Wednesday, October 1, 2014
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Jeremy Lin und die politische Ökonomie von Superstars

CAMBRIDGE: Im Mittelpunkt des Nachrichtengeschehens um Cambridge stand in den letzten Wochen Jeremy Lin, ein BWL-Absolvent aus Harvard, der die National Basketball Association schockierte, indem er praktisch „aus dem Nichts“ zu einem echten Star wurde und die bisher erfolglosen New York Knicks zu einer nicht zu erwartenden Siegesserie führte.

Lins Erfolg ist eine tolle Sache, u.a. deshalb, weil er so viele kulturelle Vorurteile über asiatisch-amerikanische Sportler widerlegt. Jene entgeisterten Experten, die Lin übersehen hatten, geben jetzt Dinge von sich wie: „Er hat einfach nicht danach ausgesehen.“ Lins offensichtliche Integrität und Liebenswürdigkeit haben ihm zudem Fans außerhalb des Sports verschafft. Die ganze Welt hat aufgemerkt, und Lin hat es in zwei aufeinander folgenden Ausgaben auf die Titelseite von Sports Illustrated geschafft. Die NBA, die seit einiger Zeit versucht, sich in China als Marke zu etablieren und das Interesse der Chinesen zu wecken, ist begeistert.

Ich muss zugeben, ich bin selbst ein Riesenfan von Lin. Und mein inzwischen pubertierender Sohn schwärmt von Lins Fertigkeiten und Arbeitsethik, seit dieser im Team von Harvard groß herauskam. Doch als Ökonom, der die brodelnde öffentliche Wut über die 1% oder über Menschen mit außergewöhnlich hohem Einkommen betrachtet, fällt mir zugleich eine andere, häufig übersehene Facette dieser Geschichte auf.

Was mich erstaunt, ist die Gleichgültigkeit, mit der die Öffentlichkeit die Gehälter der Sportstars akzeptiert, verglichen mit ihrer geringen Wertschätzung für die Superstars der Geschäfts- und Finanzwelt. Die Hälfte aller NBA-Spieler bezieht Gehälter von über zwei Millionen Dollar – mehr als das Fünffache der Schwelle für das oberste 1% der Haushaltseinkommen in den USA. Weil langjährige Superstars wie Kobe Bryant mehr als 25 Millionen Dollar jährlich verdienen, liegt das durchschnittliche Jahresgehalt in der NBA bei mehr als fünf Millionen Dollar. Tatsächlich ist Lins Gehalt mit 800.000 Dollar so etwas wie ein „Mindestlohn“ für einen Spieler in seiner zweiten Saison. Vermutlich wird Lin bald sehr viel mehr verdienen, und die Fans werden applaudieren.

Zugleich jedoch würden viele dieser Fans fast mit Sicherheit argumentieren, dass die CEOs der Fortune-500-Unternehmen, deren Vergütung im Mittel bei etwa zehn Millionen Dollar liegt, in aberwitziger Weise überbezahlt sind. Wenn ein Basketballstar eine Zehntelsekunde schneller reagiert als seine Gegenspieler, hat niemand ein Problem damit, dass er pro Spiel mehr verdient als fünf Fabrikarbeiter in einem Jahr. Aber wenn etwa ein Finanzhändler oder ein Mitglied der Geschäftsleitung in einem Unternehmen ein Vermögen bezahlt bekommt, weil er einen Tick schneller ist als die Konkurrenz, meint die Öffentlichkeit, dass er das nicht verdient oder, schlimmer noch, ein Dieb ist.

Die Ökonomen befassen sich schon seit langem mit der Ökonomie der Superstars in Bereichen, in denen ein Unternehmen enorm von den Entscheidungen einer kleinen Zahl von Personen profitieren kann, was diesen einen Nutzwert verschafft, den jemand, der beispielsweise Bäume abholzen kann wie der legendäre Paul Bunyan, nicht hat. Doch die politische Ökonomie der Einkommensunterschiede, die in unterschiedlichen Ländern akzeptiert werden, bleibt unerforschtes Terrain.

