BRÜSSEL: An Analysen, was in den letzten 18 Monaten auf den weltweiten Kapitalmärkten schief gegangen ist, herrscht kein Mangel. Klar ist, dass dafür ein komplexes Zusammenspiel von Beziehungen, Interaktionen, Ereignissen und Unterlassungen seitens vieler unterschiedlicher Akteure verantwortlich ist und kein einzelner Faktor.
Ich bin beispielsweise überzeugt, dass es im Laufe der Jahre auf der Angebotsseite des Finanzdienstleistungsmarktes mit ihren gut organisierten und mächtigen Lobbys eine zu starke Vereinnahmung der Regulierer durch die Regulierten gegeben hat. Im Gegensatz dazu gab es auf der Nachfrageseite zu wenig Engagement. Dies ist ein Ungleichgewicht, dessen sich die Gesetzgeber sehr viel stärker bewusst sein müssen.
Ein zweites Problem für Regulierer, Aufsichtsorgane und sogar Rating-Agenturen waren knappe Ressourcen. Während die Märkte für das Investmentbanking florierten – und der private Sektor mit Leichtigkeit die besten Köpfe rekrutieren konnte –, fiel es Regulierern und Aufsichtsorganen schwer, die erforderlichen Budgetmittel zu erhalten, um mit der Innovation Schritt zu halten und die Märkte zu überwachen. In Zukunft werden die Regierungen die erforderlichen Finanzmittel bereitstellen müssen, um für eine robustere Aufsicht des Risikomanagements der Finanzinstitute zu sorgen.
Die Kapitalmärkte müssen einer sehr viel detaillierteren und häufigeren, praxisorientierten Aufsicht unterworfen werden. Es müssen in Europa Mechanismen für das Krisenmanagement eingerichtet werden, die dem hochintegrierten Charakter der europäischen Kapitalmärkte Rechnung tragen: 80% der Gesamtbilanzsumme aller in Europa tätigen Kreditinstitute werden von grenzübergreifenden Bankkonzernen gehalten.
Ein drittes Problem – das in Bezug auf Banken, Risikomanager und Händler von besonderer Relevanz ist – sind falsch ausgerichtete Anreize. Die Anreizstrukturen sind überwiegend auf die kurzfristige Performance ausgerichtet. In Firmen, in denen dies besonders ausgeprägt war, wurde der Shareholdervalue fast völlig vernichtet. Infolgedessen wurden dem Steuerzahler völlig inakzeptable langfristige Belastungen auferlegt.
Die Privatisierung der Gewinne und Sozialisierung der Verluste der Banken ist in demokratischen Gesellschaften nicht hinnehmbar. Struktur und zeitliche Ausrichtung erfolgabhängiger Vergütungen müssen enger auf die langfristigen Interessen der Aktionäre und auf Finanzstabilität ausgerichtet sein.
Die Anreize für Makler und Rating-Agenturen waren sogar noch kontraproduktiver. In den Vereinigten Staaten vermittelten Makler Hypotheken, ohne zu prüfen, ob der Kreditnehmer überhaupt über die Mittel verfügte, um diese zurückzuzahlen. Für sie ging es allein um den sofortigen Geschäftsabschluss.
Über Zweckgesellschaften finanziert, wurden die Hypotheken zu Schuldpaketen und verbrieften Einheiten geschnürt, an denen weder die ausgebenden Institute noch die Plazeure langfristig in wesentlichem Umfang beteiligt waren. Dafür jedoch bezahlten diese die Rating-Agenturen dafür, die Pakete mit einer hübschen kleinen Schleife in Form eines AAA-Ratings zu versehen. Als die Pakete aufgeschnürt wurden, erwies sich, dass die meisten von ihnen aus einem Pool toxischer Anlagewerte bestanden, für die keine ordentliche Due Diligence durchgeführt worden war, keine Belege für die Fähigkeit zur Rückzahlung vorlagen und kaum Puffer bestanden, um einen Abschwung am Markt zu bewältigen.
