Roads to Prosperity
In Kürze: Kapitalismus 3.0
Dani Rodrik
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CAMBRIDGE – Der Kapitalismus steckt in seiner schwersten Krise seit vielen Jahrzehnten. Eine Mischung aus tiefer Rezession, globalen wirtschaftlichen Verwerfungen und der Verstaatlichung großer Teile der Finanzsektoren in den führenden Industrienationen hat das Gleichgewicht zwischen Märkten und Staaten durcheinander gebracht. Wo sich das neue Gleichgewicht einstellen wird, bleibt abzuwarten.
Doch diejenigen, die den Untergang des Kapitalismus prophezeien, müssen sich einer wesentlichen historischen Tatsache stellen: der Kapitalismus verfügt über die beinahe grenzenlose Fähigkeit, sich selbst neu zu erfinden. Seine Formbarkeit ist der Grund, warum er über die Jahrhunderte regelmäßig wiederkehrende Krisen überstand und Kritiker seit Karl Marx überlebte. Die wahre Frage lautet nicht, ob der Kapitalismus überleben kann - das kann er -sondern, ob die Spitzenpolitiker der Welt über die nötige Führungskraft verfügen, um den Kapitalismus in die nächste Phase zu führen, wenn wir unsere aktuellen Schwierigkeiten eines Tages hinter uns gebracht haben werden.
Es gibt nichts Gleichwertiges zum Kapitalismus, wenn es darum geht, die kollektive ökonomische Energie menschlicher Gesellschaften freizusetzen. Aus diesem Grund sind alle wohlhabenden Gesellschaften im weitesten Sinn des Wortes kapitalistisch: Sie sind rund um das Prinzip des Privateigentums organisiert und ermöglichen den Märkten, eine wichtige Rolle bei der Ressourcenallokation und der Definition des wirtschaftlichen Nutzens zu spielen. Der Haken dabei ist, dass weder Eigentumsrechte noch Märkte für sich allein funktionieren können. Zu ihrer Unterstützung bedarf es anderer sozialer Institutionen.
Eigentumsrechte bedürfen gesetzlicher Vollstreckung und Gerichte und Märkte sind auf Regulierungsbehörden angewiesen, die Missbrauch einschränken und Marktversagen beheben. Auf politischer Ebene sind im Kapitalismus Kompensations- und Transfermechanismen nötig, um seine Folgen allgemein annehmbar zu machen. Wie die aktuelle Krise wieder einmal zeigt, braucht der Kapitalismus stabilisierende Elemente wie den Kreditgeber letzter Instanz und die antizyklische Haushaltspolitik. Mit anderen Worten: Der Kapitalismus erschafft, erhält, reguliert oder stabilisiert sich nicht selbst.
Die Geschichte des Kapitalismus ist ein Prozess des Lernens und erneuten Lernens dieser Lektionen. Adam Smiths idealisierte Marktgesellschaft benötigte wenig mehr als einen „Nachtwächterstaat“. Die Regierungen mussten nur sicherstellen, dass die Arbeitsteilung durch Vollstreckung der Eigentumsrechte, die Aufrechterhaltung des Friedens und die Einhebung von ein paar Steuern für die Bereitstellung einer begrenzten Anzahl öffentlicher Güter gewährleistet blieb.
Im frühen 20. Jahrhundert war der Kapitalismus von einer begrenzten Rolle jener öffentlichen Institutionen geprägt, die notwendig waren, um ihn aufrechtzuerhalten. In der Praxis reichte der Arm des Staates oft über diese Grenzen hinaus (wie beispielsweise im Fall der Einführung einer Altersrente durch Bismarck in Deutschland im Jahr 1889). Aber insgesamt betrachteten die Staaten ihre Rolle in der Wirtschaft weiterhin als eingeschränkt.
Das begann sich zu ändern, als die Gesellschaften demokratischer wurden und Gewerkschaften sowie andere Gruppen gegen die empfundenen Missbräuche des Kapitalismus mobilisierten. Die USA bildeten die Speerspitze bei der Kartellgesetzgebung. Die Nützlichkeit einer aktiven Geld- und Haushaltspolitik wurde im Gefolge der Großen Depression weithin anerkannt.
Der Anteil der Staatsausgaben am Nationaleinkommen stieg in den heutigen Industrienationen rasch von durchschnittlich weniger als 10 Prozent am Ende des 19. Jahrhunderts auf über 20 Prozent unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg. Nach dem Zweiten Weltkrieg errichteten die meisten Länder umfangreiche Wohlfahrtssysteme und der Anteil des öffentliche Sektors am Nationaleinkommen stieg auf durchschnittlich über 40 Prozent an.
