Monday, September 1, 2014
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Die europäische Oase

PARIS – Sind Nicht-Europäer viel weniger pessimistisch hinsichtlich Europa als Europäer selbst? Könnte es sein, dass die Distanz eine Voraussetzung dafür ist, die missliche Lage des Kontinents aus einer ausgewogeneren Perspektive zu betrachten?

In einem Interview von vor einigen Monaten hat der Vorsitzende der China Construction Bank indirekt einem unterschwelligen Enthusiasmus für Europa Ausdruck verliehen. Er zitierte ein chinesisches Sprichwort: „Ein ausgemergeltes Kamel ist immer noch größer als ein Pferd“ und führte aus, dass die europäischen Volkswirtschaften immer noch viel stärker seien, als viele glaubten. Und er deutete an, es sei die rechte Zeit gekommen, in Europa auf Einkaufstour zu gehen, denn jetzt seien die Preise attraktiv.

Natürlich würde nicht jeder diese optimistische Ansicht teilen. Auf der anderen Seite des Ärmelkanals frohlocken die britischen Euroskeptiker, dass sie von Anfang an Distanz gewahrt haben zu dem „sinkenden Schiff“. Und The Economist schrieb zwar kürzlich über Frankreich, das Land lebe „in Verdrängung”, aber man könnte dasselbe auch über das Vereinigte Königreich sagen. Es stimmt schon, die Franzosen hatten dieses Jahr weder die Olympischen Spiele noch ein Thronjubiläum zu bieten, aber hinsichtlich des Zustands ihrer Wirtschaft sitzen beide Länder mehr oder weniger im selben Boot.

Wenn man nach Amerika oder Asien reist, wie ich in diesem Herbst, verbessert sich das Image von Europa in bestimmten Bereichen: Der Kontinent wird noch immer als Vorbild wahrgenommen, allerdings nicht mehr als globaler Akteur. Von den Vereinigten Staaten aus gesehen ist Europa vielleicht kein Problem mehr, aber es ist auch nicht Teil irgendeiner Lösung für die Probleme der Welt – mit Ausnahme der Probleme, die Europa selbst direkt betreffen (und auch da gibt es noch Zweifel).

Aber für viele internationale Investoren ist Europa noch immer, oder wieder, ein Risiko, das man gern in Kauf nimmt, wenn nicht gar – wie im Fall von Wang – eine goldene Gelegenheit. In einer Zeit wachsender Komplexität – und damit Ungewissheit – wollen die Investoren auf Nummer sicher gehen. Einige der BRICS-Länder (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) scheinen an wirtschaftlicher Zugkraft zu verlieren, und während die neuen Schwellenländer, wie Mexiko, verlockend sind, könnten diese sich als schwächer herausstellen, als sie scheinen.

In diesem Zusammenhang ist Europa vielleicht ein müder, alternder und depressiver Kontinent, aber, wie die Luxus- und Luftfahrtindustrie beweisen, ist es noch zu früh, ihn zu Grabe zu tragen. Ein relativer Niedergang ist offensichtlich: Europa stellte Anfang des 17. Jahrhunderts 20 Prozent der Weltbevölkerung, heute jedoch nur 7 Prozent. Dieser Anteil wird 2050 sogar noch niedriger sein. Aber der demographische Faktor ist nicht entscheidend: eine kleine Bevölkerung hat Singapur nicht davon abgehalten, eine äußerst wettbewerbsfähige Volkswirtschaft zu werden.

Europa ist vielleicht nicht die Quelle wirtschaftlicher Inspiration, aber es verleitet Menschen noch immer zum Träumen. Es wird als Vorbild für Zivilität wahrgenommen. Egal, worüber Chinesen und Japaner sonst streiten, sie sind sich doch in einem Punkt einig: Wenn Asien heute, mit seinen wachsenden nationalistischen Spannungen, an Europa in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts erinnert, ist es genau deshalb, weil Asien eben nicht einen Versöhnungsprozess eingeleitet hat, der es Frankreich und Deutschland ermöglicht hat, ihre jahrhundertealte Rivalität zu überwinden.

Genauso mag zwar der russische Präsident Wladimir Putin die Besonderheit der “russischen Zivilisation” in einer Art und Weise betonen, die an anti-westliche Denker des 19. Jahrhunderts erinnert, aber für viele Mitglieder in der russischen Elite ist die Europäische Union trotz ihrer vielen Schwächen das zivilisierteste Regierungsmodell, das es gibt. Wenn die Chinesen eine Benchmark für sozialen Schutz suchen, gehen sie auf Studienreise nach Skandinavien.

