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Halunken des Kapitalismus

Paul J. Zak

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2006-11-07

Die jüngsten Enthüllungen über viele Unternehmenschefs, die ihre Aktienoptionen zurückdatiert und sich so übermäßige Vergütungen gesichert haben, auch wenn ihre Unternehmen schlechte Leistungen erbrachten, sind nur die letzten Fälle in einer Reihe von Beispielen von unmoralischem Unternehmerverhalten. In einer Zeit, in der die Renten und Leistungen ganzer Belegschaften verpuffen, haben ausufernde Gehälter für das Management eine zynische Öffentlichkeit dazu gebracht, sich zu fragen, was im Big Business schief läuft.

Vielleicht ist die Antwort ganz einfach: Zu viele Chefs haben grundlegende menschliche Werte aufgegeben und sich Gordon Gekkos berühmtes Motto aus dem Film Wall Street zu eigen gemacht: „Gier ist gut.“

Doch kommen immer mehr Studien zu dem Ergebnis, dass Gier nicht immer gut ist und dass moralische Werte einen notwendigen Bestandteil bei der Abwicklung von Geschäften darstellen. Die Gordon Gekkos sind raubgierige Geschäftsleute, die schnell an Profite kommen wollen. Obwohl sie einem sinnvollen Zweck dienen, indem sie dafür sorgen, dass andere Player am Ball bleiben und die Effizienz durch Wettbewerb steigern, meiden die anderen Marktteilnehmer sie meistens, weil sie lieber mit den Warren Buffetts Geschäfte machen – fordernden Geschäftsleuten, die jedoch für Fair Play und die Schaffung langfristiger Werte bekannt sind.

Denken wir einmal an die Fahrt zum Einkaufszentrum, wo die Käufer Waren kaufen, die in der ganzen Welt produziert und von dort aus versandt wurden. Diese dezentrale Auslieferung von Waren ist darauf angewiesen, dass Angestellte zwei Wochen lang arbeiten, bevor sie einen Gehaltsscheck bekommen, dass Unternehmen einander Kreditlinien anbieten und dass Banken Überbrückungskredite gewähren. Obwohl die Menschen schon vor der Geburt der Zivilisation Tauschgeschäfte abgeschlossen haben, ist das unpersönliche Handelssystem erst ungefähr 1000 Jahre alt. Es gibt zwar rechtliche Abhilfe, falls dieses System zusammenbricht, doch kann es nur dann unpersönlichen Handel geben, wenn die meisten Leute die Werte Fair Play und gegenseitige Kooperation teilen.

Selbst beim unpersönlichen Marktaustausch können wir nicht umhin, die Transaktionen persönlich zu gestalten, z. B. mit dem Kassierer im Lebensmittelladen, der uns anlächelt und sich bei uns bedankt, oder mit dem Türsteher eines Geschäfts, dessen einziger Zweck es ist, uns das Gefühl zu vermitteln, dass man sich um uns kümmert. Diese Personalisierung greift auf Regionen im Gehirn zurück, die sich entwickelten, als unsere Handelspartner Mitglieder kleiner, untereinander verwandter Gruppen waren, in denen moralische Verstöße sofort erkannt und behoben wurden.

Studien der Primatologen Sarah Brosnan und Frans de Waal von der Emory University haben gezeigt, dass Affen auch so etwas wie moralische Werte haben. Wenn zwei Affen Nahrung beschaffen, wird eine gerechte Teilung erwartet. Wenn diese gerechte Aufteilung nicht zustande kommt, löst dies entrüstete Schreie beim benachteiligten Partner aus, und er wirft mit Essen um sich.

Moralische Werte haben auch bei Menschen starke physiologische Entsprechungen, und wir spüren sie besonders, wenn gegen sie verstoßen wird. Die Philosophen Josh Greene und seine Kollegen von der Princeton University haben gezeigt, dass bei persönlichen moralischen Dilemmas (ob man z. B. einen Menschen direkt umbringen würde, um sieben andere zu retten) eher unsere Emotionen eine Rolle spielen als höhere kognitive Prozesse – zum Leidwesen vieler Philosophen, die das Gegenteil behauptet haben. Der persönliche Aspekt bei solchen Entscheidungen führt dazu, dass unser Herzschlag sich beschleunigt und unsere Handflächen schwitzen.

