MOSKAU – Russland und der Westen sind gerade im Begriff, einander wieder einmal zu verlieren. Über Jahrhunderte hinweg haben die beiden wie Magnete einander angezogen und wieder abgestoßen. Tatsächlich stellten Historiker 25 derartige Zyklen seit der Regentschaft von Zar Ivan III. fest.
In der Vergangenheit wurden Russlands offenkundig anti-westliche Phasen durch - üblicherweise aus simpler Notwendigkeit entstandene - Richtungsänderungen korrigiert, nachdem die Beziehungen an einem Tiefpunkt angelangt waren. Diesmal nicht. Im Gegenteil: Die derzeitige Verschlechterung der Beziehungen hat eine Eigendynamik entwickelt.
Dafür gibt es vier Gründe. Erstens: Der „Verlust” des Kalten Krieges und damit einhergehend des Status als imperialistische Supermacht stürzte die politische Klasse in Russland kollektiv in eine tiefe und bis dato ungelöste Bewusstseinskrise. Die führenden Politiker Russlands sehen den Westen nach wie vor als Phantom-Feind, dem man durch die Wiederbelebung sämtlicher traditioneller Mythen der russischen Außenpolitik entgegentritt.
Zweitens waren die russischen Modernisierungsträume am Ende von Wladimir Putins zweiter Amtzeit als Präsident ausgeträumt. Diese Modernisierung stellte sich lediglich als eine weitere Umverteilung zu Gunsten der Elite heraus, vor allem jener aus der dem St. Petersburger Bürgermeisteramt und dem russischen Inlandsgeheimdienst FSB. Das Image des Westens als Feind wurde zur einzigen ideologischen Rechtfertigung für Putins Modell des korporatistischen Staates.
Drittens hat der rapide ansteigende Ölpreis im Kreml Allmachtsfantasien ausgelöst. Heute lacht man in Russland, das sich mittlerweile als „großer Energiestaat” sieht, über den Wunsch von einst, hinsichtlich des Lebensstandards gegenüber Portugal aufzuholen.
Schließlich brachten eine Reihe von Fehlern und Missgeschicken des Westens, eine Krise in den transatlantischen Beziehungen, mangelnde Führungskraft und die wachsende Bedrohung durch den islamischen Fundamentalismus (sowohl im Mittleren Osten als auch in Europa) die russische Führung dazu, den Westen als sinkendes Schiff zu betrachten, das es so schnell wie möglich zu verlassen gilt.
Obwohl diese Sichtweise nicht ganz von der Hand zu weisen ist, muss eine sehr wichtige Einschränkung vorgenommen werden: Russland ist Teil dieses Schiffs. Russland kann der Hamas, der Hisbollah und dem Iran entgegenkommen und es kann die arabische Welt daran erinnern, dass die Sowjetunion ihr in ihrer Entwicklung half und vor dem UNO-Sicherheitsrat Schutz bot. Aber in den Augen der islamischen Extremisten ist Russland ein Teil des „satanischen” Westens - ja sogar sein verwundbarster Teil. Deshalb wird Russland mit der rapide ansteigenden Geburtenrate unter seinen muslimischen Bürgern als besonders verlockend für Expansion und Übernahme betrachtet.
Allerdings kann Russlands selbstzerstörerischer Konfrontation mit dem Westen Einhalt geboten und die jahrhundertealte Debatte zwischen westlich orientierten Kräften und Slawophilen ein für alle Mal beendet werden. Dies hängt jedoch vom Erfolg der Ukraine auf ihrem europäischen Weg ab, für den sie sich während der Orangen Revolution in den Jahren 2004 und 2005 entschieden hat.
Die Ukraine ist tatsächlich eine Bedrohung, aber nicht für die russische Sicherheit, wie die Propagandisten des Kremls behaupten. Bedroht ist in Wahrheit Putins Modell eines korporatistischen, autoritären Staates, der dem Westen unfreundlich gegenübersteht. Für den Kreml ist es eine Frage auf Leben und Tod, dass die ehemaligen Sowjetrepubliken, die sich für ein anderes Entwicklungsmodell entschieden haben - allen voran die Ukraine - für die gewöhnlichen Russen nie eine attraktive Alternative werden.
Die baltischen Staaten stellen für den Kreml keine große Bedrohung dar, weil sie als der russischen Psyche fremd wahrgenommen werden. Tatsächlich wurden Schauspieler aus dem Baltikum in sowjetischen Filmen üblicherweise als Nazi-Generäle und amerikanische Spione besetzt. Auf der anderen Seite sind uns die Ukrainer in ihrer Kultur und Mentalität sehr nahe. Wenn sich die Ukrainer anders entschieden haben, warum könnten wir das nicht auch?
Ein Erfolg der Ukraine wäre der politische Tod des Putinismus, dieser abstoßenden Philosophie der „Kreml-Kapitalisten”. Wenn die Ukraine auf ihrem europäischen Weg erfolgreich ist, wenn dieses Vorhaben funktioniert, kann damit eine Antwort auf jene Frage gefunden werden, die die russische Kultur über Jahrhunderte belastete – Russland oder der Westen? Die beste Möglichkeit Russland heute zu helfen, ist also den Anspruch der Ukraine zu unterstützen, wonach das Land zu Europa und seinen Institutionen gehört. Das wird die politische Haltung der Russen mehr beeinflussen als alles andere.
Denn wenn Russlands anti-westliche Paranoia fortdauert und die eurasischen Fantasien des Kremls von einer Verbündung mit China noch weitere 10 bis 15 Jahre anhält, wird Russland letztlich zusehen, wie sein Ferner Osten und Sibirien von China übernommen werden. Dann wird das als Vermächtnis Putins geschwächte Russland auch den Nordkaukasus und die Wolga-Region an die wachsende muslimische Bevölkerung verlieren.
Die verbliebenen russischen Teile hätten dann keine andere Wahl, als sich an die Ukraine anzuhängen, die bis dahin ein erfolgreiches Mitglied der Europäischen Union geworden sein sollte. Nach 1.000 Jahren auf den Pfaden mongolischer Horden, als Zarenreich, unter Kommunismus und dem absurden Putinismus wird Russland wieder an seinen Ausgangspunkt, die Kiewer Rus, zurückkehren.
Jetzt hat Russland die Wahl: ukrainischer Plan A oder ukrainischer Plan B.


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