Exit from comment view mode. Click to hide this space
Email | Print

Das Liquiditätsrätsel

Zunehmend hören wir, dass es weltweit „Liquidität im Überfluss“ gebe; darum sei es gerechtfertigt, davon auszugehen, dass die Preise für Anlagewerte weiter steigen. Aber was bedeutet eine derartige Liquidität – und gibt es wirklich einen Grund, zu erwarten, dass sie einen weiteren Anstieg der Aktienkurse und Immobilienpreise sicherstellt?

Liquide Vermögenswerte sind Wertanlagen, die Bargeld ähneln, weil sie sich auf einfache Weise in Bargeld umwandeln lassen und verwendet werden können, um andere Wertanlagen zu erwerben. Die Idee scheint zu sein, dass gegenwärtig eine Menge liquider Wertanlagen herumschwirren und dass sie verwendet werden, um an Geld zu kommen, um die Aktienkurse, Eigenheimpreise, die Preise von Land und Kunstwerken usw. in die Höhe zu bieten.

Diese Theorie klingt so allgemein und grundlegend wie die Theorie, dass die globale Erwärmung die Gletscher weltweit zum Abschmelzen bringt und den Meeresspiegel anhebt. Steigende Meeresspiegel würden eine Menge geologischer und wirtschaftlicher Ereignisse erklären. Ist die zunehmende finanzielle Liquidität wirklich eine ähnliche Kraft? Was besagt diese Theorie überhaupt?

Im herkömmlichen Sinne würde der Begriff „Liquidität im Überfluss“ nahe legen, dass die Zentralbanken weltweit die Geldmenge zu sehr anheben, sodass zu viel Geld da ist, um zu wenige Güter zu erwerben. Doch wenn dies das Problem wäre, würden alle Preise – einschließlich derer etwa von Kleidung und Haarschnitten – ansteigen. Das war, was der Präsident der Federal Reserve, Arthur Burns, meinte, als er 1971 – in einer Zeit, als die Sorge einer allgemeinen Inflation galt – äußerte, dass es in den Vereinigten Staaten „Liquidität im Überfluss“ gebe.

Der Begriff „Liquidität im Überfluss“, wie er derzeit so populär ist, datiert freilich aus dem Jahre 2005, einer Zeit, als viele Zentralbanken die geldpolitischen Zügel anzogen. In den USA, erhöhte die Fed die Zinsen steil. Die Zentralbanken überall auf der Welt haben sich seit 2005, was die allgemeine Inflation angeht, ganz klar relativ verantwortlich verhalten. Laut dem IWF hat die Inflation – gemessen an den Verbraucherpreisindices – seit 2005 im Allgemeinen abgenommen und ist lediglich in 2007 leicht angestiegen.

Es ist also ein bisschen seltsam, dass die Menschen in 2005 anfingen, den Begriff derart häufig zu verwenden. Vielleicht hatte es etwas mit der fast vollständig ausbleibenden Reaktion der langfristigen Zinsen auf die Straffung der Geldpolitik zu tun. Wenn die Zentralbanken die geldpolitischen Zügel anziehen, ohne dass die langfristigen Zinsen steigen, braucht man irgendeine Erklärung. Liquidität ist einfach ein gut klingendes Wort, um dieses Phänomen zu interpretieren.

Eine andere Interpretation ist, dass die Leute eine Menge sparen und dass all dieses Geld nach Anlagemöglichkeiten sucht, was die Preise in die Höhe treibt. Der gegenwärtige Präsident der Federal Reserve, Ben Bernanke, hat diese Idee vor ein paar Jahren aufgebraucht, als er von einer weltweiten „Ersparnisschwemme“ sprach.

Doch auch dies geben die Daten nicht her. Die Sparquote laut IWF zeigt seit Beginn der 1970er Jahre relativ kontinuierlich nach unten, und obwohl sie seit 2002 leicht angestiegen ist, liegt sie noch immer deutlich unter den Spitzenwerten der vorangegangenen drei Jahrzehnte. Sicher, die Sparquoten in den Schwellenmärkten und den ölreichen Ländern sind seit 1970 und vor allem in den letzten paar Jahren angestiegen, aber dies wurde durch sinkende Sparquoten in den fortgeschrittenen Ländern ausgeglichen.

