Wednesday, September 17, 2014
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Altes Europa, junge Welt

Mit dem 50. Geburtstag der EU erreichen auch viele Europäer die mittleren Lebensjahre. Damit werden sie sich auch des demografischen Wandels und seines Potenzials bewusst, das nächste halbe Jahrhundert in Europa völlig anders verlaufen zu lassen als das erste.

Die ersten 50 Jahre der EU waren durch wachsende Bevölkerungszahlen und einen, im Verhältnis zu Kindern und Alten, hohen Anteil an Menschen im erwerbsfähigen Alter gekennzeichnet. Die Babyboom-Generation der Nachkriegszeit sorgte für eine Zeit anhaltenden Wirtschaftswachstums, die Europas Position in der Welt stärkte und zu dramatischen Verbesserungen der Lebensqualität seiner Bürger führte.

In den nächsten fünf Jahrzehnten werden sich die Babyboomer allerdings in die Rente verabschieden. Dadurch wird der Anteil der erwerbstätigen Bevölkerung schrumpfen, die die Bürde der Gesundheits- und Rentenversorgung für die Alten tragen muss. Um das Jahr 2050 werden 36 % der Europäer 60 Jahre oder älter sein. Trotz höherer Lebenserwartung wird die Gesamtbevölkerung des Kontinents um das Jahr 2020 aufgrund der niedrigen Geburtenraten zu schrumpfen beginnen.

Obwohl es unwahrscheinlich ist, dass Europa aufgrund dieses demografischen Wandels ärmer wird, könnte es dennoch zu einer anhaltenden Phase langsameren Wachstums kommen. In Ländern mit einem hohen Anteil an älteren Menschen tendieren Pro-Kopf-Einkommen und Produktivität unter sonst gleichbleibenden Umständen langsamer zu wachsen als in jüngeren Ländern. Europas wirtschaftliche Stärke könnte daher im Vergleich zum Rest der Welt abnehmen, vielleicht sogar dramatisch.

Im Gegensatz zu Europa mit seiner alternden und schrumpfenden Einwohnerschaft wächst die junge Bevölkerung in vielen Entwicklungsländern. Es wird prognostiziert, dass sich die Bevölkerungszahl in den 50 am wenigsten entwickelten Ländern um das Jahr 2050 verdoppelt haben wird. Und während das Verhältnis zwischen Menschen im erwerbsfähigen Alter und Rentnern in Europa auf rund 1,4 fallen wird, wird dieser Wert in den Entwicklungsländern um einiges höher liegen.

In den meisten Entwicklungsländern Lateinamerikas, Nordafrikas, des Nahen Ostens und großen Teilen Asiens wird man in der Lage sein, die Heerscharen potenzieller junger Arbeitskräfte in produktive Arbeitsverhältnisse zu integrieren und so vom anschließenden Wirtschaftsaufschwung spürbar zu profitieren. (Tatsächlich ist dieses „Wunder“ in Ostasien bereits eingetreten.) Als Folge dessen wird sich der Anteil dieser Regionen an der Weltwirtschaft vergrößern.

In anderen Teilen der Welt wird man allerdings nicht in der Lage sein, produktive Beschäftigungsverhältnisse anzubieten. Die zunehmende Zahl junger, unterbeschäftigter Menschen könnte zu höherer Kriminalität und vermehrten sozialen Unruhen führen. Das wiederum könnte politische Instabilität, Krieg und Terrorismus mit entsetzlichen Auswirkungen sowohl in den betreffenden Ländern als auch anderswo, einschließlich Europa, mit sich bringen. Vor allem in Ländern südlich der Sahara präsentieren sich die demografischen Aussichten besonders düster, da eine riesige Zahl junger Menschen auf die Arbeitsmärkte drängt, wo sie jedoch nicht aufgenommen werden können. Die Migration aus Entwicklungsländern in Afrika und anderen Teilen der Welt nach Europa steigt bereits an und nachdem die Bevölkerungszahlen in armen Ländern wachsen, wird sich auch die Zahl der emigrationswilligen Menschen vervielfachen.

