Während des gesamten so genannten „Krieges gegen den Terror“, wurde die Darstellung als „Kampf der Kulturen“ zwischen dem Islam und dem Westen üblicherweise als politisch inkorrekt und intellektuell verbohrt abgetan. Die gebräuchlichste Interpretation ist vielmehr, dass wir in ein neues Zeitalter eingetreten sind, das durch Konflikte „innerhalb“ einer speziellen Kultur, nämlich des Islam, geprägt ist, wobei sich fundamentalistische Muslime gegen moderate Kräfte im eigenen Lager ebenso im Kriegszustand befinden wie gegen den Westen.
Die strategische Schlussfolgerung aus dieser Analyse war klar, ambitioniert und kurz gefasst: sie hieß Demokratisierung. Wenn die Abwesenheit der Demokratie in der islamischen Welt das Problem ist, wäre die Demokratisierung des „erweiterten Nahen Ostens“ die Lösung und es wäre die historische Pflicht der Vereinigten Staaten als mächtigste und moralisch am stärksten dazu berechtigte Nation, diesen notwendigen Wandel herbeizuführen. Der Status quo war untragbar. Die Einführung der Demokratie mit oder ohne Regimewechsel war die einzige Alternative zu Chaos und dem Aufstieg des Fundamentalismus.
Der Irak befindet sich heute möglicherweise am Rande eines Bürgerkriegs zwischen Schiiten und Sunniten. Der Iran unter einem neuen und radikaleren Präsidenten bewegt sich unaufhaltsam in Richtung des Besitzes nuklearer Kapazitäten. In Palästina kam die Hamas durch freie Wahlen an die Macht und die unglückselige Geschichte der dänischen Karikaturen zeigte den explosiven Charakter der Beziehungen zwischen dem Islam und dem Westen.
Alle diese Entwicklungen führen zu neuen Interpretationen. Statt eines „Kampfes der Kulturen“ könnten wir es mit einem mehrschichtigen Konflikt zu tun haben, dessen Ebenen sich untereinander in einer Weise beeinflussen, die zu einer verstärkten globalen Instabilität führt.
Tatsächlich scheinen wir einen Dreifachkonflikt zu beobachten. Da ist einmal der Kampf innerhalb des Islam, der, wenn sich die Gewalt im Irak auf Nachbarländer ausbreitet, eine Gefahr für die regionale Stabilität darstellt. Dann gibt es noch einen weiteren Kampf, der allerdings nicht zwischen dem Islam und dem Westen stattfindet, sondern als Konflikt zwischen einer säkularisierten und einer zunehmend religiösen Welt beschrieben werden kann. Auf einer noch grundlegenderen und atavistischeren Ebene finden wir einen emotionalen Kampf zwischen einer Kultur der Angst und einer Kultur der Erniedrigung.
Hier von einem Kampf zwischen Zivilisation und Barbarei zu sprechen, wie manche es tun, wäre eine zu krasse Vereinfachung. In Wahrheit sind wir hinsichtlich der Rolle der Religion mit einer wachsenden Kluft zwischen dem Westen (mit den USA als komplizierte Ausnahme) und dem Rest der Welt (mit China als augenfälligste Ausnahme), vor allem aber der islamischen Welt konfrontiert.
In dieser Kluft spiegelt sich wider, wie Religion die Identität des Einzelnen innerhalb einer Gesellschaft definiert. Zu einer Zeit, da die Religion anderswo an Bedeutung zunimmt, haben wir Europäer unsere (gewaltsame und intolerante) religiöse Vergangenheit großteils vergessen und es fällt uns schwer, die mögliche Rolle der Religion im alltäglichen Leben anderer Völker zu verstehen.
In mancher Hinsicht repräsentieren „sie“ unsere eigene verschüttete Vergangenheit und aufgrund einer Mischung aus Unwissenheit, Vorurteil und vor allem Angst, fürchten „wir“, dass „sie“ unsere Zukunft bestimmen könnten. Wir leben in einer säkularen Welt, in der Meinungsfreiheit leicht zu taktlosem und unverantwortlichem Gespött wird, während andere die Religion als ihr oberstes Ziel, wenn nicht gar ihre letzte Hoffnung sehen. Sie haben alles ausprobiert: von Nationalismus bis Regionalismus, von Kommunismus bis Kapitalismus. Nachdem alles fehlschlug, warum also soll man nicht Gott einmal eine Chance geben?
Die Globalisierung ist vielleicht nicht die Ursache für die einzelnen Schichten des Konflikts, aber sie hat deren Entstehung beschleunigt, weil die Unterschiede sichtbarer und spürbarer zutage traten. In unserem globalisierten Zeitalter haben wir das Privileg – und, paradoxerweise, die Tugend – der Unwissenheit verloren. Wir alle sehen zwar, wie es anderen geht und wie sie reagieren, aber wir verfügen nicht über jenes Mindestmaß eines historischen und kulturellen Instrumentariums, das notwendig ist, um diese Reaktionen zu entschlüsseln. Die Globalisierung hat den Weg in eine Welt geebnet, die von der Diktatur der Emotionen – und der Unwissenheit – beherrscht wird.
Im Falle des Islam ist dieser Kampf der Emotionen noch verschärft. Vor allem in der arabischen Welt wird der Islam von einer Kultur der Erniedrigung dominiert, die jene Menschen und Nationen verspüren, die sich als die Hauptverlierer, als die größten Opfer eines neuen und ungerechten internationalen Systems sehen. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, ist der israelisch-palästinensische Konflikt beispielhaft. Er wurde zu einer Manie.
Es ist nämlich nicht so, dass den Arabern und Muslimen wirklich viel an den Palästinensern liegt. Ganz im Gegenteil, die islamische Welt versagte den Palästinensern über Jahrzehnte ihre Unterstützung. In Wahrheit ist dieser Konflikt für sie zu einem Symbol der anachronistischen Fortführung einer unfairen Kolonialordnung geworden, der ihre eigene politische Misere repräsentiert und die von ihnen empfundene Unmöglichkeit verkörpert, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
In den Augen der Araber (und einiger anderer Muslime) ist die Stärke und Ausdauer Israels eine direkte Folge ihrer eigenen Schwäche, Uneinigkeit und Korruption. Die Mehrheit der Araber unterstützt die Al-Kaida vielleicht nicht, aber sie lehnen sie auch nicht aus tiefstem Herzen ab. Vielmehr besteht die Versuchung, Osama bin Laden als eine Art gewaltsamen Robin Hood zu sehen, dessen Aktionen zwar offiziell nicht geduldet werden können, die ihnen aber halfen, ein Gefühl des arabischen Stolzes und der Würde wiederzufinden.
Hier liegt vielleicht der wahre Kampf der Kulturen: im emotionalen Konflikt zwischen der europäischen Kultur der Angst und der muslimischen, vor allem arabischen, Kultur der Erniedrigung. Es wäre gefährlich, die Tiefe dieser emotionalen Kluft zu unterschätzen und sie zu erkennen, ist der erste Schritt zu ihrer Überwindung. Das wird allerdings schwierig, denn die Beilegung dieses emotionalen Kampfes der Kulturen setzt eine Öffnung in Richtung des „anderen“ voraus, zu der man möglicherweise noch auf keiner Seite bereit ist.


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