Natürlich steckt hinter der Verachtung der Öffentlichkeit für Superstar-Vergütungen außerhalb des Berufssports und der Unterhaltungsbranche eine gewisse Logik. Dies gilt insbesondere für bestimmte Bereiche des Finanzsektors, bei denen es sich im Wesentlichen um Nullsummenspiele handelt, wo der Gewinn des Einen der Verlust des Anderen ist. Es gibt andere Bereiche – etwa die Technologie –, in denen Leute wie der jüngst verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs echte Innovationen und Qualitätsfortschritte bewirken, statt nur Anwälte und Lobbyisten zu beschäftigen, um eine Monopolstellung zu bewahren.

Als Basketballfan würde ich den Sport nicht als Nullsummenspiel beschreiben, auch wenn ein Team gewinnt und das andere verliert. Die besten Spieler verfügen über eine enorme kreative Ausstrahlung. Aber dasselbe gilt auch für einige Straßenbasketballspieler, die herausragendes Slam-Dunk-Theater bieten; aber diese verdienen – vielleicht, weil sie für den Wettkampfsport nicht groß genug sind – so gut wie nichts.

Tolerieren die Fans die riesigen Sporteinkommen, weil die Spieler Vorbilder sind? Viele sind es sicher, aber nicht alle hochbezahlten Sportberühmtheiten sind Musterbürger. Michael Vick, ein berühmter Quarterback in der US National Football League, saß im Gefängnis, weil er brutale Hundekämpfe veranstaltete, und die Verhaftung von Spielern wegen Anschuldigungen, die von illegalem Drogen- oder Waffenbesitz bis hin zu häuslicher Gewalt reichen, ist ein regelmäßiges Ereignis.

Und auf dem Spielfeld kommt es ständig zu schweren Regelverstößen. Man denke etwa an Zinedine Zidanes berüchtigten Kopfstoß bei der Fußballweltmeisterschaft 2006. In der NBA selbst wurde ein berühmter Basketballstar, Ron Artest, 2004 für den Rest der Saison gesperrt, nachdem er während eines Spiels auf die Tribüne gestürmt war und sich eine Schlägerei mit meckernden Fans geliefert hatte. (Artest hat seinen Namen inzwischen – möglicherweise als Reaktion hierauf – in Metta World Peace geändert.)

Auch betreiben die Sportteams mit Sicherheit eine genauso aggressive Lobbyarbeit gegenüber den Regierungen wie jedes Großunternehmen. Der Profisport ist in den meisten Ländern ein gesetzlich geregeltes Monopol, bei dem die Spitzenteams den Städten, in denen sie beheimatet sind, kostenlose Stadien und sonstige Privilegien abnötigen. Lins eigene Geschichte beruht, wie man nicht vergessen sollte, auf einem enormen Arbeitskampf zwischen den milliardenschweren Eigentümern der NBA und ihren Spielermillionären um die Verteilung der nahezu vier Milliarden an Jahreseinnahmen der Liga – mehr als das Nationaleinkommen vieler Länder.

Wie der verstorbene Ökonom Sherwin Rosen von der Universität von Chicago einst postulierte, lassen die Globalisierung und die Veränderungen bei der Kommunikationstechnologie die Ökonomie der Superstars in einer Vielzahl von Bereichen immer wichtiger werden. Dies gilt eindeutig für Sport und Unterhaltung, trifft aber auch auf den Wirtschafts- und Finanzsektor zu.

Ich wünsche Lin eine lange und erfolgreiche Karriere als Superstar, obwohl er schon jetzt eine enorme kulturelle Auswirkung gehabt haben wird, selbst wenn sich sein steiler Aufstieg als vorübergehend erweisen sollte. Wir wollen hoffen, dass, wenn andere Amerikaner asiatischer Abstammung weitere Barrieren in anderen Bereichen durchbrechen – unter den CEOs von Großunternehmen etwa sind sie nach wie vor unterrepräsentiert –, diese aufstrebenden Superstars mit ähnlichem Jubel begrüßt werden.

