Friday, November 28, 2014
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Aufstand der twitternden Klassen Chinas

PEKING – Letzte Woche wurde Liu Xiaobo mit dem Friedensnobelpreis 2010 für seinen langen und gewaltlosen Kampf für grundlegende Menschenrechte in China ausgezeichnet. Der Preis wird zu einem entscheidenden Moment in der chinesischen Politik vergeben und könnte gut zu ersten Schritt auf Chinas langem Marsch in Richtung größere Freiheit werden.

Doch wird Lius Nobelpreis in den Medien des chinesischen Festlands nur wenig diskutiert. Die staatliche Propagandaabteilung hat den größten Medien befohlen, die Nachricht nicht unter der allgemeinen Bevölkerung zu verbreiten und ihnen eine strenge Zensur auferlegt. Tatsächlich wurde Liu in den viel gesehenen nationalen 19-Uhr-Nachrichten des chinesischen Zentralsenders CCTV am Tag der Preisverleihung mit keinem Wort erwähnt.

Trotz der Nachrichtensperre ging es in Chinas Blogosphäre und Mikroblogs hoch her, nachdem Liu als Preisträger bekannt gegeben wurde. Zum Beispiel benutzten die Blogger auf der Mikroblog-Website von Sina Bilder, Euphemismen, Englisch oder traditionelle chinesische Schriftzeichen, um die Zensur zu umgehen.

Mikroblogging im Twitter-Stil ist in China extrem populär. Twitter.com wurde im letzten Jahr offiziell gesperrt, nach dem 20. Jahrestag des brutalen Vorgehens am Platz des Himmlischen Friedens und der Ausschreitungen in Xinjiang in jenem Sommer. Kurz darauf wurde sein berühmtester chinesischer Nachahmer, Fanfou.com, ebenfalls geschlossen, wodurch eine Million registrierte Nutzer heimatlos wurden. Doch obwohl in China nur über Proxy-Server auf Twitter zugegriffen werden kann, spielt es immer noch eine entscheidende Rolle im chinesischen Internet, weil es die Möglichkeit bietet, unterschiedliche Nachrichtenquellen und Sozialaktivisten miteinander zu verbinden.

Tatsächlich ist Twitter der einzige Ort, an dem die Menschen frei über Lius Nobelpreis sprechen können. Eine Suche nach dem Hashtag „#Liuxiaobo“ zeigt, dass Hunderte Male pro Minute entsprechende Nachrichten hinzukommen.

Im Allgemeinen ist Twitter zu einem leistungsstarken Hilfsmittel für chinesische Bürger geworden, die in der Berichterstattung über lokale Nachrichten aus ihren Gemeinden eine immer größere Rolle spielen. Doch könnte die durch das Mikroblogging hervorgebrachte gesellschaftliche Revolution noch wichtiger sein als die Kommunikationsrevolution. Hier sind die chinesischen Twitter-Nutzer sogar weltführend: Sie verwenden den Dienst für alles Mögliche, vom gesellschaftlichen Widerstand, eigenen Ermittlungen und der Überwachung der öffentlichen Meinung bis hin zu schwarzer Satire, „dem Organisieren ohne Organisationen“ in der Bewegung gegen Müllverbrennung in Guangdong und dem Verschicken von Postkarten an politische Häftlinge.

Seitdem die Iraner Twitter für den Informationsaustausch nutzten und um die Außenwelt über die sich ausbreitenden Proteste gegen die gestohlene Präsidentschaftswahl im Juni 2009 zu informieren, gab es viele Diskussionen über die Rolle des digitalen Aktivismus in autoritären Ländern wie China. Bedeutet die Web 2.0-Technologie, dass die „Twivolution“ eines Tages eine ähnliche Rolle beim demokratischen Wandel in China spielen wird?

Der politische Twitter-Aktivismus in China stellt die stark vereinfachende, jedoch weitverbreitete Annahme in Frage, dass soziale Medien in den Händen von Aktivisten schnell zu einer Mobilisierung der Massen und gesellschaftlichem Wandel führen können. Stattdessen fördern diese Werkzeuge und Kanäle für den Informationsaustausch subtilere soziale Fortschritte.

In dieser Subtilität spiegelt sich der Unterschied zwischen Makro- und Mikropolitik wider. Die Makropolitik bezieht sich auf die Struktur, während die Mikropolitik täglich stattfindet. Änderungen im mikropolitischen System führen nicht unbedingt zu einer Anpassung in der Makrostruktur, insbesondere in überkontrollierten politischen Systemen wie dem chinesischen. Doch wenn kleine Gruppen gut organisiert sind, können sie das Wohlergehen der Gesellschaft insgesamt stark verbessern, Stück für Stück, indem sie auf der Mikroebene arbeiten. „Mikroinformationen“ und „Mikroaustausch“ können den realen Wandel beschleunigen.

Warum ist Mikromacht so wichtig? In der Vergangenheit haben sich nur einige wenige hochmotivierte Menschen politisch engagiert; die Massen ergriffen fast gar keine Initiative. Leidenschaftliche Menschen verstanden nicht, warum ihre Bemühungen der Öffentlichkeit egal zu sein schienen. Heutzutage können hochmotivierte Menschen die Handlungsschwelle so herabsetzen, dass Menschen mit weniger Leidenschaft sich ihren Bemühungen anschließen.

Derzeit weist die chinesische Twitter-Sphäre drei herausragende Merkmale auf. Erstens: Da die chinesischen Machthaber ihre Zensurbemühungen verstärken, ist Twitter stark politisiert worden. Zudem bringt Twitter Meinungsführer an einem virtuellen Tisch zusammen und zieht so jede Menge „neue öffentliche Intellektuelle“ und „Verfechter allgemeiner Rechte“ an sowie Veteranen der Bürgerrechtsbewegung und Dissidenten im Exil. Sein Einfluss auf das chinesische Internet und die traditionellen Medien ist das Ergebnis dieser Zusammenführung.

Und schließlich kann Twitter in China als Hilfsmittel zur Mobilisierung genutzt werden. In den letzten Jahren gab es eine sprunghafte Zunahme der Aktivitäten, was darauf hinweist, dass Twitter zur Koordinationsplattform für viele Kampagnen zur Verteidigung der Bürgerrechte geworden ist. Durch die Ausbreitung von Twitter-Nachahmern in China (alle großen Portale bieten jetzt Mikroblogging-Dienste an) bekommen soziale Bewegungen in China langfristig Auftrieb.

Somit ist Twitter zu einem wichtigen Instrument für die Unterstützung strittiger politischer Überzeugungen in China geworden. Es kann Diskussion und Handeln wirksam verbinden, weitreichende Kampagnen anstoßen und Gemeinsamkeiten zwischen den Verfechtern allgemeiner Rechte, öffentlichen Intellektuellen und Twitter-Nutzern aller Art schaffen. Tatsächlich deutet eine Reihe von Protesten und Veranstaltungen, die seit der zweiten Hälfte 2009 stattgefunden haben, auf eine enge Beziehung zwischen Twitter und einer kontroversen politischen Haltung im realen Leben hin und bietet somit neue Möglichkeiten, Chinas autoritäres Regime umzugestalten.

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