Saturday, August 2, 2014
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Japans Weg in den harmonischen Niedergang

PARIS – Vergessen Sie, was Sie über den bienenfleißigen japanischen Büroangestellten, den Salaryman, gehört haben: Seit den frühen 1990er Jahren hat die Arbeitsmoral der Japaner drastisch nachgelassen. So zeigte Fumio Hayashi, Ökonom an der Universität Tokio, dass der Hauptgrund für 20 Jahre Stagnation in Japan, die quantitative Verringerung der von den Japanern geleisteten Arbeit ist.  

Wegbereiter war in dieser Hinsicht die Regierung selbst, als sie beschloss, öffentliche Verwaltungsgebäude an Samstagen zu schließen. Die japanischen Banken folgten diesem Beispiel. Zwischen 1988 und 1993 wurde die gesetzliche Wochenarbeitszeit um 10 Prozent von 44 auf 40 Stunden verringert. Auch diese Entwicklung trug dazu bei, Japans Langzeit-Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg zu lähmen.

Noch schlimmer als in der Produktion ist der Niedergang im Dienstleistungssektor, weil dieser Bereich stark reguliert und teilweise von ausländischer Konkurrenz abgeschottet ist. Im Einzelhandel, wo eine riesige Zahl ungelernter Arbeitskräfte tätig ist – in den „Krämerläden“ – liegt die Produktivität Japans um 25 Prozent niedriger als in Westeuropa.  

Der frühere Premierminister Junichiro Koizumi (von 2000 bis 2004 im Amt) und sein ökonomischer Chefberater und Finanzminister Heizo Takenaka wussten ganz genau, dass Japan im Hinblick auf Produktivität an Boden verlor. Sie versuchten, dem Trend in Richtung Arbeitszeitverkürzung durch Privatisierung und Deregulierung entgegenzusteuern.  

Entschieden gegen diese kühne marktwirtschaftliche Lösung waren Japans mächtige Bürokraten, die sich wehmütig an das Entwicklungsmodell der 1960er Jahre erinnerten, als die Regierung und ihre Spießgesellen in der Wirtschaft das japanische Wunder vorantrieben. Dieses Modell hat allerdings ausgedient, da sich Japan nun in direktem Wettbewerb mit vielen anderen asiatischen und nicht-asiatischen Ländern befindet, wo die Arbeitsmoral so ausgeprägt ist wie früher in Japan.

Außerdem war die öffentliche Meinung nie für Koizumis Politik, die damals wie heute als eine Quelle der Ungleichheit betrachtet wurde. Das ist jedoch ein Märchen: Die wahre Quelle des nicht erarbeiteten Wohlstands in Japan war die Immobilienspekulation und nicht die Privatisierung. Dennoch gelang es der jüngst bei den Wahlen siegreichen Demokratischen Partei Japans (DPJ), der marktwirtschaftlichen Politik diesen Vorwurf weiter anzuhängen.

Der jüngste Wahlerfolg von Yukio Hatoyamas unerfahrener DPJ bestätigte damit den allgemeinen Wunsch, nicht dem amerikanischen Modell der freien Marktwirtschaft zu folgen.   Hatoyamas Erklärung, dass Wachstum wichtig sei, aber Zufriedenheit an erster Stelle stehe, ergibt ökonomisch keinen Sinn. Dennoch spiegelt sich darin die Stimmung vieler Japaner wider.

Unter der Annahme, dass  Hayashi und Takenaka hinsichtlich der Ursachen der Stagnation in Japan richtig liegen, muss man sich fragen, ob die Japaner heute willens sind, mehr zu arbeiten, um gegenüber den USA aufzuholen und bei der Entwicklung Asiens die Führungsrolle zu übernehmen. Die Stagnation ist eine stillschweigende kollektive Entscheidung, die von einer Mehrheit im Lande getroffen wurde. Haben sich die Menschen in Japan das bewusst ausgesucht?  