Dieser Migrationsdruck stellt aber auch eine mögliche Lösung für die europäischen Arbeitsmarktprobleme dar. Europa braucht Menschen im erwerbsfähigen Alter, damit diese die Last einer wachsenden alten Bevölkerung mittragen. Die Lockerung von Einwanderungsbestimmungen könnte also hilfreich sein. Allerdings würde das auch soziale Probleme mit sich bringen, da die Europäer dem Zustrom von Fremden skeptisch gegenüberstehen. Man bangt um Arbeitsplätze und Sicherheit und fürchtet kulturelle Unterschiede. Die Öffnung der Tore für Migranten müsste daher im Rahmen eines schrittweisen und kontrollierten Prozesses stattfinden. Dazu gehört auch, die Europäer von den Vorteilen der Zuwanderung zu überzeugen. Aber angesichts des massiven Migrantenstroms, der nötig wäre, um die Auswirkungen der Überalterung in Europa auszugleichen, ist dies bestenfalls ein Teil der Lösung.

Europa kann allerdings auch andere Schritte unternehmen, um das drohende demografische Ungleichgewicht zu beseitigen oder sich anzupassen. In vielen Ländern verfolgt man bereits politische Strategien zur Erhöhung der Geburtenrate. Steuerbegünstigungen und monatliche Zuwendungen für Paare mit Kindern sowie eingeschränkte Unterstützung bei der Empfängnisverhütung sind die häufigsten Methoden, um die Geburtenzahl zu erhöhen. In zahlreichen EU-Ländern liegt der Anteil der Männer an der erwerbstätigen Bevölkerung viel höher als jener der Frauen. Maßnahmen zur Vereinbarung von Familie und Berufstätigkeit, wie staatlich finanzierte Kinderbetreuung und flexiblere Arbeitszeiten schaffen Anreize, für Nachwuchs zu sorgen während gleichzeitig der Anteil der Erwerbsbevölkerung vergrößert wird.

Es ist dennoch unwahrscheinlich, dass die Auswirkungen derartiger Maßnahmen bald spürbar werden. Daher müssen sich die politischen Strategien auch an bereits jetzt erwerbstätige Menschen richten, um sie zu ermutigen, mehr für ihre Rente zurückzulegen. Auch Personen, die gerade in Rente gehen wollen, müssen angesprochen werden. Momentan bestehende Rentensysteme bestrafen oftmals Menschen, die über ihr offizielles Rentenalter hinaus arbeiten möchten. Diese Altersdiskriminierung behindert viele Menschen, die in der Lage sind, bis über sechzig oder siebzig zu arbeiten. Flexiblere Rentenregelungen, Gesetzesreformen sowie Kampagnen in den Medien, die darauf abzielen, das Bild des älteren Arbeitnehmers in der Öffentlichkeit zu ändern, würden es alten Menschen ermöglichen, länger erwerbstätig zu sein. Die Förderung lebenslangen Lernens wird dazu beitragen, Fähigkeiten und Wissen der älteren Arbeitnehmer an die Anforderungen einer sich ändernden Wirtschaft anzupassen. Und bei einer höheren Lebenserwartung ist die Anhebung des Rentenalters ein weiterer vernünftiger Weg, den negativen Auswirkungen einer alternden Bevölkerung zu begegnen.

Eine Kombination dieser und anderer Maßnahmen würde Europa helfen, seinen hohen Lebensstandard in den kommenden Jahrzehnten aufrechtzuerhalten. Die wachsende Macht von Regionen mit günstigeren demografischen Strukturen zu erkennen, würde beispielsweise die Bildung politischer und wirtschaftlicher Allianzen fördern, die der EU helfen könnten, ihren eigenen globalen Status zu bewahren. Ebenso würde Hilfe für die Entwicklungsländer im Hinblick auf die Schaffung von Arbeitsplätzen und Verbesserung der Lebensqualität dazu beitragen, die ungeregelte Migration zu senken und deren soziale Kosten abzuwenden.

Der Bevölkerungswandel geht langsam vor sich, aber man kann seine Auswirkungen frühzeitig vorhersagen. Wenn die EU-Länder den demografischen Herausforderungen der nächsten 50 Jahre gewachsen sein wollen, dürfen sie keine Zeit verlieren, sich darauf vorzubereiten.

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