WEEKLY SERIES

THOUGHT LEADERS

GLOBAL PERSPECTIVES

INTERNATIONAL INSIGHT

MIND AND MATTER

SPECIAL SERIES

PROJECT SYNDICATE

The Asian Century

Die China-Frage

Hideaki Kaneda

English Spanish Russian French German Chinese Arabic
2005-12-06

Präsident Bushs jüngster Besuch in Asien machte wenig Schlagzeilen – so war es geplant. Doch kommt das daher, dass Bush das Problem, das sich immer stärker in der Region abzeichnet, nicht angesprochen hat: die sich wandelnde Sicherheitslage in Asien angesichts Chinas wachsender wirtschaftlicher und militärischer Macht.

In diesem Sommer führten China und Russland beispielsweise ihre erste gemeinsame Militärübung im großen Stil durch. Daraufhin folgten russische Nachrichtenberichte darüber, dass China, Russland und Indien vor Ende dieses Jahres trilaterale Militärübungen in derselben Größenordnung mit dem Namen „Indira 2005“ durchführen würden.

Früher war eine solche Kombination von Ländern fast undenkbar, und diese Übungen können nicht als einfache einmalige Angelegenheiten von geringer Bedeutung abgetan werden. Stattdessen spiegeln sie Chinas langfristiges strategisches Ziel wider, seine Vorherrschaft in Asien zu etablieren.

Ein Hilfsmittel bei dieser Bestrebung ist die Shanghai Organisation für Zusammenarbeit (SCO), unter deren Führung die chinesisch-russischen Übungen stattgefunden haben. Der im Juni 2001 gegründeten SCO gehören China, Russland, Kasachstan, Kirgisien, Tadschikistan und Usbekistan an. Der ursprüngliche Zweck der SCO war der Abbau von Spannungen an den Grenzen zwischen China und den mittelasiatischen Ländern nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Ankunft der US-Armee durch den Krieg in Afghanistan.

China betrachtet die SCO als eine Plattform, von der aus es seinen Einfluss über eine große Region vom asiatisch-pazifischen Raum bis nach Südwestasien, den Nahen Osten, Ostafrika und den Indischen Ozean ausweiten kann. Tatsächlich verfügen die Mitglieder über 45 % der Weltbevölkerung und 28 % der Landmasse des gesamten eurasischen Kontinents.

Chinas aktive Führung der SCO hat zu einer von China favorisierten Politik geführt. Allmählich verlagerte die SCO ihren Schwerpunkt auf die Bekämpfung islamischer Radikaler. Heutzutage wird die SCO jedoch oft als Forum benutzt, um gegen den angeblichen amerikanischen Unilateralismus zu Felde zu ziehen und in Bezug auf Sicherheits- und Abrüstungsfragen in der Region eine gemeinsame Front – besonders zwischen China und Russland – gegen die USA zu bilden. Dazu gehören das gemeinsame Anti-Terror-Training und Forderungen, die US-Streitkräfte in der Region zu reduzieren, besonders in Usbekistan und Kirgisien.

Die SCO bietet China nicht nur eine Plattform, um dem bestehenden Bündnis im asiatisch-pazifischen Raum unter Führung der USA die Stirn zu bieten, sondern sie wird immer mehr dazu eingesetzt, die Bildung eines von den USA geführten Netzwerks zu verhindern, das Chinas Vormarsch aufhalten soll. Es wird befürchtet, dass die SCO sich letztlich zu einem Militärbündnis entwickeln könnte, das dem Warschauer Pakt des Kalten Krieges ähnelt, mit einer sich herausbildenden „Großchinesischen Union“ in ihrem Zentrum.

Doch Chinas regionale Diplomatie geht weit über die SCO hinaus. Es ergreift jede sich bietende Gelegenheit, einschließlich der Sechs-Parteien-Gespräche zu Nordkoreas atomaren Ambitionen, um seine zentrale Rolle bei der Schlichtung sämtlicher asiatischer Probleme zu unterstreichen. Darüber hinaus baut es weiterhin seine „Perlenkette“ von Militärbasen an allen Schlüsselstellen der Seetransportrouten entlang des „Bogens der Instabilität“ vom Nahen Osten bis an die chinesische Küste aus.

Niemand scheint zu wissen, wie man auf Chinas diplomatisches und militärisches Muskelspiel in Asien reagieren soll, denn das Ausmaß der chinesischen Ambitionen bleibt vollkommen unklar. Doch während alle anderen über Chinas Motive nachdenken, handelt seine Regierung. So warnte vor kurzem die führende britische Expertenkommission, das Institute for International Strategic Studies, dass China seinen Einfluss schnell von Asien auf Afrika ausdehnt, während sich die Welt auf den Kampf gegen den internationalen Terrorismus und die sich entwickelnden Ereignisse im Nahen Osten konzentriert.

Zu den „Perlen“ in Afrika zählen der Sudan, Angola, Algerien, Gabun, Namibia, Sambia, Tansania, Simbabwe, Uganda, Dschibuti, Mali, Zentralafrika, Liberia, Äthiopien, Mosambik, Sierra Leone und die Demokratische Republik Kongo. Zu jedem Land pflegt China besondere militärische und kommerzielle Beziehungen, um die Loyalität gegenüber den chinesischen Interessen zu steigern.

Wie in Asien wird auch hier ein Muster angewandt: Wachsender chinesischer Einfluss erzeugt größere Unterstützung für die chinesische Politik. Selbstverständlich funktioniert das in beide Richtungen. Immer wenn im Menschenrechtsausschuss der Vereinten Nationen Beschwerden laut werden, kann China mit der Unterstützung vieler afrikanischer Staaten rechnen, die ihre eigenen Menschenrechtsprobleme haben. Sogar die Auswahl Pekings als Austragungsort der Olympischen Spiele 2008 profitierte von „afrikanischen Stimmen“. Zudem hat China öffentlich erklärt, dass es den afrikanischen Nationen bei potenziellen Streitigkeiten in der Welthandelsorganisation (WTO) und in anderen internationalen Organisationen beistehen wird.

Ebenso scheinen viele afrikanische Staaten nun in der Auseinandersetzung Chinas mit Taiwan stark China zuzuneigen. Als Japans Regierung versuchte, ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrates zu werden, unterstützten wenige afrikanische Länder seine Bewerbung, obwohl sie jahrzehntelang Wirtschaftshilfe empfangen hatten.

China prahlt gern mit seinem „friedlichen Aufstieg“. Doch der Aufstieg von Bismarcks Deutschland am Ende des neunzehnten Jahrhunderts war ebenso friedlich – eine Zeit lang. Es geht nicht darum, ob China auf friedlichem Wege einen Status großer Macht erlangt, sondern ob es beabsichtigt friedlich zu bleiben, wenn es ihn erreicht hat. Genau wie die Welt vor 125 Jahren vor der „deutschen Frage“ stand, steht sie nun vor der „China-Frage“. Wir brauchen dieses Mal eine bessere Antwort.

Der Nachdruck von auf dieser Website veröffentlichen Materialien ohne schriftliche Einwilligung durch Project Syndicate stellt eine Verletzung internationalen Urheberrechts dar. Um eine entsprechende Nutzungsbewilligung einzuholen, wenden Sie sich bitte an distribution@project-syndicate.org.
English Spanish Russian French German Chinese Arabic

You must be logged in to post or reply to a comment.
Please log in or sign up for a free account.



AUTHOR INFO

Hideaki Kaneda, a former Vice Admiral of Japan's Defense Forces, is Director of the Okazaki Institute, Tokyo.