Dieses Modell der „gemischten Ökonomie“ war die krönende Errungenschaft des 20. Jahrhunderts. Das damit errichtete neue Gleichgewicht zwischen Staat und Markt schuf in den entwickelten Ökonomien die Voraussetzungen für eine beispiellose Phase des sozialen Zusammenhalts, der Stabilität und des Wohlstands, die bis Mitte der 1970er Jahre anhielt.
In den 1980er Jahren bekam das Modell erste Risse und nun scheint es zusammengebrochen zu sein. Der Grund dafür ist mit einem Wort erklärt: Globalisierung.
Die gemischte Ökonomie der Nachkriegszeit war für die nationalstaatliche Ebene geschaffen, wo sie auch funktionierte. Die internationale Wirtschaft musste auf Distanz gehalten werden. Das Regime von Bretton Woods und GATT brachte eine „oberflächliche“ Art internationaler wirtschaftlicher Integration mit sich, zu der Kontrollen des internationalen Kapitalflusses gehörten, die Keynes und seine Zeitgenossen als entscheidend für die wirtschaftliche Steuerung auf nationaler Ebene erachteten. Die Länder mussten sich lediglich zu einer limitierten Form der Handelsliberalisierung mit zahlreichen Ausnahmen für sozial sensible Sektoren (Landwirtschaft, Textilien, Dienstleistungen) verpflichten. Damit besaßen sie die Freiheit, ihre eigenen Versionen eines nationalen Kapitalismus aufzubauen, solange sie dabei ein paar einfache internationale Regeln beachteten.
Die aktuelle Krise führt vor Augen, wie weit wir uns von diesem Modell entfernt haben. Vor allem die Finanzliberalisierung machte diesen alten Regeln den Garaus. Als der Kapitalismus chinesischer Prägung ohne große Sicherheitsventile auf den amerikanischen Kapitalismus traf, bildete sich ein explosives Gemisch. Es waren keine Schutzmechanismen vorhanden, um die Entwicklung einer globalen Liquiditätsflut und, in Kombination mit den regulativen Mängeln in den USA, einen spektakulären Immobilienboom mit anschließendem Crash zu verhindern. Ebenso wenig gab es internationale Barrieren, die verhinderten, dass sich die Krise von ihrem Epizentrum ausbreitete.
Die Lehre daraus ist nicht, dass der Kapitalismus tot ist. Sie besteht vielmehr darin, dass wir den Kapitalismus für ein Jahrhundert neu erfinden müssen, in dem die Kräfte der wirtschaftlichen Globalisierung noch viel stärker wirken werden als zuvor. Ebenso wie sich Smiths Minimalkapitalismus zur gemischten Ökonomie Keynes’ entwickelte, müssen wir den Übergang von der nationalen Version der gemischten Ökonomie zu deren globalem Pendant schaffen.
Das bedeutet die Entwicklung eines verbesserten Gleichgewichts zwischen den Märkten und deren unterstützenden Institutionen auf globaler Ebene. In manchen Fällen wird dazu die Ausweitung der Institutionen über den Nationalstaat hinaus und eine verstärkte globale Steuerung nötig sein. In anderen Fällen wird es bedeuten, die Ausbreitung der Märkte über den Einflussbereich jener Institutionen hinaus zu verhindern, die auf nationaler Ebene bleiben müssen. Der richtige Ansatz wird von Land zu Land und von Thema zu Thema verschieden sein.
Es wird nicht einfach, dem nächsten Kapitalismus Gestalt zu verleihen. Aber die Geschichte ist auf unserer Seite: Die rettende Eigenschaft des Kapitalismus ist seine beinahe unendliche Formbarkeit.
Dani Rodrik ist Professor für Politische Ökonomie an der John F. Kennedy School of Government der Universität Harvard und erster Preisträger des vom amerikanischen Sozialwissenschaftlichen Forschungsrat vergebenen Albert O. Hirschman-Preises. Sein jüngstes Buch trägt den Titel One Economics, Many Recipes: Globalization, Institutions, and Economic Growth.
Copyright: Project Syndicate, 2009.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier
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gfbertini 09:52 05 Mar 09
At last Karl Polanyi will be read carefully.
carmela2en35 05:28 29 Mar 09
It is surprising to see that Dani Rodrick did not mention the book Capitalism 3.0 written by Peter Barnes. It is a book that goes way beyond this simple description of phases 1 and 2 of capitalism and attempt, precisely, to suggest an option for the phase 3.0. It would be good to discuss the proposed alternative, insted of discussing if we need or not to think about it. I mean, there is already a new idea on the table... not just an advocacy for a new idea...


josefski 04:11 24 Feb 09
So, the solutions to our woes will arise organically as we work together to generate equitable, workable, and sustainable economic models that respect the idiosyncrasies of localities and regions?
I like this article because Rodrik doesn't hew closely to any specific ideology. I think there is an implicit understanding that collaboration is the solution. Nice to read someone with a positive outlook.