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Indiens unberührbare Apartheid

Über Jahrzehnte hat sich Indien aus der Distanz gegen die Apartheid engagiert und die Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten von Amerika unterstützt. Bei der Ende August im südafrikanischen Durban beginnenden UNO-Weltkonferenz gegen Rassismus (WCAR) möchte Indien jedoch die Diskussion über die Diskriminierung seiner eigenen 160 Millionen Dalits – Hindi für die „Unterdrückten“ und Bezeichnung für die Unterklasse der „Unberührbaren“ – verhindern. Indiens Regierung argumentiert, dass „das Kastensystem eine innere Angelegenheit“ sei und setzt dabei auf die gleiche Taktik wie die Befürworter der Apartheid und der „Jim-Crow-Gesetze“ in den Vereinigten Staaten.

Aus der letzten aufgrund der Kastenzugehörigkeit durchgeführten Volkszählung in Indien aus dem Jahr 1931 geht hervor, dass 20 Prozent der Bevölkerung der Gruppe der Dalits angehören. Dalit ist ein Oberbegriff für Menschen, die als schmutzig gelten, die man nicht berührt, denen man sich nicht nähert und bei Tageslicht nicht einmal ansieht. Aktuelle Statistiken zeigen, dass der Anteil der Unberührbaren, die im offiziellen Jargon auch als so genannte „scheduled castes“ bezeichnet werden, seit damals auf 16 Prozent gesunken ist. Der Grund dafür ist, dass viele Dalits zum Christentum, Islam, Buddhismus übergetreten sind oder Sikhs wurden. Aber sogar nach ihrem Übertritt zu Religionen, in denen es keine Kasten gibt, bleibt die Stigmatisierung der Dalits aufrecht. In Südindien gibt es beispielsweise eigene christliche Kirchen für Dalits, eine Praxis, die aus dem Hinduismus übernommen wurde.

Die offizielle Haltung Indiens zur Frage der Kastendiskriminierung ist besonders janusköpfig. Im Januar 2000 räumte Indiens Präsident K.R. Narayanan— selbst ein Abkömmling der Dalits — ein, dass die Unberührbarkeit gesetzlich zwar abgeschafft wurde, dass jedoch immer „noch Spuren dieser tief verwurzelten Haltung, die durch das Kastensystem gefördert wird, vorhanden sind“. Knapp vier Monate später erklärte Indien beim ersten Vorbereitungstreffen zur WCAR unmissverständlich, die Kastendiskriminierung hinter sich gelassen zu haben.

Die Verfassung Indiens verbietet Unberührbarkeit tatsächlich. Aus mangelndem politischen Willen wurde diese formale Abschaffung jedoch nie in die Praxis umgesetzt. Fünfzig Prozent der Dalit-Kinder (und 64 % der Dalit-Mädchen) können die Grundschule teilweise aufgrund der Demütigung durch ihre Lehrer nicht abschließen, und auch die Armut bleibt weit verbreitet, weil Landreformen nie wirklich durchgesetzt wurden. Eine 1997 von der privaten Forschungsgruppe Navsarjan durchgeführte Studie wies nach, dass Dalits in 250 Dörfern des Bundesstaats Gujarat von Rechts wegen Eigentümer von 6000 acre Land waren, jedoch physisch den Boden nicht besaßen. Offizielle Zahlen der indischen Regierung zeigen auch, dass mehr als 800 000 Dalits die menschenunwürdige Entsorgung menschlicher Fäkalien per Hand übernehmen - eine ihnen aufgrund des Kastensystems zugeordnete Rolle, die nach finanzieller Unterstützung der Weltbank für die Errichtung von Trockenlatrinen noch verstärkt wurde.

