Die Arzneimittelhersteller möchten uns glauben machen, die in die Höhe schießenden Kosten für Medikamente seinen nötig, um ihre Forschungs- und Entwicklungskosten zu decken. Diese Behauptung suggeriert, dass die Unternehmen den größten Teil ihres Geldes für Forschung und Entwicklung ausgeben, und dass dann nur ein bescheidener Gewinn übrig bleibt. Preisbegrenzungen, so wird behauptet, würde die Forschungs- und Entwicklungsarbeit abwürgen und Innovationen verhindern. Die Wirklichkeit sieht anders aus.
Tatsächlich geben die großen Pharmaunternehmen relativ wenig für Forschung und Entwicklung aus – viel weniger als für Marketing und Verwaltung und sogar weniger als das, was als Gewinn übrig bleibt. Im Jahre 2002 etwa erzielten die zehn führenden amerikanischen Arzneimittelunternehmen Umsätze von 217 Milliarden Dollar. Nach eigenen Angaben gaben sie davon 14 Prozent für Forschung und Entwicklung aus, aber mehr als zweimal so viel – kolossale 31 Prozent – für Marketing und Verwaltung, und es blieben ihnen 17 Prozent als Gewinn übrig.
Die meisten Arzneimittelhersteller weisen Marketing und Verwaltung in ihren Jahresberichten als einen Posten aus; ein Unternehmen jedoch gab an, dass 85 Prozent dieser Summe auf das Marketing entfiele. Geht man davon aus, dass diese Zahl im Großen und Ganzen auch für die anderen großen Unternehmen repräsentativ ist – und die Annahme ist begründet – dann haben die Unternehmen in diesem Jahr allein für Marketing nahezu doppelt soviel ausgegeben wie für Forschung und Entwicklung.
In ihren öffentlichen Erklärungen leugnet die Branche dies, indem sie nur vier spezielle Aktivitäten als Marketing anerkennt: Verkaufsbesuche bei Ärzten, den Wert kostenloser Warenproben, direkt an die Verbraucher gerichtete Werbung und Werbeanzeigen in medizinischen Fachzeitschriften. Tatsächlich aber decken die Marketing-Budgets sehr viel mehr als dies ab, insbesondere „Weiterbildungsmaßnahmen“ für die Ärzte (in denen diese dazu gebracht werden, mehr Medikamente zu verschreiben).
Und wie sieht es mit den Gewinnen aus? Seit vielen Jahren schon machen die Arzneimittelunternehmen in den Vereinigten Staaten höhere Gewinne als jede andere Branche – nachdem sie die Kosten für Forschung und Entwicklung und all ihre anderen Ausgaben bezahlt haben. Vergleichen Sie die 17 Prozent Gewinnspanne der zehn größten Arzneimittelhersteller im Jahre 2002 mit den durchschnittlichen 3,1 Prozent aller amerikanischen „Fortune 500“-Unternehmen. In 2003 fiel die Branche bei der Gewinnentwicklung erstmals leicht zurück – vom ersten auf den dritten Platz –, aber ihre Gewinne lagen trotzdem deutlich über dem Durchschnittswert.
Die jüngst geäußerte Behauptung, die Arzneimittelhersteller brächten durchschnittlich 802 Millionen Dollar für jedes neu auf den Markt gebrachte Medikament auf, beruht auf geheim gehaltenen Daten der Unternehmen selbst und ist völlig überhöht. Ganz gleich aber, wie viel Geld sie für Forschung und Entwicklung tatsächlich aufwenden: Solange die Arzneimittelunternehmen mehr für Marketing ausgeben und mehr als Gewinn übrig behalten, können sie kaum behaupten, die hohen Preise seien nötig, um Forschung und Entwicklung zu finanzieren. Vielmehr sind die hohen Preise nötig, um ihre gewaltigen Marketing-Ausgaben abzudecken und ihre enormen Gewinnspannen aufrecht zu erhalten. Auch wenn die Preise zuletzt etwas unter Druck geraten sind: Die Arzneimittelunternehmen gleichen dies aus, indem sie mehr Menschen überzeugen, mehr Medikamente für zweifelhafte oder aufgebauschte Beschwerden einzunehmen, und so die Umsatzmengen erhöhen.
Die wichtige Frage ist jedoch nicht, wie viel die Arzneimittelunternehmen für Forschung und Entwicklung ausgeben, sondern, ob wir als Verbraucher dabei auf unsere Kosten kommen. So bemerkenswert dies klingt: Nur ein Bruchteil aller neuen Medikamente ist bei sinnvoller Verwendung dieses Wortes tatsächlich innovativ.
In den sechs Jahren zwischen 1998 und 2003 wurden von den 487 neu auf den Markt gekommenen Medikamenten volle 78 Prozent von der US-Arzneimittelbehörde als vermutlich nicht besser als bereits auf dem Markt befindliche Medikamente eingestuft. Mehr noch: 68 Prozent bestanden nicht einmal aus neuen chemischen Verbindungen, sondern waren einfach alte Medikamente in neuen Darreichungsformen oder Kombinationen.
Mit anderen Worten: Die wesentlichen Produkte der Branche sind keine wichtigen neuen Medikamente, sondern geringfügige Variationen von Medikamenten, die bereits auf dem Markt sind – so genannte Nachahmerpräparate oder „Me-too-Drugs“. So ist das weltweit meistverkaufte Medikament – Lipitor von Pfizer – das Vierte von sechs cholesterinsenkenden Mitteln desselben Typs. Es gibt inzwischen ganze Familien von Me-too-Drugs und wenig Grund zu der Annahme, dass eines bei vergleichbaren Dosen besser ist als das andere.
Auch ist die Pharmaindustrie alles andere als ein Modell freien Unternehmertums: Sie ist vollständig von staatlich geförderter Forschung und staatlich gewährten Monopolen in Form von Patenten und exklusiven Vermarktungsrechten abhängig. Die wenigen innovativen Medikamente rühren in der Regel aus mit öffentlichen Geldern finanzierter Forschung her, die in staatlichen Labors oder an den Universitäten durchgeführt wird. Selbst unter artverwandten Me-too-Drugs beruht das Original normalerweise auf staatlich geförderter Arbeit.
Das erste der Medikamente vom Typ Lipitor etwa, Mevacor, kam 1987 auf den Markt und beruhte überwiegend auf universitären Forschungen. Die meisten der heute meistverkauften Medikamente haben Vorläufer, die sich in die 1980er Jahre oder noch weiter zurückdatieren lassen.
Unterm Strich bleibt, dass die Arzneimittelhersteller immer weniger innovativ sind. Sie spielen lediglich mit denselben alten Medikamenten herum, bekommen neue Patente und Exklusivrechte dafür und verlassen sich auf ihre Marketing-Stärke, um Ärzte und Patienten zu überzeugen, dass sie medizinische Wunder vollbringen.
Alle entwickelten Länder regulieren die Arzneimittelpreise in irgendeiner Form. Selbst in den USA werden Arzthonorare und Krankenhausgebühren durch die staatliche Krankenversicherung Medicare reguliert. Wir müssen also nicht befürchten, dass wir eine innovative Forschungs- und Entwicklungsarbeit abwürgen. Die Arzneimittelhersteller tun viel weniger davon, als sie behaupten, und das bisschen, was sie tun, können sie problemlos finanzieren.


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