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Die gläserne Decke durchbrechen

Im letzten Frühjahr verkündete der Economist, „Frauenpower“ sei die treibende Kraft der Weltwirtschaft. Wenn allerdings die europäische Wirtschaft wettbewerbsfähiger und innovativer werden soll, wird es nicht reichen, dass Frauen in Scharen auf den Arbeitsmarkt strömen. Um den größtmöglichen Nutzen aus dem Potenzial der Frauen zu ziehen, muss es mehr Frauen in Spitzenpositionen geben und zwar sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor.

In Westeuropa haben Frauen die ehemals zwischen ihnen und den Männern bestehenden Bildungsunterschiede längst überwunden. An den Universitäten sind Frauen nicht nur zahlenmäßig überlegen, sie übertreffen ihre männlichen Kollegen auch leistungsmäßig, insbesondere in den Fächern Mathematik, Physik und Informatik. Allerdings haben sich diese akademischen Leistungen nicht in einem erhöhten Frauenanteil in Spitzenpositionen niedergeschlagen. In Europa bewegt sich der Frauenanteil in den Vorstandsetagen noch immer im einstelligen Bereich. Das Gleiche gilt auch für die obersten Führungsebenen in den Bereichen Staatsverwaltung und Universitäten.

Während in den USA beinahe 20 % aller Vorstandsmitglieder weiblich sind, liegt der Anteil der Frauen in den europäischen Vorstandsetagen nur bei 5 % oder noch darunter. In der Wissenschaft ist die Situation nur geringfügig besser. In Europa liegt der Anteil der Universitätsprofessorinnen bei 10 %, während an amerikanischen Universitäten über 20 % Professorinnen lehren.

Zu einer Zeit, da China und Indien auf dem Vormarsch sind, kann sich Europa, dessen eigene Bevölkerung altert, die Verschwendung von wertvollem Humankapital nicht leisten. Die ersten Vertreter der Babyboom-Generation erreichen nun das Rentenalter und daher schrumpft in großen Teilen Europas auch der Anteil der erwerbstätigen Bevölkerung. Um die Kosten der Alterung zu finanzieren und um seine Position als Wirtschaftsmacht zu erhalten, muss Europa die Erwerbsbeteilung insgesamt beträchtlich erhöhen.

Nicht nur Väter können und müssen vermehrt in die Kindererziehung einbezogen werden, auch ein Großteil der Hausarbeit eignet sich hervorragend dazu, dem Markt überlassen zu werden. Die Ökonomen Ronald Schettkat und Richard Freeman haben aufgezeigt, dass Karrierefrauen nicht unbedingt auf mehr Arbeitsstunden kommen als teilzeitbeschäftigte Frauen oder Mütter, die zuhause bleiben. Vielmehr lagern sie Tätigkeiten wie Lebensmitteleinkäufe, Kochen oder Reinigungsarbeiten aus.

Wenn Frauen in Europa vermehrt in qualifizierten Positionen arbeiten, wird das auch die Nachfrage nach Dienstleistungen wie Reinigungstätigkeiten und Kinderbetreuung ankurbeln, wodurch wiederum die Arbeitslosigkeit unter den gering Qualifizierten abnimmt. Überdies wird die erhöhte Teilnahme qualifizierter Frauen am Arbeitsmarkt im Gegensatz zur Zuwanderung von Arbeitskräften nicht zu zusätzlichen Kosten im Gesundheits- und Rentenwesen führen. Frauen nehmen diese Leistungen ohnehin in Anspruch, ob es sich nun um Hausfrauen oder erwerbstätige Frauen handelt.

Aufgrund der höheren Lebenserwartung und der geringeren Fortpflanzungsrate nimmt die Erziehung und Betreuung von Kindern im Gegensatz zu früher nicht mehr das ganze Leben der Eltern in Anspruch. Frauen sollte es ermöglicht werden, Spitzenpositionen anzustreben ohne dabei ihren Kinderwunsch zu vernachlässigen und ihr Erfolg würde Frauen in niedrigeren Positionen Mut machen, denn Managerinnen verfolgen eher geschlechterbewusste Einstellungspraktiken und dienen als starke Vorbilder.

Die Karrierehindernisse für gut ausgebildete Frauen in Europa liegen eher in Unternehmenskultur, geschlechterbezogenen Verzerrungseffekten und Stereotypen begründet als in offener Diskriminierung. Gruppendynamische Prozesse verhindern, dass Frauen in rein männlich besetzte Vorstandsetagen aufgenommen werden, selbst wenn einzelne Männer eine solche Entscheidung durchaus befürworten würden.

Überdies sind Frauen, die höhere Positionen erreichen, aufgrund ihres Minderheitenstatus, einer so genannten Sichtbarkeits- und Verletzbarkeitsspirale ausgesetzt. Solange Frauen als das schwächere Geschlecht wahrgenommen werden, projizieren Männer und Frauen gleichermaßen ihre eigenen Gefühle der Verletzbarkeit auf die Frau an der Spitze. Derart ausschließende gruppendynamische Vorgänge können nur dadurch überwunden werden, indem man eine kritische Masse an Frauen in Führungspositionen etabliert.

Die Vorteile einer solchen Entwicklung wären enorm. Studien zeigen, dass Firmen mit mehr Frauen im höheren Management profitabler sind als solche, in denen nur wenige Frauen an der Spitze stehen. Geteilte Führung heißt bessere Führung. Ein höherer Frauenanteil in Führungspositionen sowohl des privaten als auch des öffentlichen Sektors verändert Entscheidungsprozesse grundlegend, denn Frauen messen Formalitäten weniger Bedeutung zu und bevorzugen die direkte Kommunikation, wodurch firmeninterne Blockaden durchbrochen werden.

Eine entschiedene Strategie zur Frauenförderung würde Europa daher neue Impulse verleihen und seine Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den USA und Asien erhalten. Anfang dieses Jahres sind in Norwegen Gesetze in Kraft getreten, wonach der Frauenanteil in den Führungsetagen aller großen Unternehmen mindestens 40 % zu betragen hat. Unternehmen, die diese Bestimmung nicht erfüllen – die übrigens auch für den öffentlichen Sektor gilt – riskieren ihre Liquidierung per Gerichtsbeschluss. Der spanische Ministerpräsident José Zapatero schlug jüngst ebenfalls derartige Maßnahmen zur Gleichstellung in Wirtschaft und Politik vor.

Norwegen hat sich als leuchtendes Beispiel positioniert – dem ganz Europa folgen sollte, um die in vielen Unternehmen und Institutionen noch vorherrschende Kultur der Ungleichbehandlung und der Stereotypisierung zu überwinden. Aber auch die Frauen müssen sich anpassen. In Spitzenpositionen müssen mehr als zwei Arbeitstage pro Woche absolviert werden und die Arbeitszeit weicht vielfach von den Unterrichtszeiten in Schulen ab. Um Aufgaben zu übernehmen, die lange Zeit den Männern vorbehalten waren, müssen sich die Frauen von Verpflichtungen verabschieden, die sie am beruflichen Aufstieg hindern.