Saturday, November 22, 2014
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Die Muppets und der Frieden im Nahen Osten

NEW YORK: Können wir von pelzigen Puppen in grellen Farben lernen, wie sich die Feuer des israelisch-palästinensischen Konfliktes beruhigen lassen?

Der Einfluss des Muppet-Reichs erstreckt sich inzwischen auf die gesamte Welt. Und wer mit dem Bildungsfernsehen der Sesamstraße aufwuchs, weiß, dass sie Fünfjährigen eingängige Lehren in Lesen, Schreiben, Rechnen und den sozialen Fähigkeiten bietet. Doch die Sesamstraße hatambitioniertere Ziele: Partner in den Entwicklungsländern zu finden – darunter in Saudi-Arabien, Südafrika und Pakistan –, um ihren örtlichen Zuschauern mit Hilfe der haarigen kleinen Wesen eine Botschaft des Friedens und der Toleranz zu übermitteln.

Ein neuer Dokumentarfilm, „When Muppets Dream of Peace“, beschreibt nun eine erschütternde gemeinsame Produktion der Sesamstraße in Israel und Palästina, unterstützt von einem jordanischen Produktionsteam. Begonnen hat dieses Programm, wie so viele pädagogische oder kulturelle israelisch-palästinensische Partnerschaften, voller Idealismus. Doch es ist, laut diesem Film und einer jüngsten Podiumsdiskussion mit den Filmemachern und einem Muppets-Sprecher in New York City, an einem häufigen Fehler derartiger Partnerschaften gescheitert.

Der ursprüngliche Plan beruhte – wie so viele dieser Programme – auf einer Vorstellung der Beteiligung zu gleichen Teilen: Israelische und palästinensische Produktionsteams sollten zusammenarbeiten. Doch gegen diese Idee legten die palästinensischen Partner Einspruch ein: „Wir sind noch nicht so weit“, erklärten sie. Ob sie eine rein palästinensische Sesamstraße haben könnten? Dafür gibt es kein Geld, kam die Antwort.

Das palästinensische Team stimmte schließlich parallelen Produktionen mit einem wichtigen Element des „kulturellen Austauschs“ zu – statt gemeinsam Teilstücke zu erstellen, würden sie eine Serie mit palästinensischen Muppets und Erwachsenen produzieren, die zugleich von den Israelis und Jordaniern produzierte Zeichentrickfilme und Minidokumentarfilme einbeziehen würde. Die beiden anderen Teams würden das Gleiche tun. Einige einheitsstiftende Figuren – wie etwa ein arabisch-israelisches Mädchen, die der einen Seite jeweils die andere Seite erklärt – sollten für ein gewisses Maß an Kontinuität sorgen.

Das in New York sitzende Management wollte, dass Palästinenser und Israelis einander auf menschliche Weise darstellen sollten. Wieder wehrten sich die Palästinenser. Statt Szenarien zu erstellen, die Israelis – selbst israelische Kinder – in einem positiven Licht zeigten, wollten sie sich darauf konzentrieren, die palästinensische Kultur in positivem Licht zu zeigen, dabei palästinensische Jugendliche als Vorbilder darstellen und den Kindern Bilder anbieten, die Alternativen zur Gewalt darstellen.

Aber dann kam erneut die Realität dazwischen. Ein Bombenattentäter verübte in Israel einen Selbstmordanschlag, und als Vergeltungsmaßnahme marschierten israelische Truppen in Ramallah ein, wo sich das winzige palästinensische Sesamstraßen-Studiobefand. Tagelang kam das palästinensische Team aus Zeichentrickkünstlern, Puppenspielern, Designern, Kameraleuten und Produzenten nicht einmal zur Arbeit – während zugleich das israelische Team in seinem hell erleuchteten, finanziell gut ausgestatteten Studio in Tel Aviv sein Material wie am Fließband produzierte.

Dann besetzten die israelischen Truppen das Fernsehstudio selbst und zerstörten es, zusammen mit den Computern und Kameras des Teams. Die Aufnahmen des Dokumentarfilms von zerschossenen Monitoren und Haufen von zertrümmerten Druckern und Kameras – unter der Graffiti „Palestine Never“ – lassen einen verzweifeln.

