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Zurück an den Abgrund

NEW YORK: Eine Interpretation von Finanzkrisen besagt, dass es sich dabei, in den Worten von Nassim Taleb, um „Schwarze Schwäne“ handelt – ungeplante und unvorhersehbare Ereignisse, die den Lauf der Geschichte ändern. Doch in Crisis Economics, meinem neuen Buch über Finanzkrisen – das nicht nur die aktuelle Krise, sondern noch Dutzende anderer in der Geschichte behandelt, und zwar in hoch entwickelten Volkswirtschaften wie Schwellenmärkten – zeige ich, dass Finanzkrisen stattdessen vorhersagbare „Weiße Schwäne“ sind. Auch was derzeit passiert – die zweite Stufe der globalen Finanzkrise – war vorhersehbar.

Krisen sind das unvermeidliche Ergebnis einer Anhäufung makroökonomischer, finanzieller und politischer Risiken und Verletzlichkeiten: Spekulationsblasen bei den Vermögenswerten, exzessive Risikofreudigkeit und Verschuldung, die überproportionale Ausweitung des Kreditwachstums, lockeres Geld, mangelnde Aufsicht und Regulierung des Finanzsystems, Gier und riskante Investments durch Banken und andere Finanzinstitute.

Die Geschichte legt außerdem nahe, dass Finanzkrisen mit der Zeit eine Verwandlung durchlaufen. Krisen wie die, die wir in der letzten Zeit durchgemacht haben, werden zunächst durch exzessive Verschuldung und Fremdkapitalisierung der Akteure des privaten Sektors – Haushalte, Banken und Finanzinstitute, Kapitalgesellschaften – angetrieben. Dies führt letztlich zur Neuverschuldung des öffentlichen Sektors: Konjunkturmaßnahmen und die Sozialisierung privater Verluste – Bailoutprogramme – verursachten einen gefährlichen Anstieg der Haushaltsdefizite und Staatsverschuldung.

Nun mögen diese fiskalpolitischen Konjunkturimpulse und Bailouts nötig gewesen sein, um zu verhindern, dass sich die Große Rezession in eine Neuauflage der Großen Depression verwandelte. Doch hat es einen hohen Preis, wenn man zusätzlich zu privaten Schulden öffentliche Schulden anhäuft. Irgendwann müssen diese hohen Defizite und Schuldenstände durch höhere Steuern und niedrigere Ausgaben reduziert werden, und eine solche Sparpolitik – die notwendig ist, um eine Fiskalkrise zu verhindern – bremst tendenziell kurzfristig die wirtschaftliche Erholung. Wenn fiskalische Ungleichgewichte nicht durch Ausgabesenkungen und Einnahmesteigerungen bekämpft werden, bleiben nur zwei Alternativen: Inflation im Falle von Ländern, die Kredite in ihrer eigenen Währung aufnehmen und ihre Defizite monetarisieren können, oder Zahlungsausfall im Falle von Ländern, die Kredite in Fremdwährungen aufnehmen oder kein eigenes Geld drucken können.

Die jüngsten Ereignisse in Griechenland, Portugal, Irland, Italien und Spanien sind daher lediglich die zweite Phase der aktuellen globalen Finanzkrise. Die Sozialisierung privater Verluste und die fiskalpolitische Laxheit, die darauf abzielen, die Konjunktur in der Rezession anzukurbeln, haben zu einem gefährlichen Anstieg der Defizite der öffentlichen Haushalte und der staatlichen Schuldenaufnahme geführt. Die aktuelle globale Finanzkrise ist nicht vorbei; sie hat vielmehr eine neue und noch gefährlichere Phase erreicht.

Eine praktische Definition einer Finanzkrise lautet: ein Ereignis, das Regierungsvertreter zwingt, über ein langes Wochenende hinweg verzweifelt zu versuchen, ein neues Rettungspaket zu schnüren, um eine nationale und globale Panik abzuwenden, bevor am nächsten Montag die Märkte wieder aufmachen. In den letzten Jahren ging es in den langen Nächten dieser Wochenenden um die erforderlichen Bailouts privater Unternehmen – Bear Stearns, Fannie Mae und Freddie Mac, Lehman Brothers, AIG, Bankenrettungen, usw.

