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Russlands ewige Inflation

Was das Finanzmanagement anbelangt, ändert sich nichts im ewigen Russland. Jahr für Jahr macht die Russische Zentralbank (RZB) das Wetter, die schlechte Ernte oder andere nicht monetäre Faktoren für ihre schwache Leistung bei der Senkung der Inflationsrate verantwortlich.

Anders als viele andere Entwicklungsmärkte und Übergangsländer in den Neunzigern hat Russland einen als Anker dienenden festen Wechselkurs nicht zu Gunsten eines Systems zur Inflationssteuerung als Wegweiser für seine Geldpolitik aufgegeben. Dies hat dazu geführt, dass sich im Zeitraum seit der Finanzkrise 1998 ernste Probleme für die Geld- und Wechselkurspolitik ergeben haben. Angesichts eines Zahlungsbilanzüberschusses – größtenteils dank hoher Ölpreise – gibt sich das Finanzprogramm 2005 der RZB ausweichend: Die Verringerung der Inflation genießt Priorität, die Steuerung des Wechselkurses zur Unerstützung des Wachstums allerdings auch.

In den Vereinigten Staaten, um ein Beispiel zu nennen, wo die Notenbank ihre antiinflatorische Glaubwürdigkeit aufgebaut hat, funktioniert dieser „einfach machen“ Ansatz gut. Die Erfolgsbilanz der RZB seit 1992 hat hingegen nur wenig dazu beitragen, die Inflationserwartungen zu stabilisieren und Geschäftsleute, Investoren, Regierungsvertreter und russische Normalbürger davon zu überzeugen, dass sie sich ernsthaft darauf konzentriert, das Preiswachstum im Zaum zu halten.

Während der frühen Übergangsjahre reflektierte das Fehlen eines effektiven geldpolitischen Rahmens die Herausforderung, neue Institutionen und Regelungen einzurichten, sowie die Schwierigkeit, die Hinterlassenschaften der zentralen Planung zu überwinden, innerhalb derer Haushalts- und Kreditfinanzierung nicht zu unterscheiden waren. Manchmal fungierte die RZB als Bank für die Regierung und sorgte für Liquidität, ohne dabei die Finanzmärkte zu berücksichtigen; manchmal konzentrierte sie sich auf die Finanzmärkte und sorgte für die Liquidität der Banken. In beiden Fällen gibt es keine Verbindung zwischen Inflation und Zinssätzen.

In Übergangsländern, in denen es lange gedauert hat, die Mechanismen geldpolitischer Transmission und die Inanspruchnahme von Banken bei Finanzgeschäften zu etablieren und die nach wie vor der Reform und Regelung bedürfen, ist die gedämpfte Auswirkung der Inflation auf Zinssätze sicher nicht überraschend. Es ist unweigerlich ein langer Weg von einem Ausgangspunkt, an dem staatseigene Banken Kredite an staatseigene Unternehmen leiten zu einem Wirtschaftsumfeld, in dem Zinssätze ein angemessener Indikator der Geldpolitik sind. Hinzukommt, dass die Zahlungsunfähigkeit und Abwertung in Russland 1998 den Fortschritt untergraben hat, der – beginnend im Jahr 1996 – im Bankensektor und auf den Kapitalmärkten im Allgemeinen erzielt worden war.

Doch diese Ausrede hat sich allmählich erschöpft. In den letzen Jahren hat die Verlangsamung einer Aufwertung des realen Wechselkurses, zum Schutz inländischer Produzenten und der Arbeitsplätze vor dem Wettbewerb durch Importe, offenbar klare Priorität gegenüber der Desinflation erlangt. Anfang Juni gestand der RZB-Chef Sergej Ignatjew nicht nur ein, dass das Inflationsziel dieses Jahres verfehlt werden würde, sondern auch, dass die RZB nicht bereit ist, die Inflationsziele auf Kosten eines konkurrenzfähigen Wechselkurses zu verfolgen.

Dies verdeutlicht auch warum die Inflationsrate, wie am Wachstum des jährlichen Preisindex für die Lebenshaltung gemessen, hartnäckig hoch geblieben ist. Tatsächlich ist die jährliche Inflationsrate in diesem Jahr zum ersten Mal seit 1998 gestiegen und lässt die offiziellen Ziele – 7,5%-8,5% im Jahr 2005, 6%-7,5% im Jahr 2006 und 5%-6,5% im Jahr 2007 – als kaum mehr als Lippenbekenntnisse erscheinen.

Natürlich streben viele Zentralbanken auf aller Welt sowohl nach Preisstabilität als auch nach Wachstum. Aber in Russland gibt es keinen Ausgleich zwischen beidem, jedenfalls nicht durch die Nutzung des Wechselkurses. Im letzten Jahresbericht des IWF über die russische Wirtschaft wird darauf hingewiesen, dass lediglich höhere Inflation die Folge sein wird, wenn die RZB die Aufwertung des Rubel weiterhin zu Gunsten des Wachstums beschränkt, was impliziert, dass der Rubel real dennoch gestärkt und das Wachstum somit geschädigt würde.

Die russische makroökonomische Leistung hat sich seit der Finanzkrise 1998 stark verbessert und dieser Erfolg kann zum Teil einer besseren Geldpolitik zugeschrieben werden. Doch die mangelnde Entschlossenheit der RZB ein System zu übernehmen, in dem niedrige Inflation klar zur Priorität erklärt wird, droht jetzt das Erreichte zu untergraben.

Als Ausgangspunkt sollte die RZB beauftragt werden, die Inflation vorauszuplanen, eine Politik zur Stabilisierung der Preise zu formulieren und diese Politik entweder anzuwenden oder zu erklären warum sie dies nicht kann und wer es könnte. Die richtige Antwort auf letztere Frage – wie vom IWF vorgeschlagen – könnte das Finanzministerium sein: Die einzige sichere Methode für Russland, die Inflation zu verringern und das Wachstum zu fördern, ist die Einhaltung einer soliden Finanzpolitik.

In der Realität ist das Gegenteil der Fall. Statt die unerwarteten Gewinne durch die Ölpreise zu nutzen, um seit langem überfällige Reformen der Gesundheitsfürsorge, des Bildungswesens und der Versorgungseinrichtungen zu bezahlen – und somit dazu beizutragen, die makroökonomische Stabilität zu gewährleisten, die für die Aufrechterhaltung schnellen, langfristigen Wachstums notwendig ist – hat Präsident Vladimir Putin sich entschieden, die Ausgaben für Gehälter im öffentlichen Dienst und Renten umfangreich zu erhöhen. Als Ergebnis scheint Putins Russland auf das lateinamerikanische Modell der selbst verschuldeten Stagflation zuzusteuern.

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