Noch unerfreulicher ist, dass die Unberührbaren weiterhin Opfer weit verbreiteter Gewalt werden, vor allem wenn sie traditionelle Grenzen innerhalb der Kasten überschreiten. In dem Fall der 79 Dalit-Familien, die 27 Monate lang in ihrem Dorf Devaliya geächtet wurden, kam Indiens Nationale Menschenrechtskommission zu folgendem Schluss: „Wenn junge Dalits ihr Recht auf Gleichbehandlung geltend machen oder ihre Würde und die ihrer Frauen zu verteidigen versuchen und Widerstand gegen die an ihnen begangenen Greueltaten leisten, werden sie vielfach als Extremisten gebrandmarkt, nicht begangener Verbrechen beschuldigt und in inszenierten Zusammenstößen getötet. Wenn sie sich als Gruppe zur Wehr setzen, dann sind Massentötungen, Brandstiftung, Massenvergewaltigungen und der Zwang, nackt durch das Dorf zu laufen, regelmäßig die Folge.“

Eine aktuelle Studie von Human Rights Watch bestätigt die systematische und vorsätzliche Brutalität gegen Dalits, die Widerstand gegen die Kastendiskriminierung leisten. Besonders Frauen sind von brutaler Vergeltung betroffen. Während des Massakers an Dalits im nordindischen Bundesstaat Bihar, wurde Dalit-Frauen in die Scheide geschossen. Im Süden Indiens sind hunderte Dalit-Frauen Opfer des so genannten Devdasi, einer Art von Sakral-Prostitution im Dienste der Religion, die Hindus der oberen Kasten mit größtem Vergnügen von der Praxis der Unberührbarkeit ausnehmen.

Dalits begünstigende Quotenregelungen in der Erwerbstätigkeit haben natürlich ihre Zukunftsaussichten verbessert, allerdings nicht in bedeutendem Ausmaß. Dalits und Angehörige der untersten Kasten, die zusammen 23 Prozent der indischen Bevölkerung ausmachen, haben nur 5 Prozent aller Beamtenposten inne. Im Gegensatz dazu gehören zwar nur 25 Prozent der Bevölkerung zu den höheren Kasten, sie besetzten jedoch 89 Prozent solcher Posten (wie auch die meisten Spitzenjobs in Politik und Wirtschaft). Dennoch hat seit Einführung dieser Quoten die minimale Beschneidung von Privilegien der oberen Kasten zu zwei blutigen Auseinandersetzungen geführt, die Hunderte Opfer unter den Dalits forderten.

Beunruhigt durch die möglicherweise bevorstehende Peinlichkeit im Zusammenhang mit der Leugnung der systematischen und gewalttätigen Diskriminierung der Dalits, beharrt nun die indische Regierung auf dem Standpunkt, dass Kaste nichts mit Rasse zu tun hat und dass das Thema folglich auch nichts auf der Tagesordnung der Konferenz in Durban zu suchen hat. Glücklicherweise weist die Menschenrechtskommission der UNO dieses Argument mit dem Hinweis zurück, dass „die Situation der scheduled castes in den Geltungsbereich von Artikel 1 der Internationalen Konvention zur Beseitigung jeder Form von Rassismus fällt.“

Wenn die Kastendiskriminierung in Indien diese Konvention verletzt, dann wollen die Anführer der Dalits durchsetzen, dass dies unter der Überschrift „Diskriminierung aufgrund von Arbeit und Abstammung“ – eine Formulierung die von der Schweiz und Barbados vorgeschlagen wurde - auch in den Entwurf für die Abschlusserklärung der Konferenz in Durban aufgenommen wird. Der Vorbereitungsausschuss der WCAR ist jedoch nicht nur von offizieller indischer Seite starkem Druck ausgesetzt, diese Forderung nicht zu berücksichtigen. Ähnliche Kastendiskriminierung und Schuldknechtschaft ist auch in Nepal, Pakistan, Bangladesch und Sri Lanka weit verbreitet, und aus diesen Ländern kommt auch Applaus für Indiens unaufrichtige Haarspaltereien.

Der Zweck dieser UN-Konferenz in Durban ist jedoch nicht, einen Streit um die Semantik der Begriffe Rasse und Kaste zu entfachen. Ihr Ziel ist es vielmehr, Mittel und Wege zu finden, um Diskriminierung aufgrund der Abstammung zu bekämpfen, so dass die Argumentation der indischen Regierung — und auch jeder anderen Regierung — nämlich, dass es sich dabei um eine innere Angelegenheit handele, nicht bis in alle Ewigkeit fortgeführt wird. Es ist ein Unglück, dass Indien, nachdem es die Gegner der Apartheid und der Jim-Crow-Gesetze unterstützte, nun jede Verantwortung für die andauernde Menschenrechtskatastrophe ablehnt, die aus der fest verankerten gesellschaftlichen Ordnung Indiens resultiert.

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