Und wenn die Öffentlichkeit mit den hohen Einkommen dieser Superstars nicht zufrieden ist, kann sie dem ganz offensichtlich durch eine Verbesserung des Steuersystems abhelfen; das gilt auch in Bezug auf die mächtigen Eigentümer der Sportteams, von denen viele in ihren Tagesjobs von enormen Steuererleichterungen profitieren. Wer weiß? Bei ausgeglicheneren Spielregeln werden die Superstars außerhalb der Sport- und Unterhaltungsindustrie vielleicht irgendwann ein bisschen mehr gewürdigt als heute.

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  1. Commentednat taylor

    What a smug, misguided article. Condescending people for the supposed nonsequitur of supporting the high pay of sportsmen on the one hand and brandishing the pitchfork at CEOs and bankers on the other. There is no inconsistency. Behavourial studies show that people hold desert-based preferences and attuned to how rewards are earned.

    Without venturing into bankers pay, the evidence on CEOs contribution to firm performance -beyond abstract models- is highly ambiguous. Path dependencies, the collective talents of the workforce, firm proprietary resources and myriad other factors muddy the relationship between inputs and outcomes: see Groysberg's Chasing Stars.

    In fact, many justifications of CEO pay don't even bother to defend it in these terms. They rely on other arguments i.e. tournament effects though they beg the question of whether labour markets in business and finance are genuinely competitive. I know why I'm not a professional basketball player: I suck. Otherwise, a scout would have snatched me out of my cradle. There is a pretty efficient machine for detecting talent in sport -in part because it is compulsory at school; in part because it is a hobby the rest of the time, ensuring that it can draw on the widest possible field. The same is not true of other walks of life.

    Therefore, is it really any wonder that people draw the kinds of distinction that Rogoff implicitly mocks.

  2. CommentedDavid Kelland

    Professor Rogoff also seems to have missed the point that professional sports are very meritocratic. Most Americans played basketball in their youths and remember that they had no chance of making it to the NBA. A disproportionate number of CEOs and hedge fund managers come from privileged backgrounds. Their salaries are not well publicized except at the highest levels and those salaries are agreed upon by their friends on the boards. The rags-to-riches stories of many professional sports players are inspiring to Americans who want to believe that one's success is not dependent on the family to which one was born.

  3. CommentedZahed Yousuf

    Professor Rogoff there are couple of issues here:

    firstly as Mr Davis mentions that the majoirty of the population is quite unimpressed with the huge amounts sportstars are making

    Secondly the reason for this discontenmnet is largley because there are increasing levels of inequalities in the world which is fuelling resentment.

    Thirdly the reason why the majority are discontent with the trader who reacts that little bit sharper is the financial sector has done little to provide economic value to our society - they simpy used borrowod money to make themselves richer - of course there is going to be discontent with this section of society particulalry when you consider the financial system has played such a huge role in fuelling the financial crisis - sportstars did not fuel this financial crisis which has led to a loss of jobs, protests etc.

  4. CommentedAndrew Davis

    I wouldn't say the public blindly accepts the huge salaries, more that the public can see the relationship between payment and performance. Kobe proves his worth on court all the time, and the team has championships as a result. The public can understand that.
    When CEO's are pulling down millions while their companies fire employees and lose millions (billions?!) the public can't see the relationship. There is no simple performance measure to show why a CEO earns his $$. Athletes can be measured and ranked and performances dissected, but a CEO's role is more abstract.

