Tuesday, September 2, 2014
5

Milton Friedmans Zaubertheorie

CAMBRIDGE – Im nächsten Jahr wäre Milton Friedman 100 Jahre alt geworden. Friedman war einer der führenden Ökonomen des 20. Jahrhunderts, ein Nobelpreisträger, der bedeutende Beiträge zu Geldpolitik und Konsumtheorie lieferte. In Erinnerung bleiben wird er allerdings in erster Linie als Visionär, der den Anhängern des freien Marktes in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die intellektuelle Munition lieferte und als graue Eminenz hinter der dramatischen Wendung, die die Wirtschaftspolitik nach 1980 nahm.

Zu einer Zeit, da die Marktskepsis um sich griff, erklärte Friedman in klarer, leicht verständlicher Sprache, dass Privatunternehmen das Fundament wirtschaftlichen Wohlstandes bilden. Alle erfolgreichen Volkswirtschaften sind auf Sparsamkeit, harter Arbeit und Eigeninitiative aufgebaut. Er wandte sich gegen staatliche Regulierungen, die das Unternehmertum behindern und die Märkte beschränken. Was Adam Smith dem 18. Jahrhundert war, bedeutete Milton Friedman für das 20. Jahrhundert.

Als Friedmans bahnbrechende Fernsehreihe „Free to Choose“ 1980 ausgestrahlt wurde, befand sich die Weltwirtschaft inmitten einzigartiger Umwälzungen. Inspiriert durch Friedmans Ideen, machten sich Ronald Reagan, Margaret Thatcher und viele andere Regierungschefs daran, die in vielen vorangegangenen Jahrzehnten aufgebauten staatlichen Beschränkungen und Regulierungen zu demontieren.

China rückte von seiner Planwirtschaft ab und ermöglichte florierende Märkte  – zunächst im Bereich landwirtschaftlicher Produkte und schließlich bei den Industriegütern. Lateinamerika baute seine Handelsschranken drastisch ab und privatisierte staatliche Unternehmen. Als im Jahr 1990 die Berliner Mauer fiel, herrschte kein Zweifel in welche Richtung sich die ehemaligen Planwirtschaften bewegen würden: hin zu einer freien Marktwirtschaft.

Aber Friedman hinterließ auch ein weniger gelungenes Vermächtnis. In seinem Eifer, die Macht der Märkte voranzutreiben, zog er eine zu scharfe Grenze zwischen Markt und Staat. Tatsächlich präsentierte er den Staat als Feind des Marktes. Dadurch machte er uns blind für die offenkundige Realität, dass erfolgreiche Ökonomien in Wahrheit eine Mischung aus beidem sind. Im Gefolge einer Finanzkrise, die ihre Ursachen zu einem nicht geringen Teil im allzu freien Spiel der Finanzmärkte hatte, kämpft die Welt leider noch immer mit dieser Blindheit.  

Aus der Friedman’schen Perspektive werden die institutionellen Voraussetzungen der Märkte nämlich krass unterschätzt. Man lasse den Staat einfach nur Eigentumsrechte und Verträge durchsetzen und – Simsalabim! – schon entfalten die Märkte ihre magischen Kräfte. Tatsächlich aber sind die für moderne Ökonomien notwendigen  Märkte, nicht selbsterschaffend, selbstregulierend, selbststabilisierend oder selbstlegitimierend. Die Staaten müssen in Transport- und Kommunikationsnetze investieren; Informationsasymmetrien, Externalitäten und ungleichen Verhandlungspositionen entgegenwirken; Finanzpaniken und Rezessionen abmildern und auf populäre Forderungen nach Sicherheitsnetzen und Sozialversicherungen reagieren.  

Märkte sind integraler Bestandteil einer Marktwirtschaft so wie Zitronen integraler Bestandteil von Limonade sind. Reiner Zitronensaft ist fast nicht genießbar. Um eine gute Limonade zu machen, muss man Zitronensaft mit Wasser und Zucker mischen. Wenn man natürlich zu viel Wasser in die Mischung gibt, verdirbt man die Limonade ebenso wie zu viel staatliche Einmischung die Märkte funktionsuntüchtig werden lässt. Der Trick dabei ist, nicht auf Wasser und Zucker zu verzichten, sondern das richtige Mischungsverhältnis zu erzielen. Hongkong, das Friedman als Beispiel einer marktwirtschaftlichen Gesellschaft hochhielt, bleibt die Ausnahme der gemischtwirtschaftlichen Regel – und selbst dort hat die Regierung eine große Rolle bei der Bereitstellung von Grund und Boden für den Wohnungsbau gespielt.

Das Bild, das den meisten Menschen von Friedman in Erinnerung bleiben wird, ist das eines freundlichen, kleinen und bescheidenen Professors, der in seiner Fernsehsendung einen Bleistift in die Kamera hielt, um die Macht des Marktes zu demonstrieren. Friedman sagte, es bedürfe tausender Menschen auf der ganzen Welt, um diesen Bleistift herzustellen – Graphit muss abgebaut, Holz gefällt, die Bestandteile zusammengefügt und das Endprodukt auf den Markt gebracht werden. Keine zentrale Behörde koordinierte die Aktionen der Menschen. Diese Leistung wurde durch die magischen Kräfte des freien Marktes und des Preissystems erbracht.