Aus diesem Grund habe ich in den jetzt dem Europäischen Parlament vorliegenden, überarbeiteten Ergänzungsanträgen zur Kapitaladäquanzrichtlinie deutlich verschärfte Maßnahmen vorgeschlagen. Diese sehen eine gründliche unabhängige Due Diligence für Verbriefungen, eine ordnungsgemäße Sensitivitätsanalyse für Kapitalflüsse und eine Verringerung der Abhängigkeit den den durch die Emittenten bezahlten Rating-Agenturen vor. Die Ausgeber und Verwalter dieser Verbriefungen werden verpflichtet, einen bedeutsamen Anteil an jeder Emissionstranche selbst zu behalten.
Als ich diese Vorschläge erstmals machte, wurde ich dafür öffentlich an den Pranger gestellt. Ich bin daher froh, zu sehen, dass inzwischen eine Beratungsgruppe der G30 dieses Prinzip unterstützt und dass es in den USA zunehmend an Zugkraft gewinnt.
Einige Lobbyisten aus dem Bankensektor allerdings bemühen sich im Europäischen Parlament um Änderungen, die die Wirksamkeit dieses Vorschlags völlig zunichte machen würden. Sogar noch verantwortungsloser sind Versuche, die Erfordernis einer angemessenen Due Diligence für Verbriefungspositionen vor einer Kapitalanlage zu untergraben – einige Änderungsanträge enthalten Formulierungen, die es den Aufsichtsorganen praktisch unmöglich machen würden, die Einhaltung der Bestimmungen zu überwachen.
Von Profitmachern zusammengestellte, gestückelte und in so genannten „CDO-Squareds“ (Verbriefungen von Verbriefungen) vergrabene Kreditforderungen und Leveraged Loans, die durch immer undurchsichtigere, ungewissere und komplexere Rangfolgen bei der Zuweisung von Kapitalströmen gekennzeichnet sind, haben keinen Platz auf den Kapitalmärkten. Die Undurchsichtigkeit, völlig unnötige Komplexität und weitgehende Unmöglichkeit einer unabhängigen Due Diligence der diesen Strukturen zugrunde liegenden Risiken haben das Vertrauen in den Verbriefungsmarkt untergraben. Die Finanzinstitute und ihre Verbände tun sich selbst keinen Gefallen, wenn sie sich mit aller Kraft gegen eine sinnvolle Reform stemmen.
Ist es ein Wunder, dass die Bewertung verbriefter Investments so schwierig geworden ist, Neubewertungen von Verbriefungen zu aktuellen Marktkursen ohne Aussagekraft oder deutlich abgestürzt sind (oder beides) und der Verbriefungsmarkt selbst zum Erliegen gekommen ist?
Statt das für eine wirtschaftliche Erholung erforderliche Vertrauen in die Kapitalmärkte wiederherzustellen, vertiefen jene EU-Mitglieder und Bankenverbände, die in Bezug auf die Vorschläge zur Due Diligence und Verbriefung destruktive Änderungsanträge eingereicht haben, das den Kapitalmärkten entgegengebrachte Misstrauen. Sollten sie Erfolg haben, wird dies die Erholung eines transparenten, verantwortlichen und dynamischen Verbriefungsmarktes, der bei sachgemäßer Steuerung einen wichtigen Beitrag zu einem nachhaltigen, langfristigen Wirtschaftswachstum leisten kann, in Mitleidenschaft ziehen.


Comments (0)
You need to login in order to leave a comment. If you do not yet have an account, please register.
The two commenting options explained
Watch a 1 minute video
to discover how you can comment on the entire article or a specific paragraph. The two images below also explain the two ways of commenting.
1) Entire article comment
Once logged in, simply click inside the comment box where it says "Enter text here." Enter and post your comment.
2) Paragraph comment
Please log in first. Then click to the left of the desired paragraph. Your cursor will automatically move to the comments box. Enter and post your comment.