Beinahe die Hälfte der japanischen Bevölkerung ist entweder in Rente oder nähert sich dem Rentenalter und sie arbeitete sehr schwer, um einen hohen Grad an Komfort zu erreichen. Dank ihrer Arbeit und trotz der ramponierten Wirtschaft des „verlorenen Jahrzehnts“ liegen die Einkommen in Japan noch immer höher als in Europa. Außerdem ist die Arbeitslosigkeit im Vergleich zur westlichen Welt niedrig, weil viele junge Menschen, die keine besseren Jobs finden, im unproduktiven Vertriebssektor arbeiten. Das stagnierende Japan blieb daher eine friedliche und eher konservative Gesellschaft.

Im Gegensatz dazu würde ein höheres Wachstum weniger Golfurlaube für die Salarymen bedeuten und erhebliche Zuwanderung in ein Land nötig machen, das an Einmischung von außen und andere kulturelle Gepflogenheiten nicht gewöhnt ist. Sind die Japaner wirklich bereit, ein derartiges Heilmittel zu akzeptieren?  

Die meisten Japaner, vor allem Angehörige der älteren Generation, sind mit der Art Gesellschaft, die sie aufgebaut haben, zufrieden. Sie betrachten Amerikaner und Europäer als zu sehr an Geld und materieller Ambition orientiert und sie scheinen sich mit einem gewissen Maß an Stagnation als Preis für die Bewahrung des typisch Japanischen abgefunden zu haben. Hatoyama weiß das und hat deshalb auch die letzten Wahlen gewonnen.

Hatoyamas, aus westlicher Perspektive seltsam anmutende Erklärungen von einem „neuen Zeitalter“, stehen in Einklang mit dem japanischen Weg: In diesem Land bieten tausende Sektenführer zahllose Wege zum Glück an, insbesondere mit einem wortreichen Mischmasch aus New Age und Zen-Buddhismus.  

Wie lange kann Japan diese Zeit einer harmonischen Stagnation durchhalten?

Japans Hightech-Industrie ist weiterhin wettbewerbsfähig und das Land ist nach wie vor der zweitgrößte Exporteur der Welt. Japan verfügt immer noch über eine höchst innovative Ökonomie, die jährlich mehr neue Patente anmeldet, als alle europäischen Länder zusammen -   übertroffen nur von den USA und Lichtjahre vor China und Indien. Japans 150 Millionen Einwohner produzieren immer noch viel mehr als 2,5 Milliarden Chinesen und Inder.

In zehn Jahren allerdings könnte Japan seinen Status gegenüber dem Rest Asiens verlieren. Schon jetzt zeigt die Stagnation enorme Auswirkungen auf die Jugend in Japan, die es schwer hat, einen Job zu finden, geschweige denn eine lebenslange Anstellung in einer führenden internationalen Firma zu bekommen. Die Teenager wissen, dass sie weniger Chancen haben werden als einst ihre Eltern. Wie die jungen Menschen für Renten und Gesundheitsversorgung ihrer Eltern zahlen sollen, ist unbekannt.  

Am bedenklichsten ist, dass über diese Dinge nicht offen diskutiert wird. Japan ist eine verschwiegene Gesellschaft, wo man erwartet, dass jeder weiß, was vor sich geht und die Medien sind sehr darauf bedacht, keine sozialen Spaltungen zu provozieren.  Konkrete Fragen stellt man nicht und unumwundene Antworten werden als zu unhöflich und ungehobelt betrachtet. Ausländer dürfen gerne Kommentare abgeben, aber ihr Rat wird üblicherweise ignoriert.

Die meisten Japaner denken sich wahrscheinlich, dass die anhaltende Wirtschaftskraft des Landes ihnen den Luxus ermöglicht, an diesen tief verwurzelten Gewohnheiten festzuhalten. Aber vielleicht sollten sie an Ernest Hemingways Beschreibung dessen denken, wie man pleite geht: „langsam und dann sehr plötzlich.“

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