Thursday, October 23, 2014
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Die Heilung des depressiven Gehirns

Wissenschaftler und Spezialisten für psychische Krankheiten haben wichtige Erkenntnisse im Zusammenhang mit dem Verständnis und der Behandlung schwerer Depressionen gewonnen. Dazu gehört auch die Entdeckung der Rolle des Ungleichgewichts von Substanzen wie Serotonin und Noradrenalin. Es gibt allerdings zunehmend Hinweise, dass das noch nicht alles ist: Depressionen verursachen auch strukturelle Veränderungen in Hirnregionen, die mit der Gemütsverfassung, dem Gedächtnis und der Entscheidungsfindung in Zusammenhang stehen.

Einer Depression gehen oftmals stressreiche Erfahrungen voraus. Das Gehirn interpretiert unsere Erfahrungen und entscheidet, ob diese als bedrohlich einzustufen sind. Anschließend steuert es unsere verhaltensmäßigen und physiologischen Reaktionen auf diese Erfahrungen. Ergebnisse aus Tierversuchen zeigen, dass schädliche physiologische Veränderungen ihre Ursache in der Unfähigkeit des Gehirns und des Körpers haben, auf wiederholten Stress mit adaptiven Modifikationen der Struktur und Funktion zu reagieren. Drei Hirnregionen - der Hippocampus, der präfrontale Cortex und die Amygdala - sind für pathologische Veränderungen in Größe und Funktion besonders anfällig.

Diese Regionen sind maßgeblich für die Interpretation stressreicher Erfahrungen und die Wahl der geeigneten Reaktionen darauf verantwortlich. Außerdem sind an diesen Vorgängen noch zahlreiche Botenstoffe wie Cortisol und Adrenalin aus der Nebenniere, andere Hormone und Neurotransmitter (wie Serotonin und Noradrenalin) und die Reaktionen des vegetativen Nervensystems und des Immunsystems beteiligt. Eine Depression führt also aufgrund langfristiger chemischer Ungleichgewichte in jenen Systemen, die Herztätigkeit, Immunsystem und Stoffwechsel steuern, zu Veränderungen im Körper.

Der Hippocampus, eine der zentralen Strukturen für die Erinnerung an Ereignisse und Zusammenhänge, bildet Rezeptoren aus, die es ihm ermöglichen auf Stresshormone im Blut zu reagieren. Heute wissen wir, dass der Hippocampus bei einer Reihe von psychiatrischen Störungen atrophiert.

Innerhalb des Hippocampus - ein gekrümmter Längswulst, in beiden Temporallappen des Gehirns - befindet sich eine Struktur namens Gyrus dentatus, der während des ganzen Erwachsenenlebens immer neue Neuronen ausbildet. Chronischer Stress blockiert diese Neurogenese und verursacht auch die Schrumpfung vieler Neuronen im Hippocampus - ein als „Remodeling" bezeichneter Prozess. Tierversuche haben gezeigt, dass das Stresshormon Cortisol zusammen mit Neurotransmittern im Gehirn ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Schrumpfung der Neurone spielt.

Ebenso gibt es Hinweise dafür, dass auch der präfrontale Kortex - eine der wichtigsten Strukturen für die emotionale Regulation, die Entscheidungsfindung und für ein funktionierendes Gedächtnis - bei einer starken Depression schrumpft. Auf der anderen Seite zeigt die Amygdala, der Sitz des emotionalen Gedächtnisses, jedoch keine Zeichen von Schrumpfung, sondern entwickelt sowohl bei posttraumatischen Stressstörungen als bei depressiven Erkrankungen Hyperaktivität. In Tierversuchen gab es Hinweise auf eine Hypertrophie der Nervenzellen nach wiederholten Stressereignissen.

Bei abnormaler Aktivität anderer Gehirnregionen führt eine hyperaktive Amygdala zu unregelmäßigen Schlaf- und Aktivitätsmustern sowie zu einer abweichenden Ausschüttung von Hormonen und anderen Botenstoffen, die viele Körperfunktionen steuern. So steigt beispielsweise der Wert des Stresshormons Cortisol am Abend an, wenn er eigentlich niedrig sein sollte.

Ohne Intervention kann eine schwere Depression zu Mineralverlust in den Knochen, zur Anhäufung von Abdominalfett, einer erhöhten Plättchenreaktivität und einem erhöhten Risiko kardiovaskulärer Erkrankungen führen. Überdies können gewisse Arten von Antidepressiva zur Entwicklung dieser Zustände beitragen. Das interessanteste Merkmal all dieser strukturellen Veränderungen ist jedoch, dass sie mit medikamentöser Behandlung verhindert und möglicherweise rückgängig gemacht werden können.

Tatsächlich ist die Depression in mancher Hinsicht mit dem Cushing-Syndrom vergleichbar, einer durch übermäßige Cortisolproduktion verursachten Krankheit. Der Cortisolspiegel ist bei Cushing-Patienten zwar höher als bei Menschen mit schweren Depressionen, aber die psychiatrischen und physischen Merkmale der beiden Krankheiten sind sich erstaunlich ähnlich: Melancholie, Depression, Fettleibigkeit, Mineralverlust in den Knochen und ein erhöhtes Risiko kardiovaskulärer Erkrankungen sowie Schrumpfung des Hippocampus und Beeinträchtigung des Gedächtnisses.

Die gute Nachricht im Hinblick auf das Cushing-Syndrom ist, dass die Schrumpfung des Hippocampus und die Beeinträchtigung des Gedächtnisses über mehrere Jahre nach der Korrektur des erhöhten Cortisolspiegels zumindest teilweise reversibel sind. Das gibt Anlass zur Hoffnung, dass im Zusammenhang mit schweren Depressionen auftretende strukturelle Veränderungen im Gehirn mit den richtigen Medikamenten oder anderen Therapien verhindert oder sogar rückgängig gemacht werden können. So wird beispielsweise die durch akuten oder chronischen Stress unterdrückte Neurogenese im Gyrus dentatus durch die Therapie mit Antidepressiva wieder angekurbelt.

Dennoch: Ein Problem mit zahlreichen der momentan verwendeten Medikamente ist, dass die Rezidivrate bei starken Depressionen sehr hoch ist - rund 70-80 %. Dies deutet darauf hin, dass die einer Depression zugrunde liegenden physiologischen Prozesse - diejenigen, die auch zu strukturellen Veränderungen im Gehirn führen können - nicht komplett zum Stillstand gebracht werden. Eine neue Generation von Antidepressiva ist daher dringend notwendig.

Diese neuen Antidepressiva müssten dort ansetzen, wo es sich offenbar um progressive neurodegenerative Veränderungen im Gehirn handelt, von denen wir annehmen, dass sie deshalb auftreten, weil die Rezidivraten bei Depressionen mit den gegenwärtig zur Verfügung stehenden Medikamenten so hoch sind. Lithium, ein neuroprotektives Mittel und Phasenprophylaktikum, hat die Eigenschaften, wonach wir suchen, allerdings ist es durch seine Toxizität alles andere als ideal. Wie immer besteht die Herausforderung für die medizinische Forschung in der Entwicklung einer wirksameren Therapie ohne dabei ihre Sicherheit zu verringern.

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