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Die bankrotte Theologie der Finanz-Deregulierung

GENF – Nun, da die globale Finanzkrise abklingt, ist es Zeit, unsere Fehler zu analysieren und sicherzustellen, dass sie nicht wiederholt werden. Jenseits regulatorischer Verbesserungen, der Unterbindung von Bonuszahlungen für rücksichtloses Eingehen von Risiken und der Errichtung dicker Mauern zwischen Wertpapieremittenten und Rating-Agenturen müssen wir herausfinden, warum diese Krise so schwer vorherzusehen war.

Der Internationale Währungsfonds ist die entsprechende globale Überwachungsinstitution und viele glauben, dass er bei der Vorhersage dieser Krise versagt hätte, weil er abgelenkt war oder sich auf die falschen Länder konzentrierte. Da bin ich anderer Meinung. Das Problem besteht vielmehr darin, dass der IWF nicht in der Lage war, die ihm vorliegenden Beweise richtig zu interpretieren.  

Ich war im Juni 2006 Mitglied des IWF-Vorstandes, als man den jährlichen Bericht über die Vereinigten Staaten diskutierte. Der Vorstand „sah“ die Aufweichung der Kreditbedingungen auf dem US-Hypothekenmarkt, merkte aber an, dass die „durch  signifikant steigende Rückzahlungen gefährdeten Hypothekennehmer eine kleine Minderheit bilden und sich vornehmlich auf Haushalte der oberen Einkommensschichten beschränken, die sich der entsprechenden Risiken durchaus bewusst sind.“ 

Ein paar Monate später, im September 2006, also nur zehn Monate bevor die Subprime-Hypothekenkrise für alle offensichtlich wurde, hieß es in einer der wichtigsten Publikationen des IWF, dem Global Financial Stability Report (GFSR), dass „die wichtigen Finanzinstitutionen in entwickelten …. Märkten… gesund, profitabel und mit ausreichend Kapital ausgestattet [sind].”  Außerdem befanden sich „die Finanzsektoren in vielen Ländern“ angeblich „in einer starken Position, um mit jeglicher zyklischen Herausforderung und weiteren bevorstehenden Marktkorrekturen umgehen zu können.“  

Die Warnlampen des IWF begannen erst im April 2007 zu blinken, als das Problem quasi schon vor der Tür stand. Allerdings nahm man es auch zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit übermäßiger Dringlichkeit wahr. Es ist völlig klar, dass die Überwachung der US-Wirtschaft durch den Fonds unwirksam und die multilaterale Überwachung der Finanzmärkte auch nicht besser war. Zugegeben: Der IWF war nicht die einzige Institution, die bei der Interpretation jener Fakten scheiterte, die die Krise auslösten. Aber das ist ein schwacher Trost.

Vor der Krise verlor die bekannteste Funktion des IWF – die Kreditvergabe an Länder mit Zahlungsbilanzproblemen – an Bedeutung. Viele Schwellenländer legten lieber selbst Reserven an, als beim Fonds Geld zu borgen. Ironischerweise brachte dies den IWF dazu, sich auf seine Überwachungsrolle zu konzentrieren.  In unserer Ursachenforschung für das Versagen des IWF können wir also Ablenkung durch dringendere Angelegenheiten ausschließen.

Normalerweise rechnet der Währungsfonds damit, dass die Probleme bei den üblichen Verdächtigen entstehen – wirtschaftlich labilen Entwicklungsländern nämlich – aber diesmal entwickelte sich die Krise ein paar Kilometer von seinem Hauptquartier entfernt. Vielleicht war auch diese Nähe der Grund dafür, warum der IWF die Beweise vor seiner Nase falsch interpretierte.

Wenn dem so ist, ergeben sich daraus zwei wichtige Fragen. Erstens: Ist die Führungsstruktur des Fonds geeignet, die sachlich distanzierte Überwachung seiner wichtigsten Mitglieder zu gewährleisten? Und zweitens fragt man sich, ob ideologische Scheuklappen den IWF von der Erkenntnis abhielten, dass Deregulierung zu einem desaströsen Ergebnis führen könnte.  

