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Lasst tausend Wachstumsmodelle blühen

In den letzten Jahrzehnten hat sich eine vereinfachte Sicht der Grundlagen, welche Theorie und Praxis der wirtschaftlichen Entwicklung bestimmen, eingenistet. Unverblümt ausgedrückt behauptet diese Ansicht, Wachstum benötige zwei Dinge: Technologie aus dem Ausland und gute Institutionen. Wenn es nicht zum Wachstum kommt, kann das an einer der beiden (oder an beiden) Krankheiten liegen. Nennen Sie die eine die protektionistische. In ihrem Fall blockieren Regierungen den Fortschritt, weil sie den Zugang zu Investitionen und Technologie aus dem Ausland beschränken. Die andere Krankheit heißt "Korruption". Sie tritt ein, wenn die politische Führung es versäumt, Eigentumsrechte und Rechtsstaatlichkeit aufrechtzuerhalten.

Als natürliche Heilmittel gegen diese Krankheiten gelten wirtschaftliche Öffnung und besseres Regieren. Reformen, die sich auf Verbesserung der Regierung und Öffnung des Landes konzentrierten, wurden daher in den letzten fünfzehn Jahren eigentlich in jedem Land zur Grundlage der Entwicklungsstrategie.

Die Erfahrung bestätigt diese Vorstellung (im besten Fall) aber recht schlecht. Nehmen Sie Lateinamerika! In keiner anderen Ecke der Welt zeigte sich größere Begeisterung für den sogenannten "Washington-Konsens" über Wirtschaftswachstum als gerade dort. Nach Maßgabe dieses Konsens war in den 1990er Jahren die Politik in Lateinamerika besser als je zuvor. Trotzdem entwickelten sich in dieser Zeit nur wenige Länder der Region schneller als vor 1980.

Oder nehmen Sie erfolgreichere Länder. Einige des wichtigsten sind Süd-Korea und Taiwan seit den frühen 1960er, China seit den späten 1970er, Indien seit den frühen 1980er Jahren. Sie haben sich unter ganz andersgearteten Bedingungen äußerst gut entwickelt. Alle betonten den Export; keines verletzte die Eigentumsrechte übermäßig. Ihre Strategien weisen aber nur annähernd eine Ähnlichkeit mit dem heutigen Konsens auf.

Südkorea und Taiwan behielten lange Zeit einen hohen Grad an Protektionismus bei und betrieben aktiv Industriepolitik. Für Chinas Reformen waren eine nur teilweise Liberalisierung, zweigleisige Preisbildung, ein beschränkter Abbau staatlicher Vorgaben, finanzielle Zurückhaltung, eine unkonventionelle Gesetzeslage und das Fehlen von eindeutigen, privaten Eigentumsrechten kennzeichnend. Indien reformierte seine schwerfällige Gewerbe- und Industriepolitik kaum, bevor seine Wirtschaft in den 1980er Jahren in Schwung kam.

Diese und andere Erfolgsverläufe haben eines gemeinsam: Es handelt sich um Beispiele einer Wachstumsstrategie, die Orthodoxie und regionale Ketzereien - nämlich unkonventionelle institutionelle Neuerungen, die Wachstumsbeschränkungen lockern, jedenfalls Kosten für Staat und Gesellschaft senken - mit einander verbindet. Natürlich zahlt sich Abweichlertum nicht in jedem Fall aus. Die meisten Länder mit protektionistischer Wirtschaftspolitik und wenig geschützten Eigentumsrechten siechen dahin. Aber die Tatsache, dass einige der erfolgreichsten Wirtschaften der Welt gediehen sind, obwohl sie nicht nach den gängigen Vorschriften handelten, kann man nicht so leicht übergehen.

Um die Unzulänglichkeiten der gängigen Ansicht zu begreifen, beginnen wir mit dem Problem der Technologieübernahme. Herauszufinden, was ein Land mit Erfolg produziert (oder produzieren könnte), ist eine entscheidende Herausforderung. Weder die Wirtschafts- noch die Managementtheorie bietet Unternehmern (oder dem Staat) große Hilfe an, wenn es darum geht, für entsprechende Investitionen unter einer Reihe von Bereichen moderner Wirtschaftsaktivitäten eine Auswahl zu treffen. Dennoch ist es für das Wachstum wesentlich, die richtigen Investitionsentscheidungen zu fällen, weil sie die Art der Spezialisierung festlegen.

