Thursday, October 30, 2014
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Wirbelsturm Sandy und der Klimawandel

ATHENS, GEORGIA – Zum Ausklang der Hurrikan-Saison in Nordamerika – einer Zeit, in der man eigentlich nicht davon ausgeht, dass ein Monstersturm an der Ostküste der USA weit verbreitete Schäden anrichtet – ist der Wirbelsturm Sandy eine düstere Mahnung in Bezug auf die Gefahren extremer Wetterereignisse. Sandy wies den niedrigsten Zentraldruck der gesamten Hurrikan-Saison 2012 auf und könnte Schäden im Umfang von bis zu 20 Milliarden Dollar verursacht haben; damit ist es einer der teuersten Superstürme der Geschichte.

Sandy wirkte mit einem sich ostwärts bewegenden Wettersystem zusammen, was für die Meteorologen eine schwierige Herausforderung darstellte und in der Region eine fast beispiellose Wetterlage hervorrief. Vor 20 Jahren suchte ein ähnlicher Sturm Neu-England heim. Aber Sandy war schlimmer, mit wirbelsturmartigen Winden, heftigen Niederschlägen und schweren Überflutungen entlang der Küste im gesamten, dicht bevölkerten mittelatlantischen und nordöstlichen Korridor.

Natürlich wird es Versuche geben, Sandy mit dem Klimawandel zu verknüpfen. Ähnlich voreilige Schlüsse wurden auch im Gefolge der massiven Tornados gezogen, die die USA in den letzten Jahren heimsuchten, obwohl die wissenschaftliche Literatur keine überzeugenden Hinweise auf eine derartige Verbindung bietet. Daher ist es aus Klimawandelperspektive am besten, Sandy mit Augenmaß zu betrachten, um nicht durch eine vorschnelle Reaktion seine wissenschaftliche Glaubwürdigkeit zu beschädigen.

Aber das bietet wenig Grund zur Beruhigung. Laut dem Versicherungsriesen Münchener Rück haben Wetter- und Klimakatastrophen 2011 weltweit zu Schäden von mehr als einer Drittelbillion Dollar beigetragen, und das laufende Jahr könnte ähnlich teuer werden. Die Belege für Verbindungen zwischen dem Klimawandel und dem Anstieg des Meeresspiegels, Hitzewellen, Dürren und Niederschlägen häufen sich, und obwohl die wissenschaftliche Forschung in Bezug auf Hurrikane und Tornados noch keine abschließenden Erkenntnisse gezeitigt hat, muss dies nicht so bleiben.

Tatsächlich legen aktuelle Berichte des UN-Weltklimarates (IPCC) und andere wissenschaftliche Veröffentlichungen nahe, dass die Intensität tropischer Wirbelstürme (d.h. Hurrikane) bei einer Erwärmung des Wassers zunehmen wird. Und unsere Atmosphäre und Meere heizen sich in der Tat auf, wobei Letztere eine Menge Restwärme speichern, die irgendwann in der Zukunft freigesetzt werden wird. Einige Studien legen sogar nahe, dass die tropischen Wirbelstürme „nasser“ werden. Relativ sicher ist, dass es im Verlaufe des letzten Jahrhunderts in Reaktion auf das sich wandelnde Klima zu einem Anstieg des Meeresspiegels gekommen ist, der immer noch anhält. Und Sturmfluten verlaufen jetzt auf diesem erhöhten Meeresspiegel, was die überflutungsbedingten Schäden erhöht.

Die Temperatur an der Wasseroberfläche liegt entlang der US-Nordostküste derzeit rund 2,5-3 °C über dem Durchschnitt, was zur Intensivierung von Sandy beigetragen hat, unmittelbar bevor der Sturm auf das Land traf. Es wäre verfrüht, die Schwere des Sturms mit höheren Temperaturen an der Wasseroberfläche zu verknüpfen, denn es gibt bekanntlich regionale Schwankungen. Doch die Verbindung ist sicherlich plausibel.

Zudem steigt der Meeresspiegel entlang der US-Nordostküste bis zu viermal stärker als im weltweiten Durchschnitt, was die Region für Sturmfluten anfälliger macht. Unterm Strich wird jedes Sturmsystem in Küstennähe aufgrund des steigenden Meeresspiegels mehr Überflutungen verursachen.

Man sollte auch beachten, dass ein als „Block“ bezeichnetes atmosphärisches Wettermuster – eine Zone anhaltend hohen Drucks, die möglicherweise zu der Rekord-Eisschmelze in Grönland geführt hat – der wahrscheinlichste Grund dafür ist, dass Sandy Kurs auf das Festland und nicht aufs offene Meer nahm. Es ist noch zu früh, um sagen zu können, ob dieser Block eine normale Wetterschwankung, eine kurzfristige Klimavariabilität oder das Ergebnis des Klimawandels ist.

Fortschritte bei der nummerischen Wetterprognostik während der letzten Jahrzehnte haben unsere Fähigkeit, in die Zukunft zu „sehen“, erweitert. Im September 1938, vor all diesen Fortschritten, verheerte ein Wirbelsturm weite Teile Neu-Englands – ohne jede Vorwarnung. Heute können wir dank Satelliten, Wetterballons, Großrechnern und kompetenter Meteorologen Gefahrenwetter bis zu eine Woche im Voraus vorhersagen. Ähnliche Fortschritte bahnen sich dank methodologischer Verbesserungen und besserer Daten bei der Klimamodellierung an.