Es ist unvorstellbar, dass der Fonds mit seinen qualifizierten und engagierten Mitarbeitern bei der Feststellung von Schwachstellen auf einem Hypothekenmarkt so kläglich versagt hätte, wenn diese nicht in den USA, sondern in einem Entwicklungsland aufgetreten wären Aber die Machtstrukturen im IFW folgen der Logik seiner Rolle in der Kreditvergabe. Je mehr ein Land zu den Ressourcen des IWF beiträgt, desto mehr Einfluss bekommt es auch.

Ich zum Beispiel bin nicht glücklich, wie die „Quoten“ an den IWF berechnet werden, aber ich muss zugeben, dass der Austausch von Geld gegen Stimmrechte eine durchaus angemessene Führungsstruktur für eine Kreditvergabeinstitution ist. Aber sie ist überhaupt nicht geeignet für eine Institution, die dazu angehalten ist, distanzierte Überwachung ihrer Mitglieder zu betreiben – vor allem ihrer einflussreichsten Mitglieder, deren innenpolitische Strategien Auswirkungen auf das globale System haben.

Diese Struktur nach dem Motto „Geld gegen Einfluss“ behindert indirekt die Möglichkeit des Fonds, seine wichtigsten Mitgliedsökonomien zu kritisieren (von der Kontrolle zur Einhaltung ihrer Verpflichtungen ganz zu schweigen). Und des öfteren konnte ich auch selbst beobachten, dass Länder, die von allzu offener Kritik des IWF-Personals betroffen waren, ihren Einfluss nutzen, um die vom Vorstand veröffentlichten Kommuniqués zu verwässern.  

Gehen wir nun noch der zweiten Frage nach – ob der Währungsfonds aufgrund einer bestimmten Einstellung blind für die Vorgänge rund um ihn war. Schon im August 2005, warnte der damalige Chefökonom des IWF, Raghuram Rajan, vor den Schwächen des US-Finanzmarktes. Rajan erkannte, dass etwas potenziell Gefährliches im Gange war und warnte davor, dass Wettbewerbsdruck die Finanzmärkte dazu zwang, „ständig mit den Grenzen der Illiquidität zu kokettieren” und Risiken vor den Anlegern zu verheimlichen, um die Konkurrenz zu übertreffen.  

Sehr entlarvend ist Rajans dennoch sehr optimistische Argumentation, wonach die „Deregulierung jene künstliche Barrieren eliminiert, die den Eintritt neuer Firmen behindert und den Wettbewerb zwischen Produkten, Institutionen, Märkten und Zuständigkeitsbereichen fördert.” Mit anderen Worten: Er war ganz eindeutig der Meinung, dass durch Regulierung „künstliche Barrieren“ geschaffen wurden und dass „Wettbewerb zwischen Zuständigkeitsbereichen“ – also zwischen Regulierungsbehörden – begrüßt werden sollte.

So etwas glaubt jemand, der überzeugt ist, dass Märkte ohne Regulierung besser funktionieren und Rajans Kommentar ist ein gutes Beispiel für die Überzeugungen des IWF zu dieser Zeit. Dieser grenzenlose Glaube an die selbstregulierende Kraft der Märkte war offenbar der Grund, warum der IWF nicht fand, wonach er nicht gesucht hatte.  

Momentan gibt es ermutigende Signale eines Wandels beim IWF, aber das sollte uns nicht beruhigen. Ökonom Fred Block schreibt: „Gesellschaften weichen ausnahmslos vom Abgrund der Experimente mit der Selbstregulierung des Marktes zurück.” Unglücklicherweise wird die Selbstregulierung dadurch auch zu einem Glauben, den man sehr schwer wieder los wird, weil seine Priester immer behaupten können, dass ihr Versagen nicht das Ergebnis theologischen Bankrotts ist, sondern ungenügender Orthodoxie.

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