Führt extreme Armut zu Gewalt und letztlich zur Revolution? Viele Menschen sind dieser Ansicht und sind bemüht, von Guerillaaufständen bis hin zum islamistischen Terrorismus reichende Phänomene dementsprechend zu erklären.
Karl Marx und Alexis de Tocqueville allerdings, die beiden großen Gesellschaftsanalytiker des 19. Jahrhunderts, hatten eine bessere Vorstellung davon, wie Menschen funktionieren und was gesellschaftliche Veränderungen hervorruft. Extreme Armut erzeugt Apathie, nicht Rebellion. Die ganz Armen lassen sich höchstens für gelegentliche Demonstrationen der Wut nutzen, aber sie sind nicht der Stoff, aus dem Terroristen oder Revolutionäre gemacht sind.
Eine sehr viel entscheidendere Gruppe sind in jeder Gesellschaft diejenigen, die dabei sind, aufzusteigen, dann aber sehen, dass ihnen der Weg verstellt ist. Ihre Wünsche und Ziele sind unter den gegebenen Umständen nicht unrealistisch, aber sie sind frustriert: Die Dinge bewegen sich weniger schnell, als sie es sich wünschen, oder überhaupt nicht – und zwar aufgrund von Umständen, die sie nicht steuern können. Gelegenheiten bestehen, können aber nicht ergriffen oder realisiert werden.
Diese Gruppe – nicht die Armen und Hilflosen in verzweifelter Lage – bildet jene große mobilisierende Kraft, von der gewalttätige Proteste und letztendlich bedeutende Veränderungen ausgehen.
In der postkommunistischen Welt der vergangenen 15 Jahre ist die Politik der Frustration besonders deutlich geworden. Die drückende Herrschaft der Nomenklatur war verschwunden, und die Vision eines neuen Lebens so wie in den offenen Gesellschaften des Westens schien greifbar. Tatsächlich jedoch verschlimmerten sich die Dinge zunächst. Der Weg hin zu Wohlstand und Freiheit verlief nicht gradlinig, im Gegenteil – er führte durch ein Tal der Tränen.
Die Menschen reagierten hierauf auf unterschiedliche Weise. Wer die Chance hatte, wanderte ab, zunächst in die Zentren wirtschaftlichen Fortschritts im eigenen Land, dann ins Ausland: in Länder und an Orte, wo die neue Welt sofort zu finden war. Diejenigen, die zu Hause zurückblieben, begannen, ein seltsames Wahlverhalten an den Tag zu legen, beispielsweise, indem sie die Nachfolger der alten kommunistischen Parteien wählten – wo sie sich doch erst wenige Jahre zuvor gefreut hatten, sie loszuwerden.
Die Europäische Union – bei all ihren Schwächen – hat den postkommunistischen Ländern in Ost- und Südosteuropa enorm geholfen. Sie machte das Tal der Tränen erträglich – durch das Angebot finanzieller und sonstiger Hilfe und indem sie ihnen die Hoffnung auf Mitgliedschaft in der EU und wirtschaftliches Wachstum in naher Zukunft bot. Ebenso wichtig ist: Hätte die EU die Schaffung einer administrativen und gesellschaftlichen Infrastruktur der Freiheit nicht unterstützt, hätte es in Polen, Ungarn und andernorts durchaus zu einer ernstzunehmenderen kommunistischen oder gar faschistischen Gegenreaktion kommen können.
Während die Politik der Frustration in der postkommunistischen Welt also unter Kontrolle gehalten wurde, brach sie in der islamischen Welt mit voller Gewalt los. Auch hier handelte es sich nicht um ein neues Phänomen. Im Zuge der einsetzenden Modernisierung wurden Millionen von Menschen ihren traditionellen Gemeinschaften und Lebensformen entwurzelt. Insbesondere die jungen Männer hegten die Erwartung an ein Leben, das stärker jenem ähnelte, welches sich ihnen im westlichen Fernsehen präsentierte.
Schnell aber mussten sie feststellen, dass eine Verwirklichung dieser Erwartungen eine längere und beschwerlichere Reise erfordern würde, als sie es sich vorgestellt hatten. Tatsächlich würde sie mindestens eine Generation lang dauern und viele der Anstrengungen des modernen Lebens erfordern – während jedoch die Früchte dieser Anstrengungen schwer greifbar sein würden.
Frühere Generationen mögen eher bereit gewesen sein, die Bürde des Arbeitens und Wartens auf sich zu nehmen; heute jedoch wollen die Menschen sofort Ergebnisse sehen. Wenn sich der Nutzen nicht umgehend einstellt – und für die meisten Menschen tut er dies nicht –, werden sie ungeduldig. Die massiven Migrationsprozesse, die gerade erst eingesetzt haben, werden das bestimmende Problem der kommenden Jahrzehnte sein. Insbesondere in Afrika wird die Migration nahezu der einzige schnelle Weg hin zur Modernisierung sein.
Diejenigen, die es nicht schaffen, in andere Länder zu gelangen, oder die in den neuen Ländern, in die sie abgewandert sind, scheitern, stecken in einem bösen Dilemma: Die alte Welt traditioneller Beziehungen und Gebräuche ist für diese Menschen verloren, aber die neue Welt bleibt außer Reichweite. Sie sind verloren in einem Limbo der Unsicherheit und Enttäuschung.
Dies sei, so argumentieren manche, eines der Probleme von „verspäteten Nationen“ wie etwa Deutschland vor 100 Jahren gewesen. Politische Verführer (unter ihnen Hitler) hätten das hieraus resultierende Gefühl der Frustration ausgenutzt. Was auch immer man von derartigen Theorien halten mag, es leuchtet ein, dass die Frustration junger Menschen, deren Ziele vereitelt werden, sie zum Ziel von Hasspredigern macht und in Versuchung führt, den Kurs mühsamen Schuftens dem Fortschritt entgegen zu verlassen und sich drastischeren Aktionen zuzuwenden.
Was wir „Terrorismus“ nennen, hat viele Ursachen, und man sollte sich vor einfachen Erklärungen hüten. Die Politik der Frustration jedoch, bei der Erwartungen aufgebaut und dann zunichte gemacht werden, ist eindeutig eine derartige Ursache.
Sie ist daher eine Herausforderung an diejenigen unter uns, die in glücklicheren Umständen leben. Falls wir nicht in Gewalt und autoritären Reaktionen darauf versinken wollen, müssen internationale Einrichtungen für die sich modernisierende Welt das tun, was die EU für die postkommunistischen Länder geleistet hat. Es gibt keine größere oder wichtigere Aufgabe für die Demokratien unserer Welt.


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