Als Minimum müssen wir dafür sorgen, dass unsere Wetter- und Klimamodellierungszentren von Weltrang über die finanzielle und personelle Ausstattung verfügen, um die fortschrittlichsten Vorhersagetechniken einzusetzen. Die nummerische Wetterprognose wurde in den USA erfunden, aber auch andere Länder haben heute extrem hohe Modellierungskapazitäten entwickelt. So hatte das European Center for Medium-Range Weather Forecasts in Großbritannien die Ostküste, wo Sandy auf das Land traf, schon mehrere Tage vor dem besten amerikanischen Modell im Blick.

Die Welt braucht in den kommenden Jahren, wenn der Klimawandel beginnt, mit extremen Wetterereignissen zusammenzuwirken und diese zu verschärfen, mehr Kooperation, um die zur Vorbereitung auf Naturkatastrophen erforderliche Vorlaufzeit zu gewinnen. Nötig ist zudem eine Zusammenarbeit zwischen dem Staat, dem privaten Sektor und der Wissenschaft, die oft zu Verbesserungen im Vorhersagewesen führt.

Wissenschaftliche Konferenzen sind wichtige Foren, um Forschungsergebnisse auszutauschen, neue Methoden zu überprüfen und neue Partnerschaften zu schmieden. Viele davon ereignen sich auf internationaler Basis, und wir müssen einen derartigen Diskurs fördern, selbst in Zeiten knapper staatlicher Kassen. Es ist eine begründete Frage, wie gut wir wohl ohne die Kenntnisse und Fähigkeiten, die im Rahmen einer derartigen internationalen Zusammenarbeit gewonnen wurden, einen Sturm wie Sandy vorhersagen oder einschätzen könnten.

Wir wissen nicht, ob Monsterstürme wie Sandy Vorboten einen „neuen Normalzustandes“ in der unklaren und nicht vorhersehbaren Beziehung zwischen Klimawandel und Wetterextremen sind. Das heißt nicht, dass es eine derartige Verbindung nicht gibt oder geben kann, sondern vielmehr, dass die wissenschaftlichen Arbeiten, die erforderlich sind, um diese nachzuweisen (oder zu wiederlegen) erst noch stattfinden müssen. Dies ist die Art und Weise, wie gute wissenschaftliche Arbeit abläuft. Sandy hat deutlich gezeigt, wie wichtig es ist, sie zu unterstützen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

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  1. CommentedFrancisco Alves

    There is no "new normal". "Normal" can only exist when it is not influenced by external factors. Let's just stop looking at the tree. When we look around again the forest will be gone and that tree with it.

  2. CommentedZsolt Hermann

    The problem is when ever we enter these debates, personal or group interest immediately trigger reflex responses to sweep the data and facts under the carpet.
    The greatest effort is put into denying the human contribution to these changes, to lessen any responsibilities from our part.
    And it is not just from strong interest groups, or corporations, but from everybody, none of us would like to accept that we have a negative effect on the world around us.
    But we cannot deny what is happening, it is not only the tropical storms, but the geothermal activity all around the globe with rising number, and intensity of volcano activity and earthquakes are also on our account,and despite people calling the extreme summer temperatures all over Europe for example "heat-waves", I do not think we can use such expressions when those temperature are the up 5 years in a row, and steadily rising.
    And in terms of human involvement we really only scratching the surface.
    If we try to look at it from the dynamic point of view of ecosystems then we see a much starker picture.
    There is no denying that the whole Earth, and possibly the Universe is a single, living ecosystem, with a very intricate interconnections, combination of forces, and laws primarily aimed at one thing: maintaining an overall balance and homeostasis in order to maintain structure, and in the case of living organism, growth, life.
    If we look at the inanimate, vegetative and animal levels of nature, each and every part, species, organism is automatically, instinctively in balance with this ecosystem, absorbing, emitting the necessary amount for survival, and reproduction, but never beyond.
    If for some reason any species could not maintain this equilibrium, they did not survive evolution.
    There is also no denial that the human species is way beyond its necessities, absorbing and emitting from and into the natural system materials that are multiple times over the natural necessities for survival and reproduction, and this imbalance, and opposition to the natural system has reached its maximum recently in the form of the excessive, overproduction, over consumption constant quantitative growth model, reaching and leaving peak points in exhausting human and natural resources.
    At the same time, again opposed to any other living species, humans live based on opposing and exploiting each other to the point of eradicating nations, cultures.
    The "human cancer" reached end stage.
    Most people would look at nature as "mindless" or random, but it is not the case, the forces and laws of balance and homeostasis, self-adjustment are working tirelessly, otherwise the system could not exist. And there is no appeal process here, the laws of nature are absolute.
    In conclusion we could say that at the moment the vast natural system around humanity, which system is infinitely larger and stronger than human beings, started fighting back, and is prepared to reject this harmful species as a foreign body. The imminent collapse of the unnatural, unsustainable financial, economical system is just another sign how nature self-corrects, removing unnatural, harmful processes, regardless of what tricks, "solutions" we think we have up in our sleeves.
    The blows that are likely to quicken and intensify are not comparable to even the harshest nuclear wars humans can come up with, we are facing forces we cannot even comprehend or predict.
    The system is not going to change, it has to maintain, preserve its integrity, only humans can learn, understand and adjust, this capability elevates us above other lifeforms, and give as the capability to become the benevolent "rulers" of this system, being partners with it.
    The question is whether this adaptation is coming in the form of wise understanding and conscious, pro-active manner, or as a result of the blows, falling on our knees.

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