Während sich die Hamas mit der Regierungsbildung für die palästinensischen Gebiete abmüht, scheint sie sich eher nach den biblischen Versen im Ekklesiastes zu richten als nach den Wünschen des Nahost-Quartetts (Vereinigte Staaten, Russland, Europäische Union und Vereinte Nationen), das den Auftrag hat, eine Brücke zwischen Israel und Palästina zu schlagen. „Ein Jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde“, trifft auf die aktuelle Agenda der Hamas zu, denn ihre Prioritäten und ihr Zeitrahmen sind anders als die der internationalen Gemeinschaft, die auf sofortige politische Erklärungen drängt, vor allem auf die Anerkennung des Existenzrechts Israels.
Die Hamas ist sich der politischen Verpflichtungen bewusst, die sie eingehen muss, um in der Weltgemeinschaft vollständig anerkannt zu werden, doch ziehen ihre Führer es vor, zu warten, bis sie vollkommen ermächtigt sind, bevor sie sich diesen Themen widmen. Zudem versucht die Hamas, wie die meisten Palästinenser, abzuwägen, welcher der beste Weg nach vorn im Friedensprozess ist. In ihren Augen hat der derzeitige Prozess zu jahrelangem Stillstand in den Verhandlungen geführt und die fortgesetzte Okkupation und den Diebstahl von Palästinensergebieten ermöglicht.
Als Beispiel führen die Hamas-Führer an, dass die Israelis im letzten Jahr noch nicht einmal mit dem gemäßigten Mahmud Abbas als Machthaber verhandelt haben. Von ihrem Standpunkt aus wird Israel daher mit keiner Palästinensischen Autonomiebehörde schnell Verhandlungen aufnehmen, egal, ob diese Israels Existenzrecht anerkennt oder nicht.
Stattdessen sind die neu gewählten Hamas-Führer mit grundlegenden Fragen beschäftigt, unter anderem damit, die Einheit unter den Palästinensern aufrechtzuerhalten, die Gesetzlosigkeit zu beenden, größeren Respekt vor der Rechtsstaatlichkeit zu gewährleisten, die Korruption zu bekämpfen und die palästinensische Staatsführung zu reformieren. Die meisten Palästinenser stimmen diesen Prioritäten vollkommen zu.
Die jüngste allgemeine Meinungsumfrage unter den Palästinensern zeigt sogar, dass sich 73 % genauso sicher oder noch sicherer fühlen als vor der Wahl. Von den 709 zufällig ausgewählten, befragten Palästinensern gaben 30 % an, dass sie hoffen, die neue Hamas-Regierung werde der Korruption ein Ende setzen. Zweiundzwanzig Prozent sagten, sie hoffen, dass Ismail Hanija, der designierte Premierminister der Hamas, das Chaos in den palästinensischen Städten beenden und innere Sicherheit sowie Rechtsstaatlichkeit einführen werde. Fast einer von fünf hoffte, dass die Arbeitslosigkeit bekämpft werde.
Obwohl die Mehrheit der Palästinenser eine religiöse Bewegung an die Macht gewählt hat, gab ironischerweise nur 1 % der Befragten an, es solle die Priorität der Hamas sein, das islamische Recht in Palästina einzuführen.
Die Umfrage ergab zwar, dass 73 % der Palästinenser ein Friedensabkommen mit Israel befürworten, doch sind sie nicht zuversichtlich, dass es bald zu einem Abschluss kommt. Elf Prozent der Umfrageteilnehmer sagten, dass die Gefangenenfrage die wichtigste Priorität der neuen Regierung sein solle – fast doppelt so viele wie diejenigen, die meinten, ein Friedensabkommen mit Israel solle oberste Priorität haben. Über 8000 Palästinenser werden in israelischen Gefängnissen festgehalten, viele von ihnen ohne Anklage oder Prozess. Trotzdem gaben 62 % der Palästinenser an, dass die Hamas ihrer Meinung nach ihre Position bezüglich der Anerkennung Israels ändern solle.
Es ist schwer für eine internationale Supermacht wie die USA oder eine regionale wie Israel, sich klar zu machen, dass eine Gruppe oder ein Volk es wagt, andere Prioritäten als sie selbst zu haben. Doch haben die Palästinenser über die Jahre gezeigt, dass sie ein stolzes Volk sind, das nicht nachgeben wird, nur weil die andere Seite militärisch oder politisch mächtiger ist.
Jedenfalls kann man der Hamas nicht vorwerfen, dass sie Amerikas Drängen auf Demokratie ausnutzt, um populäre Ziele zu erreichen. Schließlich muss jeder, der wiedergewählt werden will, den Bedürfnissen des eigenen Volkes Priorität einräumen, und nicht unbedingt den Forderungen der internationalen Gemeinschaft. Erst wenn sich die gewählten Vertreter mit den täglichen Problemen befassen, mit denen ihr Volk konfrontiert ist, können sie anfangen, Verhandlungen mit dem Ausland aufzunehmen.
Fest steht, dass die Hamas und die Palästinenser ein Ende der 38-jährigen israelischen Besatzung wollen und dass den Palästinensern nicht dieselben Pläne verkauft werden können wie zuvor bereits der PLO. Wenn Israel und die internationale Gemeinschaft die Besatzung aufrichtig und ernsthaft beenden wollen, wird die Hamas kooperieren.
Während die Hamas flexibel mit den legitimen Forderungen der internationalen Gemeinschaft umgehen muss, ist die internationale Gemeinschaft verpflichtet, einen wirksamen Friedensfahrplan anzubieten. Wenn die Palästinenser erst einmal davon überzeugt sind, dass eine Chance auf echten Frieden und Unabhängigkeit besteht, werden sie die Hamas drängen, diese wahrzunehmen – oder eine Partei wählen, die das tut.
Der internationalen Gemeinschaft mangelt es eindeutig am politischen Willen, Israel zur Veränderung zu drängen. Bis dieser Wille aufgebracht ist, sollte die Welt der Hamas vorläufig die Zeit lassen, sich mit den täglichen Bedürfnissen der Palästinenser zu befassen. Sobald sich die Möglichkeit ernsthafter Verhandlungen ergibt, wird eine Hamas, die das Leben der normalen Palästinenser verbessert hat, in der Lage sein, die Verhandlungen zu führen, die für einen historischen Kompromiss notwendig sind.


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