In der Zwischenzeit wurde man in New York ungeduldig und ließ das palästinensische Team wissen, dass seine Teilstücke zu spät dran waren – und die de facto unter militärischer Besetzung stehenden Palästinenser begannen, zu überlegen, ob dies das richtige Projekt sei, dem sie da ihre Energie widmeten. Die für das Projekt zuständige Produzentin in New York, eine alleinerziehende Mutter, zögerte zunächst, Ramallah zu besuchen, daher blieb die Tatsache, dass das palästinensische Team seine Teilstücke gar nicht termingerecht produzieren konnte, wie so viele Aspekte der palästinensischen Erfahrung hinter einer Mauer der Angst verborgen – nicht völlig sichtbar und daher nicht völlig verstanden.

Inzwischen wurde die Koproduktion beendet. Doch es gibt eine palästinensische Sesamstraße und eine israelische Sesamstraße, und es gibt positiv gezeichnete arabisch-israelische Figuren in der israelischen Version. Und die Urheber dieser Programme haben Lehren für uns alle.

Ein Zitat eines Mitglied des palästinensischen Fernsehteams ist mir im Gedächtnis geblieben: „Dies ist eine Zwangsheirat“, erklärte er, als er sich für eine rein palästinensische Sesamstraße aussprach. „Und wir wollen eine Scheidung.“

Das palästinensische Team ist, oberflächlich betrachtet, von seinen europäischen oder israelischen Kollegen in keiner Weise zu unterscheiden: Es sind hippe, begabte, kultivierte junge Leute, und sie wollen nichts mehr, als durch ihre Arbeit ein positives Umfeld für ihre Kinder schaffen – oder sie zumindest psychologisch von den Realitäten der Besetzung, der Gewalt und des Krieges entlasten.

Doch wie oft passiert es, dass die Außenwelt – selbst Spender und Programmgestalter mit besten Absichten – auf die palästinensische Zivilgesellschaft zu deren Bedingungen zugeht, ohne auf einer „Zwangsheirat“ zu bestehen? Wie häufig wird in palästinensische Filme, Bücher, Zeitungen, Schulen, Tanzensembles, Lehrer, usw. investiert, ohne dass verlangt wird, dass die Empfänger freundliche Gesten gegenüber Israel machen?

Viele Elemente der Zivilgesellschaft in der islamischen Welt haben sich von möglichen Partnerschaften mit ihren israelischen Pendants abgewendet. Ein ägyptischer Schauspieler wurde im eigenen Lande boykottiert, nur weil er in Cannes mit einer israelischen Kollegin auftrat. Doch ich bin mir sicher: Je mehr sich die Außenwelt auf die palästinensische Zivilgesellschaft konzentriert – zu deren eigenen Bedingungen –, desto weniger entnervt werden palästinensische Intelligenzija und islamische Welt insgesamt auf die häufig zwangsbestimmten Beschränkungen palästinensischer Kreativität reagieren. Eine pulsierende palästinensische Zivilgesellschaft könnte flexibler und offener auf mögliche Partnerschaften – einschließlich natürlicherer, stärker holistischer israelisch-palästinensischer Jointventures – reagieren, und davon würde die ganze Region profitieren.

Die Muppets haben Generationen von Kindern auf aller Welt beigebracht, bis zehn zu zählen und ihre Süßigkeiten zu teilen. In den USA der 1970er Jahre brachten sie uns in der Sesamstraße ein schwarz-weißes Pärchen. In Südafrika baten die Produzenten um eine Puppe, die ein HIV-positives Kind darstellte (und bekamen sie), weil die Akzeptanz solcher Kinder etwas sei, das, so die örtlichen Pädagogen, in Südafrika vermittelt werden müsse.

Das Jointventure der Sesamstraße inPalästina und Israel ist gescheitert. Doch in gewisser Hinsicht war es ein Erfolg: Die Muppets und ihre Schöpfer haben uns eine weitere wertvolle Lehre vermittelt – diesmal darüber, wie man anderen hilft und wie nicht.

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