umzusetzen.

Viele Menschen verbinden Nachhaltigkeit mit begrenzten natürlichen Ressourcen und der Umwelt. Die Weltwirtschaft wird im nächsten Vierteljahrhundert ihre Größe vermutlich verdreifachen, was größtenteils auf das Wachstum in den Entwicklungsländern zurückzuführen ist, die nun einkommensmäßig zu den entwickelten Ländern aufschießen und ähnliche Konsummuster übernehmen. Die Furcht, dass die natürlichen Ressourcen (im weiteren Sinne) und Erholungsfähigkeit unseres Planeten dem Druck nicht standhalten werden, ist begründet.

Für manche zieht diese Logik den Schluss nach sich, das Wachstum das Problem und weniger Wachstum die Lösung sei. Aber in den Entwicklungsländern, wo allein nachhaltiges Wachstum die Menschen aus der Armut befreien kann, kann die Antwort nicht lauten, das Wachstum zu begrenzen. Die Alternative ist, das Wachstumsmodell zu ändern, um die Auswirkungen eines höheren Grades an wirtschaftlicher Aktivität auf die natürlichen Ressourcen und die Umwelt zu verringern.

Aber es gibt keine Alternative, auf die wir uns alle umstellen können. Das Wachstumsmodell zu ändern bedeutet, im Laufe der Zeit aus einander ergänzenden Teilen schrittweise ein neues zu erfinden. Die beiden zentralen Bestandteile scheinen dabei Bildung und Werte zu sein. Jeder – nicht nur die Politiker – muss die Folgen unserer individuellen und kollektiven Entscheidungen begreifen. Wir müssen uns z.B. bewusst machen, dass Bevölkerungswachstum und ein steigendes Konsumniveau generationsübergreifende Folgen haben und dass unser heutiges Verhalten Lebensstil und Chancen unserer Kinder und Enkel beeinflussen wird.

Bisher war die Qualität unserer Entscheidungen nicht beeindruckend; sie spiegelt eine geringe Sensibilität für die Nachhaltigkeit und die Auswirkungen unserer Entscheidungen auf künftige Generationen wider. Infolgedessen haben viele entwickelte Länder aufgrund nicht nachhaltiger Wachstumsmuster gefährlich hohe öffentliche Schulden und sogar noch größere nicht verschuldungswirksame Verpflichtungen angehäuft.

Ich glaube, die meisten von uns treffen Entscheidungen, die sich negativ auf künftige Generationen auswirken, nicht bewusst. Also ist vielleicht ein lückenhaftes Wissen über die Folgen unserer Entscheidungen verantwortlich. Zudem ist ein einmal eingeschlagener Weg ungedeckter Verbindlichkeiten schwer zu verlassen, denn an dem Punkt, an dem man sich von diesem Weg abwendet, bezahlt eine Generation für die in der Vergangenheit eingegangenen Verpflichtungen und beginnt zumindest damit, die künftigen Verpflichtungen zu finanzieren. Das scheint unfair, und es ist unfair.

Die meisten Menschen stimmen möglicherweise darin überein, dass es unseren Nachkommen eine Belastung auferlegt, wenn wir – durch ungedeckte Sozialleistungen und -versicherungen oder die überproportionale Nutzung von Ressourcen – über unsere Verhältnisse leben. Das heißt aber noch nicht, dass wir uns einigen können, wer für die Finanzierung dieser Programme oder die Reduzierung unseres Ressourcenverbrauchs aufkommen sollte. Allzu oft ist es einfacher, das Verteilungsproblem zu „lösen“, indem man die Belastungen auf jene verlagert, die nicht da sind und von denen, die da sind, unzureichend vertreten werden.

Bildung und Werte sind die Grundlage vernünftiger individueller und, ultimativ, kollektiver Entscheidungen. Ohne sie wird es den Anreizen und politischen Strategien, die – wie die Ökonomen zu Recht argumentieren – erforderlich sind, um die Energieeffizienz zu steigern, unsere Kohlenstoffemissionen zu begrenzen, Wasser zu sparen usw., an Unterstützung fehlen, und sie werden im demokratischen Entscheidungsprozess untergehen.

Wenn sich die Nachhaltigkeit durchsetzen soll, muss dies primär ein Prozess von unten her sein. Die Umweltschützer haben Recht damit, sich auf Bildung und individuelle Entscheidungen zu konzentrieren, selbst wenn ihre politischen Vorschläge manchmal am Ziel vorbeigehen. Bildung und Werte werden lokale Innovationen vorantreiben, unseren Lebensstil ändern und gesellschaftliche Normen verschieben. Sie werden – mittels der Entscheidungen von Kunden und Mitarbeitern einschließlich der Unternehmensführer – auch das Geschäftsverhalten beeinflussen. Sie sind daher unverzichtbare Bestandteile der Formeln, die wir brauchen, um nachhaltige Wachstumsmuster zu verfolgen.

Doch während Bildung und Werte notwendig sind, sind sie eindeutig nicht hinreichend. Einander ergänzende nationale politische Strategien und internationale Vereinbarungen erfordern eine sorgfältige wissenschaftliche und wirtschaftliche Analyse und durchdachte Entscheidungen. Die Notwendigkeit eines Lastenausgleichs insbesondere zwischen den hochentwickelten Ländern und den Entwicklungsländern wird nicht einfach durch Zauber verschwinden. Und man darf die vom Klimawandel ausgehenden Risiken nicht mit der Nachhaltigkeitsagenda insgesamt verwechseln.

Es gibt eindeutige Schritte, die man ergreifen kann. Angemessene Regulierung und ausreichend lange Zeithorizonte können Strukturen aller Arten deutlich energieeffizienter machen, ohne dabei drückende Kosten zu verursachen. Auf ähnliche Weise kann man das Transportwesen weniger energieintensiv machen, ohne die Mobilität zu beschränken. Einige dieser Veränderungen erfordern möglicherweise eine internationale Koordinierung, um reale oder vermeintliche Wettbewerbsnachteile zu vermeiden.

Aber zu viel Koordinierung kann schlecht sein. Dies ist der Grund, warum die Verhandlungen zum Klimawandel sich vom fehlgeleiteten Ziel riskanter, über 50 Jahre erstreckender Zusagen über verbindliche CO2-Ziele auf parallele, schrittweise Prozesse, u.a. zur Steigerung der Energieeffizienz, einer besseren Stadtplanung, verbesserten Transportsystemen und zum kontinuierlichen Lernen verlagern. In gleicher Weise werden wasserintensive Unternehmen und Branchen einfach neue Technologien entwickeln und trotz Mangels blühen und gedeihen.

Die Fortschritte werden durch ein wachsendes Bewusstsein im bevölkerungsreichen Asien – und den Entwicklungsländern im Allgemeinen – unterstützt, dass Nachhaltigkeit der Schlüssel zum Erreichen langfristiger Wachstumsziele ist. Diese Sichtweise mag in einem Umfeld rapiden Wachstums leichter fallen, weil die Wachstumsmodelle dieser Länder einer kontinuierlichen Überprüfung und Anpassung bedürfen, um Bestand zu haben.

Im Laufe der Zeit ändern sich mit zunehmendem Erwerb und wachsender Verbreitung von Wissen die Werte. Eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Politik dürfte folgen. Unklar ist, ob wir diesen Punkt schnell genug erreichen werden, um schwerwiegende Belastungen oder gar potenzielle Konflikte zu vermeiden.