  5. CommentedAnne Smith-Stolberg

    Mention of Zidane brings to mind Francois Holland's recent suggestion of 75% tax on income over 1 million Euro that had some (many? I don't live in France) aghast and others rather unconcerned, noting that this would effect only a very few, exemplified by the in recent times discredited and therefore overpayed French football star.
    Further, I live in Germany and today it was announced that the boss of VW would take out of 2011 a packet worth 16 million, the most ever paid in Germany - lot of money I would say, though I dare say not so in US terms - and I bet the debate on overpaid managers will heat up again as it always does and is surely worth reflecting on,but rarely do the same people much seem to mind the sums that have become the norm in football (soccer!) and I have always found that odd too.

  6. CommentedProcyon Mukherjee

    This article brings out the crucial point that public fervor or dissent for super-star payoffs stem from their lack of knowledge of what these payoffs actually bring in terms of economic value to entire eco-system. As in any efficient system, it is the added value that such payoffs bring in to the economic system as a whole; the public who spend and also absorb the positive and negative impacts, are only part of the whole picture, unknowingly they contribute either on the revenue side or the cost side.

    Procyon Mukherjee

  7. CommentedGiulio Renoldi

    Prof. Rogoff, I might be too simplistic, but I would explain athletes' payoffs using the scale of operations effect explained by Garicano L.

  8. CommentedZsolt Hermann

    I think it is a multi-factorial question.

    But one answer could be that the public views superstart athletes as "their own", people who grew out of gettos, from very difficult backgrounds, many NBA players would be drug addicts, gang members or would be already dead if they did not play professional basketball. And most of the time these players do not lose their contact with their roots, they live the celebrity lifestyle but they are not disappearing in the clouds.

    And most importantly although they are well paid, they are still only puppets, they have limited years to make their living and they fully depend on their owners.

    There was a beautiful quote from one of the NBA players 2-3 years ago, when being asked: "are you wealthy?". and he answered, "no i am just rich, the guy who writes my cheque, he is wealthy".

    What people start to understand is that being rich is not a problem, we all have different desires, we all aspire for different things, not all of us want to be an Olympic champion, or Nobel prize winner or a President.

    The problem is the attitude, the disconnection, the artificial class system the top layer creates. Interesting how people look down on India because of the social layering cast system when it is very obviously present in all western democracies, even more crystallized then in developing countries.

    We are very close to understand that it has nothing to do with money, it is all about how we relate to each other.

  9. CommentedRobert Bauer

    I think this can easily be explained by cost-benefit analysis:
    - The cost for an athlete like Lin is his high salary. The benefit is that he attracts a bigger audience that enjoys watching his performance.
    - The cost for a movie star like Leo diCaprio is his salary. The benefit is the revenue he generates for the movie company b/c more people like to watch him the movie.
    - The cost for an entrepreneur such as Bill Gates is his profit margin. The benefit is a corporation that makes products and provides employment for almost 100,000 people.
    - The cost for a successful CEO such as Apple's Tim Cook is his salary & bonus. The benefit is managing a corporation better than average and therefore providing products in a more efficient way, higher profits and employment for more people.
    - The cost for a non-successful CEO such as HP's Carli Fiorina is her salary & bonus & an almost bankrupt corporation with no benefits. Therefore this salary is considered as unfair if we apply a competitive market system as a measure of fairness.
    - It seems that the costs for managers that work for banking services with no clear benefit to society and the market economy as a whole are their salaries, bonuses and the externalities as a consequence of the market failure. That's why salaries for people of work in these institutes (that is, not just the CEOs) are considered as unjust, unfair and probably require some sort of a regulation to correct such market failure.

  10. Commentedhannad abi haydar

    while believing that sports stars are incredibly over paid, and going on a an "unsustainable" path (soon, not necessarily now), the difference than the other 1% is that the public beleive they are being entertained by these figures, and, recently, will never need to bail them out. nor they feel that the policies of their governments are being twisted to suit the intrests of a given club. no matter how the NBA league will inflate the pay cheques of all these super stars, (or hollywood), no club will become a Goldman Sachs or Exxon Mobil or Lockheed Martin

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