Laut einer weiteren Interpretation bedeutet „Liquidität im Überfluss“ lediglich, dass die Zinsen niedrig sind. Aber die Zinsen sind seit 2003 weltweit im Steigen begriffen. Kaum jemand sprach 2003 davon, dass die Welt „vor Liquidität überflösse“. Die Verwendung dieses Begriffes hat parallel zu steigenden , nicht fallenden Zinsen zugenommen.

Noch eine andere Theorie besagt, dass Änderungen in der Art und Weise, wie wir mit Risiken umgehen, die Risikoaufschläge verringert haben. Der hohe Entwicklungsstand der Finanzmärkte ermögliche es, dass Risiken stärker denn je aufgesplittet und gestreut werden. Und tatsächlich leuchtet es ein, dass der viel gerühmte Markt für besicherte Schuldverschreibungen, der Risiken in Tranchen unterteilt und die unterschiedlichen Risikoniveaus je nach der Bereitschaft zur Risikoübernahme an unterschiedlichen Orten platziert, eine Rolle dabei gespielt hat, die Preise der Anlagewerte in die Höhe zu treiben. Aber dies ist eigentlich eine Theorie über das Risikomanagement für verschiedene Produkttypen, nicht über „Liquidität“ per se .

Hyun Song Shin von der Universität Princeton hat im Rahmen eines gemeinsam mit Tobias Adrian verfassten Vortrags vor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Brunnen, Schweiz, eine Theorie zu Liquiditätsüberschüssen vorgeschlagen. Danach handele es sich bei diesen lediglich um einen Feedbackmechanismus, der immer präsent sei: Jeder anfängliche Aufwärtsschock der Preise von Anlagewerten stärke die Bilanzen der Finanzinstitute, sodass sie als Reaktion darauf mehr Kredite aufnähmen und die Kurse noch weiter in die Höhe trieben.

Doch wenn das die Bedeutung des Begriffs „vor Liquidität überfließen“ ist, dann spiegelt seine weit verbreitete Verwendung heute lediglich die hohen Anlagekurse wider, die wir heute schon haben. Man könnte den Begriff dann sogar als ein ungefähres Synonym für „Spekulationsblase“ auffassen.

Der Begriff „Liquidität im Überfluss“ war das letzte Mal kurz vor dem US-Börsenkrach vom 19. Oktober 1987 in Vogue, einem der steilsten Kursstürze innerhalb eines Tages in der Geschichte. Die Gründe für diesen Börsenkrach sind komplex, doch wie ich in meiner eine Woche später durchgeführten Fragebogenumfrage feststellte, schien es, als ob die Leute den Kursbewertungen letztlich nicht mehr trauten. Infolgedessen verfolgten sie Anlagestrategien – wie die zu jener Zeit beliebten Portfolio-Versicherungen –, die es ihnen ermöglichten, schnell aus dem Markt auszusteigen.

Auch in den Jahren 1999 und 2000 wurde der Begriff „Liquidität im Überfluss“ häufig verwendet – genau vor einem bedeutenden Höchststand des Aktienmarktes. Seine weit verbreitete Verwendung scheint also nichts widerzuspiegeln, auf das man den Finger legen könnte, sondern vielmehr ein allgemeines Gefühl, dass die Märkte überhitzt sind, und einen Mangel an Vertrauen in die Kursbewertungen. Legt man eine solche Interpretation an, gibt die Popularität des Begriffes Anlass zur Sorge: Sie könnte auf eine Marktpsychologie hinweisen, die zu einer Anfälligkeit des Marktes für fallende Kurse führen könnte.

Reprinting material from this Web site without written consent from Project Syndicate is a violation of international copyright law. To secure permission, please contact us.

Exit from comment view mode. Click to hide this space

Comments (0)

You need to login in order to leave a comment. If you do not yet have an account, please register.

Show comments of
close

The two commenting options explained

Watch a 1 minute video
to discover how you can comment on the entire article or a specific paragraph. The two images below also explain the two ways of commenting.

1) Entire article comment
Once logged in, simply click inside the comment box where it says "Enter text here." Enter and post your comment.

2) Paragraph comment
Please log in first. Then click to the left of the desired paragraph. Your cursor will automatically move to the comments box. Enter and post your comment.

Top Project Syndicate commentaries

Email this article

Your name is required.

Your email is required.


Your friend's name is required.

Your friend's email is required.


A message is required.