Bei neuroökonomischen Experimenten, die mein Labor durchgeführt hat, haben wir herausgefunden, dass unsere Gehirne ein altes Säugetierhormon namens Oxytocin ausstoßen, wenn ein Fremder einem anderen Vertrauen schenkt, indem er ihm eine überlegte finanzielle Investition gibt, die entweder zurückgezahlt oder gestohlen werden kann. Oxytocin ist die Substanz, die Säugetiere an ihre Nachkommen bindet und bei Menschen dafür sorgt, dass sich Eheleute umsorgen und einander lieben. Wir haben herausgefunden, dass Vertrauen eine Erhöhung des Oxytocins verursacht und eine Wechselwirkung hervorruft – das Teilen von Geld. Wir sind so „verschaltet“, dass wir kooperieren wollen, und wir finden es ebenso lohnend wie unsere Gehirne ein gutes Essen oder Sex als lohnend empfinden.

Oxytocin ist in entwicklungsgeschichtlich alten Arealen unseres Gehirns aktiv, außerhalb unseres Bewusstseins. Man hat einfach das Gefühl, dass es richtig ist, mit jemandem zu teilen, der einem vertraut hat.

Wir haben ebenfalls herausgefunden, dass ca. 2 % der Studierenden, die wir untersuchten, überhaupt nicht kooperiert haben. Wenn sie die Gelegenheit haben, Geld mit einem Fremden zu teilen, der ihnen vertraut hat, behalten sie lieber das ganze Geld als das reiche Geschenk zu teilen. In meinem Labor lautet der Fachausdruck für solche Leute „Bastards“ – Halunken.

Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Gehirne von Halunken anders funktionieren. Ihre Charakterzüge ähneln denen von Soziopathen. Sie kümmern sich einfach nicht so sehr um andere wie die meisten Menschen, und die gestörte Verarbeitung von Oxytocin in ihren Gehirnen scheint ein Grund dafür zu sein. Weil es da draußen Halunken gibt, ist es in der Wirtschaft immer noch notwendig, Tauschgeschäfte zu kontrollieren und persönlich durchzuführen.

Jedoch können zu viele staatliche Verordnungen moralisches Verhalten „verdrängen“. Wenn es für jedes Vergehen eine bestimmte Strafe gibt, hören Missetaten auf, moralische Verstöße zu sein, sie sind dann lediglich eine Möglichkeit für Übeltäter, „das System wirksam zu nutzen“, wobei sie ein gewisses Risiko eingehen, erwischt zu werden und ein Bußgeld zu bezahlen.

Diese äußeren Strafen können die inneren Sanktionen ersetzen, die wir spüren, wenn wir etwas Unrechtes tun. Im Fall Enron wurde dies erreicht, indem Aufgaben in kleine Einheiten aufgeteilt wurden, so dass letztendlich niemand für eine Entscheidung verantwortlich war und alle sich auf ihre Unwissenheit berufen konnten, als sie erwischt wurden. Bei seinem Prozess entschuldigte der ehemalige Generaldirektor von Enron, Jeffrey K. Skilling, sein Verhalten mit den Worten: „Ich bin kein Buchhalter.“

Viele Menschen sind zu der Überzeugung gelangt, dass der Marktaustausch unsere Menschlichkeit verringert. Man denke an Charlie Chaplins Film Moderne Zeiten , in dem der kleine Landstreicher buchstäblich zum Rädchen im kapitalistischen Getriebe wird. Diese Ansicht, ein Überbleibsel der marxistischen Denkart, ist falsch. Im Gegenteil, zusammen zu arbeiten und miteinander auf den Märkten Handel zu treiben, ist Ethik in Aktion.

Paul J. Zak ist Fellow am Gruter Institute und Direktor des Zentrums für Neuroökonomische Studien an der Claremont Graduate University, er ist der Herausgeber von Moral Markets: The Critical Role of Values in the Economy.

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AUTHOR INFO

Paul J. Zak, a fellow at the Gruter Institute and director of Claremont Graduate University's Center for Neuroeconomics Studies, is editor of Moral Markets: The Critical Role of Values in the Economy.