Mehr als 30 Jahre danach gibt es noch eine interessante Schlusswendung zur Bleistift-Geschichte (die tatsächlich auf einem Artikel des Ökonomen Leonard E. Read basierte). Heute werden nämlich die meisten der weltweit verwendeten Bleistifte in China produziert – in einer Volkswirtschaft, die einen speziellen Mix aus Privatunternehmertum und staatlichen Direktiven darstellt.

Ein Friedman dieser Tage würde vielleicht fragen, wie es China geschafft hat, die Bleistift-Industrie – wie so viele andere – zu beherrschen. In Mexiko und Südkorea befinden sich bessere Graphit-Abbaugebiete. In Indonesien und Brasilien gibt es reichere Holzbestände. Deutschland und die USA verfügen über bessere Technologie. China hat zwar viele billige Arbeitskräfte, aber die gibt es auch in Bangladesh, Äthiopien und vielen anderen bevölkerungsreichen Niedriglohnländern.  

Zweifellos ist dieser Erfolg größtenteils der Initiative und harten Arbeit der chinesischen Unternehmer und Arbeiter zu verdanken. Aber die Bleistift-Geschichte von heute wäre nicht vollständig ohne die Erwähnung staatlicher chinesischer Firmen, die ursprünglich in Technologie und Ausbildung investierten; einer lockeren Waldwirtschaftspolitik, aufgrund derer die Preise künstlich niedrig gehalten wurden; sowie großzügiger Exportförderungen und staatlicher Interventionen auf den Devisenmärkten, die den chinesischen Produzenten einen bedeutenden Kostenvorteil verschaffen. Der chinesische Staat hat seine Firmen subventioniert, geschützt und zu rascher Industrialisierung angespornt und dadurch die globale Arbeitsteilung zu seinen Gunsten geändert.

Friedman selbst hätte diese staatliche Politik bedauert. Die zehntausenden Arbeiter in den chinesischen Bleistiftfabriken wären jedoch höchstwahrscheinlich arme Bauern geblieben, wenn der Staat die Marktkräfte nicht angestupst hätte. Angesichts des wirtschaftlichen Erfolgs Chinas fällt es schwer, den Beitrag staatlicher Industriepolitik in Abrede zu stellen.

Die Anhänger des freien Marktes behalten ihren sicheren Platz in der Geschichte der ökonomischen Theorie. Aber Denker wie Friedman hinterlassen ein zwiespältiges und rätselhaftes Vermächtnis, weil in der Wirtschaftsgeschichte die Interventionisten dort erfolgreich bleiben, wo es wirklich darauf ankommt.

Hide Comments Hide Comments Read Comments (5)

Please login or register to post a comment

  1. CommentedMichael Belzer

    An historical error here. Jimmy Carter was president in 1980. He brought Prof. Alfred Kahn from Cornell into the government as his "inflation czar" in 1977, and Fred Kahn turned the regulatory ship, introducing market liberalization in airlines, trucking, and railroads, for starters. Carter made the policy shift from regulated to liberal markets, but Reagan turned Kahn's deregulated markets into Friedman's and Baumol's ideological free markets, dismantling antitrust enforcement and the balance to which Dani Rodrik correctly refers.

  2. CommentedFrank O'Callaghan

    Milton Friedman’s views are well known. Even better known is the evidence of history. Free markets are inherently unstable. They are of benefit only to the powerful and do great social, environmental and economic harm to the rest of the world.

    Milton Friedman’s views have many supporters. The great dissent comes from the evidence. Repeated experiments with this worshiped theory have all ended with the same result; collapse, chaos and rescue by a society that must squander scarce resources to repair what should not have been destroyed. This is repeated every few decades.

  3. CommentedShane Beck

    The major difference between Adam Smith and Milton Friedman is that Adam Smith was always conscious that politics and economy were always inseparable while Milton Friedman focuses mainly upon the economy. Major economic events such as the European Monetary Union and China's admittance to the WTO (even though it is still heavily protectionist) had political foundations- the first was to prevent further war between European powers and the second was a belief that trade liberalization between China and the world would lead to greater democracy and a greater emphasis upon human rights (whether the growing middle class in China demands these rights remains to be seen.) Economics might tell you how to efficiently make the pie, but politics tells you how the pie will be divided....

  4. CommentedKen Presting

    It is a sad commentary on the state of economic discussion today that one makes a significant and welcome contribution by pointing out that all of our successful modern economies are mixtures of private free enterprise and public managament.

  5. CommentedSaruvash Adam

    Although it is good for China, one could question that if it would be the most beneficial outcome globally. An efficient outcome through the free market can offer an cheaper alternative. But good for China.

    Although the pencil story can be fought with a coda, it is generally true that free markets can provide a better outcome, even during a crisis. By trying to manage a crisis, one is providing insurance against a next crisis waiting to happen. It will always be bailed out, thinking of short term pain.

Featured