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Die Demokratisierung der Entwicklungshilfe

Die weltweite Anteilnahme und die damit verbundene finanzielle Hilfe für die Opfer des Tsunamis im indischen Ozean, brachten Hoffnung in eine problembelastete Welt. Angesichts dieser immensen Tragödie öffnete die arbeitende Bevölkerung auf der ganzen Welt ihre Geldbörsen und spendeten für die Katastrophenopfer. Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton bezeichnete diesen Umstand als „Demokratisierung der Entwicklungshilfe“. Der Einzelne hilft nicht nur durch seine Regierung, sondern auch durch individuelle Zuwendungen.

Während über 200.000 Menschen in der Tsunami-Katastrophe umkamen, sterben aber in Afrika jedes Monat genauso viele Kinder an Malaria. Diese Katastrophe bezeichne ich als „stillen Tsunami“. Der stille Tsunami aufgrund der Malaria in Afrika ist allerdings über weite Strecken vermeidbar und beherrschbar.

Malaria kann in großem Umfang verhindert und mit verfügbaren und kostengünstigen Methoden mit nahezu hundertprozentiger Erfolgschance behandelt werden. Doch die typischen Malariaopfer in Afrika und auch in anderen Teilen der Welt sind zu arm, um Zugang zu diesen lebensrettenden Methoden zu haben. Eine globale Anstrengung, ähnlich der nach dem Tsunami in Asien, könnte diese verheerende Situation ändern und mehr als eine Million Menschenleben pro Jahr retten.

Das ist auch die wichtigste Botschaft des neuen Berichts des UNO-Millenniumsprojekts, der Mitte Januar an UNO-Generalsekretär Kofi Annan übergeben wurde. Bei diesem Projekt, das ich im Auftrag des Generalsekretärs leite, handelt es sich um die Bemühungen von mehr als 250 Wissenschaftlern und Entwicklungsexperten, praktische Maßnahmen zur Erreichung der Millenniumsentwicklungsziele zu finden, um damit extreme Armut, Krankheiten und Hunger bis zum Jahr 2015 zu reduzieren. Unser neuer Bericht mit dem Titel Investing in Development: A Practical Plan to Achieve the Millennium Development Goals ( Investitionen in die Entwicklung: Ein praktischer Plan zur Erreichung der Millenniums-Entwicklungsziele – herunterzuladen unter www.unmillenniumproject.org ), zeigt, dass diese Ziele durchaus zu erreichen sind.

Der Schlüssel dazu liegt in armen Ländern in der Erhöhung der Investitionen in Menschen (Gesundheit, Bildung, Ernährung und Familienplanung), Umwelt (Wasser- und Abwassersysteme, Böden, Wälder und Artenvielfalt) sowie Infrastruktur (Straßen, Elektrizität und Häfen). Arme Länder können sich diese Investitionen alleine nicht leisten, daher müssen die reichen Länder helfend zur Seite stehen.

Wenn höhere finanzielle Hilfe und gute Staatsführung zusammentreffen, können die Millenniums-Entwicklungsziele in armen Ländern innerhalb der vorgesehenen Zeit erreicht werden. Kurz gesagt, unser Bericht ist ein Aufruf zu Aktionen. Reiche und arme Länder müssen sich zusammentun, um die Armut, Krankheiten und den Hunger zu reduzieren.

Die Millenniums-Entwicklungsziele sind deshalb erreichbar, weil uns starke Technologien zur Verfügung stehen, um für rasche Fortschritte bei der Verbesserung der Lebensqualität und der wirtschaftlichen Produktivität der Armen zu sorgen. Die Zahl der Krankheits- und Todesfälle durch Malaria könnte durch die Anwendung von insektizidbehandelten Moskitonetzen und die Einnahme wirksamer Medikamente bei Ausbruch der Krankheit abrupt eingedämmt werden. Die Gesamtkosten für den Kampf gegen die Malaria in Afrika würden ungefähr 2 bis 3 Milliarden Dollar jährlich betragen.

Nachdem in den Ländern mit hohem Einkommen ungefähr eine Milliarde Menschen leben, würde es jedem von ihnen nur etwa 2 oder 3 Dollar pro Jahr kosten, um Maßnahmen zu unterstützen, die jährlich über einer Million Kinder das Leben retten würden. Bei einem Rückgang der Kindersterblichkeit entscheiden sich arme Familien weniger Kinder zu haben, weil sie sicherer sein können, dass mehr Kinder das Erwachsenenalter erreichen. Paradoxerweise trägt also die Rettung von Kinderleben zur Lösung des Problems des raschen Bevölkerungswachstums in armen Ländern bei.

Malaria ist ein wichtiges Beispiel, wie spezielle Investitionen die Probleme von Krankheit, Hunger und extremer Armut lösen können. Unser Bericht listet Dutzende praktische Empfehlungen dazu auf.

Investitionen in Bodenverbesserung und Wassersammelstellen könnten afrikanischen Bauern helfen, ihre Nahrungsmittelerträge zu verdoppeln oder zu verdreifachen. Antiretrovirale Medikamente können das Leben von Millionen an AIDS erkrankten Menschen retten. Landstraßen, LKW-Transport und Elektrizität könnten abgelegenen Dörfern in Lateinamerika, Afrika und Asien neue wirtschaftliche Chancen bringen. Schulmahlzeiten, die aus lokal produzierten Nahrungsmitteln zubereitet werden, könnten die Schulbesuchszahlen vor allem unter den Mädchen erhöhen und ihre Lernfähigkeit verbessern, während man damit gleichzeitig lokalen Bauern einen neuen Absatzmarkt eröffnet.

Diese Investitionen sind unglaublich günstig. Die reichen Länder haben schon lange versprochen, ihre Entwicklungshilfe auf 0,7 % (von momentan 0,25 %) ihres Nationaleinkommens anzuheben. 0,7 % heißt, dass die Industrieländer den Entwicklungsländern ohnehin nur 70 Cent von jeweils 100 Dollar ihres Nationaleinkommens abgeben.

In den letzten Wochen haben viele europäischen Länder zugesagt, ihr 0,7 %-Versprechen umzusetzen und fünf europäische Länder (Dänemark, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen und Schweden) sind dem bereits nachgekommen. Jetzt liegt es an den USA und Japan, auch ihre Versprechen einzulösen. Mit der „Demokratisierung“ der nun anlaufenden Hilfe können wir neben der offiziellen Entwicklungshilfe auch vermehrten privaten Bemühungen in diesem Bereich entgegensehen.

Natürlich sind nicht alle Entwicklungsländer gut genug regiert, um die höhere finanzielle Hilfe in ehrlicher und effektiver Weise zu nutzen. Die Welt sollte ihre Bestrebungen daher zunächst auf jene arme Länder konzentrieren, die relativ gut regiert werden und die bereit sind, die benötigten Investitionen in fairer Weise durchzuführen. Zu diesen Ländern gehören Ghana, Senegal, Tansania, Kenia und Äthiopien. In diesen und ähnlich gut regierten armen Ländern sollten wir mit unseren Bemühungen dringend in diesem Jahr beginnen.

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