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Deflation und Demokratie

PRINCETON: Die Geschichte des Finanzwesens ist auch die Geschichte eines Ringens um eine stabile, sichere Methode zur Wertmessung – das, wie jedes andere Streben nach Gewissheit in unserer unberechenbaren Welt, zum Scheitern verurteilt war. Die jüngste Finanzkrise illustriert diese Schwäche auf eindrucksvolle Weise: Sie tilgt jedes Gefühl, dass man Vermögenswerten einen präzisen Preis zuweisen kann. Die meisten Menschen sind inzwischen überzeugt, dass dieses Versagen in der Natur des Finanzsystems liegt. Doch enthüllen Unsicherheiten über den Wert zugleich tief greifende Probleme der politischen Ordnung.

Eine unpraktische und unbefriedigende Lösung für die Wertfrage bot in der Vergangenheit Geld aus Metall. Unpraktisch, weil Gold für alltägliche Geschäfte unzweckmäßig und Silber für große Transaktionen zu wenig wert war.

Darüber hinaus unterlag Metallgeld aufgrund der Entdeckung neuer Vorkommen unberechenbaren Wertschwankungen. Silber aus der neuen Welt löste im 16. Jahrhundert eine anhaltende Inflation aus. Die Goldfunde in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Kalifornien und 50 Jahre später in Alaska, Südafrika und Australien führten ebenfalls zu einer leichten Inflation, während das Ausbleiben derartiger Entdeckungen in den 1870er und 1880er Jahren eine leichte Deflation verursachte.

Entsprechend entwickelte sich bei vielen Ökonomen und Politiker die Überzeugung, dass sich Papiergeld leichter steuern ließe und stabiler sei. Diese Innovation, die hochgradig sicherer Papierherstellungs- und Drucktechniken bedurfte, verwandelte das 20. Jahrhundert. Allerdings waren ihre Ergebnisse zunächst sehr viel weniger stabil als erwartet, weil eine starke Versuchung politischen Missbrauchs bestand. Statt moderater Inflation war während des größten Teils des 20. Jahrhunderts eine unkontrollierte Inflation zu verzeichnen, weil die Regierungen zu viel Geld drucken ließen.

In den letzten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts allerdings ereignete sich eine intellektuelle Revolution: Die Geldpolitik unabhängigen Zentralbanken zu überlassen, schien eine ideale Methode zu versprechen, um dem politischen Druck, Geld zu drucken, entgegenzuwirken. Bei der US Federal Reserve leitete Paul Volcker ab 1979 einen nachhaltigen und erfolgreichen Prozess des Inflationsabbaus ein. Europa lernte dieselbe Lektion mit seinem Schritt hin zur Währungsunion und der Schaffung der Europäischen Zentralbank, die seine neue Währung, den Euro, verwalten sollte.

Infolgedessen gingen die Menschen davon aus, dass das Problem der Geldstabilität gelöst sei und sie Vermögenswerte anhäufen und dann als Sicherheiten zur Aufnahme immer größerer Kredite nutzen könnten. Die durch die Unsicherheit über den Umfang der Verluste im Gefolge der Subprime-Krise und insbesondere nach dem Bankrott von Lehman Brothers bedingte massenhafte Vernichtung von Vermögen aber erschütterte diese Annahme.

Eine vom Finanzsektor ausgehende Deflation ist tödlich. Sie ist schwieriger zu bewältigen als eine Inflation – teilweise aus dem technischen Grund, dass man Zinsen nicht unter null senken kann. Je stärken gen null sie fallen, desto problematischer wird die Geldpolitik. Die geldpolitischen Instrumente funktionieren nicht mehr. Die Bilanzen der Zentralbanken wachsen, doch die Preise fallen weiter, und die Unsicherheit nimmt zu.

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum die Deflation eine solche Bedrohung ist und die Politik bei ihrer Beseitigung vor einer so viel schwierigeren Aufgabe steht als bei der Inflationsbekämpfung: Es fallen nicht alle Preise; insbesondere kommt es nicht zu einer Anpassung der Schulden, weil diese nominal fixiert sind.

Schuldeninflation und -deflation führen zu deutlich unterschiedlichen Ergebnissen. Die Inflation verringert den Wert der Schuld, was vielen Menschen und Unternehmen ein Gefühl vermittelt, als schlürften sie Champagner: Die auf ihnen ruhende Last verringert sich, und sie verspüren ein angenehmes Gefühl von Beschwingtheit und Leichtigkeit.

Eine Deflation andererseits erhöht die Verschuldung und vermittelt ein Gefühl, als ersticke man unter einer Decke aus Blei. Der Ökonom Irving Fisher hat während der Großen Depression der Zwischenkriegszeit den Prozess der Schuldendeflation präzise beschrieben: Die Kreditgeber stellten dabei aus Angst vor dem Qualitätsverlust ihrer Vermögenswerte ihre Kredite fällig und zwangen so die Kreditnehmer zur Veräußerung von Vermögen. Dies wiederum drückte die Preise lediglich weiter, was zu weiteren Kreditbeschränkungen, Konkursen und Bankzusammenbrüchen führte.

Die politische Reaktion auf eine Deflation besteht im Ruf nach einem stärkeren Staat. Die Bewältigung der Deflation ist innerhalb der Grenzen des normalen Marktbetriebs nicht möglich. Nur der Staat ist verlässlich genug, um all jene Schulden zu schultern, die zu übernehmen private Institutionen zu risikointolerant sind. Doch die abstrakte Beschreibung der Ökonomen der hieraus resultierenden Staatsintervention als einer Expansion der „Gesamtnachfrage“ verschleiert die Tatsache, dass die Regierung spezifische Ausgaben tätigt und politische Entscheidungen trifft, die spezifische Unternehmen und Personen retten.

In jenem Klima der Knappheit, das eine Schuldendeflation kennzeichnet, führt die Spezifität der Rettungsaktionen unweigerlich zu intensiven politischen Debatten – erkennbar etwa in der aktuellen Diskussion über die Verteilungseffekte einer Rettung der Automobilindustrie oder der Sorge, dass Hedgefonds, die weithin für die derzeitige Finanzmalaise verantwortlich gemacht werden, Zugriff auf Notfallkredite der Fed haben könnten.

Es werden gegenwärtig Parallelen zur japanischen Erfahrung in den 1990er Jahren gezogen – einem in wirtschaftlicher Hinsicht „verlorenen Jahrzehnt“, das auch die Legitimität der regierenden Liberaldemokratischen Partei untergrub. Alarmierendere Ergebnisse zeitigte die Große Depression: Die politische Reaktion auf die Deflation in Mitteleuropa und Lateinamerika zerstörte die herrschende Ordnung, einschließlich mehrerer demokratischer Staaten.

Eine für das 20. Jahrhundert charakteristische Reaktion auf die neue Unsicherheit ist der Dirigismus. Dessen Unzulänglichkeit könnte zur Formulierung einer erheblich älteren Antwort führen: dem Widerwillen gegenüber der Marktwirtschaft, begleitet von einer wahllosen Verdammung von Schulden und Schuldinstrumenten. Tatsächlich sollten wir uns angesichts des staatlichen hektischen Gewurschtels in Reaktion auf die aktuelle Krise daran erinnern, dass die Deflation nicht nur dazu neigt, einen radikalen Antikapitalismus hervorzubringen, sondern auch eine profunde Feindseligkeit gegenüber jeglicher Art von wirtschaftlicher oder politischer Organisation.

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