Die derzeit gültige Regelung des geistigen Eigentums in den entwickelten Ländern schützt Erfinder, in dem sie ihnen für eine bestimmte Zeit Monopole, das heißt Patente zugesteht. Aber der Investor in einem Entwicklungsland, der herausfindet, dass man ein bekanntes Gut im eigenen Land gewinnbringend herstellen kann, und der ein Beispiel setzt, dem andere nacheifern können, bekommt in der Regel keinen solchen Schutz, selbst wenn der gesellschaftliche Nutzen hoch sein kann.

Laissez-faire ist hier genauso wie auf dem Gebiet der Erforschung und Entwicklung neuer Erzeugnisse nicht die beste Lösung. Eine wünschenswerte Regierungspolitik besteht hier in Zuckerbrot und Peitsche: als erstes in der Ermutigung von Investition und von Unternehmungen im Bereich moderner Fertigung, aber , ebenso wichtig, hernach in der Rationalisierung der Produktion und im Ausscheiden schlecht arbeitender Unternehmen.

Auch die Einrichtung der Institutionen verlangt ein großes Maß von Spezifikation. Um zu entdecken, welche Einrichtungen sich unter den besonderen örtlichen Bedingungen eignen, muß man experimentieren. Reformen, die auf dem einen Schauplatz Erfolg haben, können sich auf dem anderen schlecht auswirken oder scheitern. Zweigleisige Reformen funktionierten in Dengs China gut, aber nicht in der Sowjetunion Gorbatschows. Einfuhr-Substitution führte in Brasilien zu konkurrenzfähigen Industriebetrieben, aber nicht in Argentinien. Allmähliche Anpassung eignete sich vielleicht für Indien, aber nicht für Chile.

Besondere Gegebenheiten können erklären, warum erfolgreiche Länder wie unter anderen China, Südkorea, Taiwan und Chile - üblicherweise unkonventionelle Elemente mit orthodoxen Entwicklungsstrategien verbunden haben. Sie können auch für wichtige institutionelle Unterschiede in fortgeschritteneren Ländern verantwortlich sein, und zwar hinsichtlich des Einflusses der öffentlichen Hand, der Eigenart des Rechtssystems, des Körperschaftsrechts, der Finanz- und Arbeitsmärkte und des Sozialversicherungswesens.

Es ist nicht so, dass wirtschaftliche Prinzipien an unterschiedlichen Orten unterschiedlich wirken oder auf die regionalen Zuständen zugeschnitten werden müssten. Eine wichtige Unterscheidung zwischen wirtschaftlichen Prinzipien und ihrer institutionellen Verkörperung ist, dass die meisten der wesentlichen wirtschaftlichen Prinzipien unabhängig von den Institutionen gelten.

Eigeninitiative, Wettbewerb, straffe Haushaltsführung, verlässliche Zahlungsmittel, ausgeglichene öffentliche Haushalte, Eigentumsrechte all das ist wesentlich für die Art und Weise, wie Ökonomen über Wirtschaftspolitik und ihre Reform nachdenken. Aber diese Prinzipien verlangen keine bestimmten institutionellen Lösungen. Eigentumsrechte können nach Gewohnheitsrecht, Zivilrecht, oder im Sinne des Sozialismus nach chinesischem Modell festgesetzt werden. Wettbewerb kann durch eine Kombination von freiem Zugang und Laissez-faire oder durch eine gut funktionierende Regulierungsbehörde aufrechterhalten werden. Volkswirtschaftliche Stabilität lässt sich durch eine Vielfalt von Finanzeinrichtungen erzielen.

Weil Politiker nicht gerade in einem idealen Umfeld handeln, lassen sich optimale Reformwege - selbst in angeblich ganz klaren Fällen wie bei Preisreformen - nicht entwerfen, ohne gebührend auf die vorherrschenden Bedingungen zu achten und ohne die Folgewirkung vielfältig verworrener Rahmenbedingungen abzuwägen.

Weder Technologien noch gute Institutionen können ohne bedeutende Anpassungen vor Ort übernommen werden. Solche Anpassungen verlangen aber eine aktivitätsfördernde Rolle des Staates und der Zivilgesellschaft, und Strategien der Zusammenarbeit, die das Unternehmertum und die Bildung geeigneter Institutionen fördern. Was die Welt in diesem Augenblick braucht ist weniger Konsens dafür mehr Experimentieren im Dienst solcher Strategien.

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