Aber kann Europa Vorbild bleiben, wenn es nicht länger ein ernst zu nehmender geopolitischer Akteur ist? Wenn US-Beamte zu den Europäern sagen: „Wir brauchen Euch“, dann meinen sie ganz minimalistisch „Bitte brecht nicht zusammen und reißt die globale Wirtschaft mit Euch in den Abgrund!“ Europäer sind die Japaner des Westens geworden – Mitspieler, die im besten Fall eine Nebenrolle in den globalen strategischen Angelegenheiten einnehmen.

Wenn es zum Beispiel noch eine Lösung für den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern geben kann, dann nur, wenn sich die USA engagieren. Barack Obama möchte wie sein Vorbild Abraham Lincoln als ein Präsident in die Geschichte eingehen, der entscheidende Veränderungen vollzogen hat. Er könnte Schlechteres tun, um sich den zu früh verliehenen Friedensnobelpreis zu verdienen, als einem umfassenden Friedensvertrag im Nahen Osten auf den Weg zu helfen. Natürlich erwarten nur wenige eine derart kolossale Leistung, aber noch viel weniger erwarten irgendetwas, was dem auch nur im entferntesten ähnelt, von Catherine Ashton, der außenpolitischen Gesandten der EU, oder von irgendeinem anderen europäischen Spitzenpolitiker.

Europa bleibt ein wichtiger Akteur in Wirtschaft und Handel – einer, der jederzeit wieder zu neuer Größe finden kann, jetzt, da er die Systemkrise zumindest teilweise überwunden hat. Europa bleibt auch ein Vorbild für Versöhnung, das die Menschen zum Träumen bringt, trotz der zu hohen Arbeitslosenquoten, besonders unter den jungen Menschen.

Aber Europa wird nicht mehr als globaler Akteur wahrgenommen – und das ist auch gerechtfertigt. Es ist eine Oase des Friedens, wenn nicht Dynamik. Die Frage für Europäer heute ist, ob sie mit ihrem Status zufrieden sein können und – noch wichtiger – ob sie es sollten.

Aus dem Englischen von Eva Göllner-Breust

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  1. CommentedPaul A. Myers

    The correct model for the 21st century might just be enlightened self-economic interest. Possibly Germany under Angela Merkel is the big country most successfully following the "correct" model, not American neo-imperialism under any particular American president.

    Singapore in many ways is the right model to emulate in the future, and Europe is well poised to do that. The challenge is to take the great educational and expertise "assets" of Europe and integrate these strengths into a worldwide economic competitor. Many parts of Europe are already successfully doing just that.

    In contrast, let's posit the premise that the US can no longer play a decisive global strategic power role, nor any other country. Possibly the US will continue to try to play a role that is no longer possible in the world. Possibly the long post-World War II paradigm is coming to an end.

    One of the elite "pipedreams" of the current age is that somehow the US could broker a Palestinian-Israel peace. The chance of the US playing a "transformative" role with Israel is vanishingly small.

    Possibly in the future the US can play, with other nations, an incremental balancing role in geopolitics. But the days of marching in and trying to reorder a society look like they are over.

  2. CommentedZsolt Hermann

    Unfortunately this article is still based on that illusion that the world economy is in some kind of a pause, like half time in a soccer game, and very soon the second half starts and the dormant economic machinery starts turning again.
    The camel, and the horse and all the others in fact, are not only starving but they are almost dead, because what they were feeding on so far has disappeared.
    We are not in a crisis, or recession, but in a system failure, the dream of constant quantitative growth is over.
    The drive, which used to be the excessive and harmful overproduction and over consumption has to be changed, the camel needs to get used to a new food, that is a natural necessity and resource based economy.
    Moreover in the global, interconnected human network the previous fragmented, self obsessed, subjective, individualistic or nationalistic planning and decision making cannot work, only a systematic approach, taking the well being of the whole system into consideration can yield any prosperity or sustainable progress.
    And this is where Europe could provide an example.
    The European countries started an experiment with the Union which if successful could provide the blueprint for the world to follow.
    But for that to work the leaders of the Union need to bite the bullet and accept that only a deep, full integration can truly fulfill the initial promise due to the present interconnected and interdependent human system.

      CommentedEdward Ponderer

      The need to feel in control, the fear of one's expertise evaporating, often leads to blind trust in long-established paradigms without examination -- even if these have evolved beyond recognition, and reality proves only a vague shadow of prediction.

      Subsystems are being undermined in terms of distrust in human relationships (behavioral economics), and the global upper system is reaching the limits finite global markets and resources.

      In short, insides of black boxes gears are grinding and springs are popping, and from above, we are beginning to run into a wall as well.

      A new global sense of interdependence developed through a plan of integral education is becoming critical to follow and master the ever-changing local realities feeding into the global whole. There must be a sense of mutual guarantee on national, corporate and individual levels -- that we all become as input sensors into the whole.

      To proceed with number values and wait for the recycling of a cloud formation, may prove a very long wait.

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