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Das ewige Schisma

Die heiligsten Feste der Christenheit scheinen immer wieder neue Auseinandersetzungen zwischen dem Römischem Katholizismus und der Russischen Orthodoxie, zwischen dem Ersten Rom und dem Drittel Rom zu entfachen. Das ist auch an diesem Ostern nicht anders. Neu ist dieses Mal nur, daß der Sturm aus heiterem Himmel losbrach.

Im letztes Jahr erteilte Rußlands Patriarch Aleksej dem Besuch des katholischen Mädchenchores vom Saint Danilov-Kloster in Moskau seinen Segen. Noch wichtiger, kurz darauf wertete der Patriarch die Delegation der Orthodoxie zum ökumenischen Gebet am 24. Januar auf. Zu ihm hatte Papst-Johannes Paul II nach Assisi eingeladen. Dem sollte der Besuch eines höheren Kirchenbeamten aus dem Vatikan, nämlich von Kardinal Walter Kasper, in Moskau folgen. Der Kardinal ist Präsident des Pontifikalrates zur Förderung der Einheit der Christenheit und hatte geholfen, den Papstbesuch in der Ukraine, in Kasachstan und in Armenien im letzten Jahr vorzubereiten. Eine Einladung zum Pabstbesuch in Moskau (ein lang gehegter Traum von Johannes Paul II) schien endlich in greifbare Nähe gerückt zu sein.

Diese wohlwollende Annäherung endete, als der Vatikan Pläne bekannt gab, nach denen die Katholische Kirche in Übersee, darunter auch in Rußland neu organisiert werden sollte. In Moskau sollte eine katholische Erzdiözese (entweder unter einem Kardinal oder einem Erzbischof) eingerichtet werden. Noch vier andere apostolische Pfarrbezirke in Rußland sollten in Diözesen umgewandelt werden. Die Veränderungen sollten nach Aussagen von Dr. Joaquin Navarro-Valls, dem Pressesprecher des Vatikans ,,katholischen Gläubigen bessere Möglichkeiten" einräumen.

Der Pressesekretär des Papstes nannte diese Änderungen eine rein "technische Frage ", die nichts mit ,,Bekehrungsversuchen" zu tun habe. Ähnliche Maßnahmen hatte erst kürzlich der Moskauer Patriarch im Hinblick auf orthodoxe Pfarrbezirke in Berlin, Wien und Brüssel ergriffen.

Moskaus reagierte prompt und verheerend. Erzbischof Clement von Kaluga und Borovsk, der zweite Vorsitzende der Abteilung für Auswärtige Beziehungen der Kirche, erklärte "die vom Vatikan angekündigten Maßnahmen verstießen gegen die kanonischen Prinzipien und Normen der zwischenkirchlichen Beziehungen und stellten ein ernstes Hindernis zur Entwicklung des Dialogs zwischen den beiden Kirchen dar. Bald danach wurde der Besuch Kardinal Kaspers abgesagt.

Um nicht abseits zu stehen, griff auch Rußlands Außenministerium in die Auseinandersetzung ein. Außenminister Igor Ivanov drückte sein "Bedauern" über die Schritte des Vatikans aus und unterließ auf seiner Reise nach Rom in diesem März zum ersten Mal seit vielen Jahren das obligatorische Telefonat mit dem Heiligem Stuhl. Eine Resolution ,,zur Rettung der Orthodoxie", wurde überstürzt durch die Duma gebracht und außerdem fanden Straßenproteste vor der päpstlichen Nuntiatur statt.

Das alles ereignete sich während einer "virtuellen" Wallfahrt nach Moskau, die Papst-Johannes Paul II mit Hilfe des Internets beging. Sie wurde mittels einer Fernsehverbindung zwischen dem Apostolischen Palast auf dem Vatikan und der Kirche der Unbefleckten Empfängnis in Moskau bewerkstelligt. Von riesigen Fernsehschirmen herab segnete Karol Wojtyla katholische Gläubige in russischer Sprache. Auch diese ziemlich harmlose Veranstaltung verlief nicht ohne Probleme. Das Zollamt am internationalen Flughafen in Moskaus weigerte sich bis zum letzten Moment, die Einfuhrgenehmigung für die elektronische Ausrüstung der Fernsehübertragung zu erteilen.

Warum wollen Katholizismus und Orthodoxie in einer Zeit, in der sich Amerika und Rußland anschicken zusammenzuarbeiten, sich statt dessen lieber weiterhin an die Gurgel gehen? Die gegenwärtige Krise hatte schon eine geraume Zeit im Untergrund geschwelt und ist erst jetzt zur Oberfläche durchgebrochen. Das Moskauer Patriarchat fürchtet nämlich die reale Möglichkeit, daß Präsidenten Putin Johannes Paul II zu einem Staatsbesuch nach Rußland einladen könnte. Der Papst würde dann in seiner Eigenschaft als Staatsoberhaupt (des Kirchenstaates) und nicht in seiner geistlichen Funktion eingeladen..

Der Patriarch brauchte nun einen Stock, um damit im Kreml jede Versuchung zu einer solchen Einladung niederzuknüppeln. Und so hatte man dort wohl in der Entscheidung des Vatikan, seine Diözesen in Rußland neu zu organisieren, etwas wie ein Geschenk des Himmels gesehen. Die Führung der Orthodoxen Kirche will nicht erleben müssen, daß der gegenwärtige römische Papst jemals nach Rußland eingeladen wird und sie scheint auf seine Ablösung an der Spitze des Heiligen Stuhles zu warten.

Warum das so ist? Zunächst deshalb, weil das nächste Papst mit Sicherheit nicht wieder ein Pole sein dürfte. In der Tat ist es unwahrscheinlich, daß es sich dabei um irgendeinen anderen Slawen handeln könnte. Sodann wird der nächste Papst nicht von Anfang an mit einer solch enormen moralischen Autorität ausgestattet sein, wie sie sich Johannes Paul II überall in der Welt erworben hat. Somit könnte der Patriarch öffentlich mit ihm eher auf gleicher Ebene sprechen und sich dementsprechend auch an ihm messen lassen.

Die scharfe Reaktion des Orthodoxen Patriarchats auf die Maßnahmen des Heiligen Stuhles spiegeln die andauernde Krise um Führung und Legitimität innerhalb der Russisch Orthodoxen Kirche wider. Hier tobt offensichtlich ein Machtkampf um die Nachfolge von Aleksej II. Nach fast einem Jahrhundert der Unterdrückung kämpft die Orthodoxe Kirche noch immer darum, ihre Rolle in Rußlands nachkommunistischer Gesellschaft zu bestimmen, und findet es schwierig, mit gewandteren (und selbstsicheren) Kirchen zu konkurrieren. Zudem ist Patriarch Aleksej II, obwohl er jünger als Johannes Paul II. ist, selbst in den "Herbst seines Patriarchats" eingetreten. Es stimmt traurig zu sagen, daß der Impuls zur Aussöhnung zwischen den beiden Kirchen deshalb solange eher ins Leere stoßen dürfte, bis zwei neue Oberhäupter die Führung ihrer Gläubigen übernehmen werden.

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