Friday, July 25, 2014
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Realität stößt bei Live Earth auf taube Ohren

Die Organisatoren der Live-Earth-Konzerte am nächsten Samstag hoffen, dass die ganze Welt eine glasklare Botschaft zu hören bekommt: Der Klimawandel ist die gefährlichste Bedrohung für den Planeten. Das vom ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore geplante Live-Earth-Event wird die größte und am stärksten massenvermarktete VIP-Aktivismus-Show der Geschichte werden.

Aber wenn wir die Erderwärmung zur obersten Priorität der Welt erklären, bedeutet dies, dass wir andere große Herausforderungen auf unserer Aufgabenliste weiter nach unten verschieben. Einige Klimawandelaktivisten bestätigen dies sogar: Der australische Autor Tim Flannery sagte vor kurzem in einem Interview, der Klimawandel „ ist das einzige Problem, über das wir uns im nächsten Jahrzehnt Gedanken machen sollten.“

Das sollte man den vier Millionen verhungernden Menschen erzählen oder den drei Millionen HIV/AIDS-Opfern oder den Milliarden von Menschen, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben.

Der von Menschen verursachte Klimawandel verdient Aufmerksamkeit – und er hat sie bekommen, dank Gore, Flannery und anderen. Ehe noch ein einziger Ton in den „Bewusstsein weckenden“ Konzerten gespielt wurde, glaubt ein Großteil der Bevölkerung in den Industrieländern bereits, dass die Erderwärmung das größte Problem des Planeten ist.

Doch steht die Welt vor vielen anderen großen Aufgaben. Ob es uns gefällt oder nicht, unser Geld und unsere Aufmerksamkeitsspanne für globale Probleme sind begrenzt. Wir sollten uns zuerst darauf konzentrieren, die größten Vorteile für die meisten Menschen zu erreichen.

Das Kopenhagen-Konsens-Projekt hat erstklassige Denker zusammengebracht, darunter vier mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Ökonomen, um zu untersuchen, was wir mit einer Investition von $ 50 Milliarden, die „Gutes“ für den Planeten bewirken soll, erreichen könnten.

Sie untersuchten die besten verfügbaren Forschungsergebnisse und kamen zu dem Schluss, dass Projekte, für die relativ geringe Investitionen erforderlich sind – die Versorgung von Unterernährten mit Mikronährstoffen, die Bereitstellung von mehr Mitteln für die HIV-AIDS-Prävention, ernsthafte Bemühungen zur Versorgung von Bedürftigen mit Trinkwasser –, wesentlich mehr Gutes bewirken würden als die Milliarden von Dollars, die wir für die Verringerung der CO2-Emissionen ausgeben könnten, um den Klimawandel zu bekämpfen.

Aktivisten, die für eine CO2-Reduzierung eintreten, behaupten, dass eine ausschließliche Fokussierung auf den Klimawandel viele Vorteile mit sich bringen wird. Sie weisen zum Beispiel darauf hin, dass die Anzahl der Todesfälle durch Malaria mit den Temperaturen ansteigen wird, da sich die potenziellen Killer-Moskitos in wärmeren Gebieten wohl fühlen und vermehren. Und sie hätten Recht. Doch ist es nicht so einfach wie der Spruch auf den Autoaufklebern: „Kämpft gegen den Klimawandel und ihr bekämpft Malaria.“

Sollten die Live-Earth-Konzerte Amerika und Australien irgendwie dazu inspirieren, das Kyoto-Protokoll zu unterzeichnen, würden die Temperaturen etwas weniger stark ansteigen. Die Anzahl der von Malaria gefährdeten Personen würde bis 2085 um ca. 0,2 % sinken. Dennoch betrügen die Kosten des Kyoto-Protokolls niederschmetternde $ 180 Milliarden pro Jahr. Anders ausgedrückt, die Kämpfer gegen den Klimawandel glauben, dass wir $ 180 Milliarden ausgeben sollten, um lediglich 1.000 Leben pro Jahr zu retten.

Für wesentlich weniger Geld könnten wir Jahr für Jahr 850.000 Leben retten. Wir wissen, dass die Verteilung von Moskitonetzen und die Ausweitung von Malariapräventionsprogrammen das Auftreten von Malaria für ca. $ 3 Milliarden pro Jahr bis 2015 halbieren könnten – das sind weniger als 2 % der Kosten von Kyoto. Eine trostlose Wahl.

Einige werden argumentieren, das eigentliche Problem sei, dass das Kyoto-Protokoll nicht stark genug ist. Doch selbst wenn wir die Erderwärmung jetzt sofort stoppen könnten – was unmöglich ist –, könnten wir, wie ich in meinem demnächst erscheinenden Buch Cool It aufzeige, die Malariainfektionen bis 2085 um lediglich 3,2 % verringern. Sollten wir uns nicht um die 100 % zurzeit infizierten Menschen sorgen, denen wir viel besser, billiger und wesentlich wirkungsvoller helfen können?

Wenn wir uns die Belege ansehen, stellen wir immer wieder fest, dass die besten Lösungen für die größten Herausforderungen der Welt nicht diejenigen sind, von denen wir am meisten hören. Wir könnten z. B. bei Extremwetterereignissen viel mehr Leben retten, indem wir auf sturmfeste Baustandards pochen, als durch eine Verpflichtung zum Ziel von Live Earth, die CO2-Emissionen bis 2050 um 90 % zu reduzieren. Dies wäre einfacher, wesentlich günstiger und würde letztlich bei weitem mehr Gutes bewirken. Tatsächlich stellten die Experten des Kopenhagen-Konsenses fest, dass wir für jeden Dollar, den wir in die Bekämpfung des Klimawandels im Stile von Kyoto investieren, in zahlreichen anderen Bereichen bis zu 120-mal mehr ausrichten könnten.

Es ehrt die Organisatoren von Live Earth, dass sie sich so viele Gedanken über die weit entfernte Zukunft machen, doch muss man sich fragen, warum sie die viel schlimmere Gegenwart so wenig interessiert.

Ich will niemanden davon abhalten, sich um den Klimawandel zu sorgen, ich möchte lediglich das Gefühl für die Verhältnismäßigkeit fördern. Es gibt ungeheuer viel Gutes, das wir durch praktische, erschwingliche Vorgehensweisen erreichen können, z. B. durch HIV/AIDS-Aufklärung, Malariaprävention und die Bereitstellung von Mikronährstoffen und sauberem Wasser.

Ich hätte gern, dass folgende Botschaft erschallt: Wir sollten uns zuerst auf die besten Ideen konzentrieren. An diesem Samstag werden wir das leider nicht zu hören bekommen.

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