Und natürlich sind uns diese Wochenenddramen erhalten geblieben: Die EU und die politischen Entscheidungsträger der Eurozone haben erst kürzlich verzweifelt ein Wochenende damit zugebracht, ein Rettungspaket nicht nur für Griechenland, sondern auch für andere schwache Euroländer zu schnüren. Die Steigerung ist klar erkennbar: Erst kam die Rettung privater Unternehmen, jetzt kommt die Rettung der Retter, d.h. der Regierungen.

Die Ausmaße dieser Bailouts sind dabei steil in die Höhe geschossen. Während der asiatischen Finanzkrise der Jahre 1997-1998 erhielt Südkorea – ein relativ großes Schwellenland – zehn Milliarden Dollar vom IWF, was damals als sehr großes Rettungspaket galt. Doch nach der Rettung von Bear Sterns (40 Milliarden Dollar), Fannie Mae und Freddie Mac (200 Milliarden), AIG (bis zu 250 Milliarden) und dem US-Bankenrettungsprogramm (700 Milliarden) erleben wir nun die Mutter aller Bailouts: die Rettung der in Schwierigkeiten geratenen Länder der Eurozone durch die Europäische Union und den IWF im Umfang von einer Billion Dollar. Eine Milliarde Dollar war einst eine Menge Geld; heute ist es eine Billion. Oder anders ausgedrückt, in Abwandlung des Buches und Films Der Teufel trägt Prada: Eine Billion, das sind die neuen zehn Milliarden!

Etliche Regierungen, die private Unternehmen gerettet haben, bedürfen jetzt selbst der Rettung. Was aber passiert, wenn die politische Bereitschaft Deutschlands und anderer disziplinierter Gläubiger – darunter inzwischen vieler in Schwellenländern –, derartige Rettungsmaßnahmen zu finanzieren, nachlässt? Wer wird dann Regierungen retten, die zuvor die privaten Banken und Finanzinstitute gerettet haben? Unsere globale Schuldenmechanik nimmt sich zunehmend wie ein Schneeballsystem aus.

Dabei ist allgemein bekannt, was für einer Medizin es bedarf, um ein fiskalpolitisches Fiasko zu vermeiden. Das Haupthindernis für fiskalpolitische Konsolidierung und Disziplin ist, dass es schwachen Regierungen weltweit an der politischen Macht und Bereitschaft fehlt, eine Sparpolitik einzuleiten. Der politische Stillstand in Washington und im US-Kongress ist ein Beleg für den Mangel an parteiübergreifender Kooperationsbereitschaft, Amerikas fiskalpolitische Probleme in Angriff zu nehmen. In Großbritannien hat das Fehlen eines klaren Wahlsiegers zu einer Koalitionsregierung geführt, die es schwer haben dürfte, für Ausgabendisziplin zu sorgen.

In Deutschland hat Kanzlerin Angela Merkel nach der Rettung Griechenlands eine wichtige Landtagswahl verloren, und Japan hat eine schwache, untaugliche Regierung, die vor dem Ausmaß der Probleme, vor denen sie steht, die Augen zu verschließen scheint. In Griechenland selbst gibt es Unruhen auf den Straßen und Streiks in den Fabriken; in den übrigen PIIGS-Staaten (Portugal, Irland, Italien und Spanien) wird die Ausgabendisziplin politisch und gesellschaftlich schmerzhaft. Es könnte also sein, dass politische Zwänge die Umsetzung von Sparpolitik und Strukturreformen verhindern.

Infolgedessen dürften wir es noch lange mit einer „Krisenwirtschaft“ zu tun haben. Die Finanzkrise geht weiter, und, was noch schlimmer ist, die Medikamente, die zu ihrer Behandlung verwendet wurden, könnten teilweise toxisch gewesen sein. Sie scheinen die Patienten weiter geschwächt und ihre Sucht nach gefährlichen Drogen gesteigert zu haben, und sie scheinen sie weniger widerstandsfähig gegen neue Stränge des Virus gemacht zu haben, die sich – in einigen Fällen – letztlich als tödlich erweisen könnten.

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