Der Preisträger des diesjährigen Nobelpreises für Ökonomie, Edmund Phelps, ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Seine Beiträge sind und bleiben so wichtig, da sie traditionelle Denkweisen verändert haben. Nach dem Zitierindex für die Sozialwissenschaften, dem Social Science Citations Index, zählt er zu den wichtigsten Wirtschaftswissenschaftlern seit Adam Smith. Sämtliche Wirtschaftswissenschaftler, die an der Makroökonomie, ihren mikroökonomischen Grundlagen, exogener und endogener Wachstumstheorie, der Erwartungsbildung und den Problemen von Information und Diskriminierung arbeiten, greifen auf Phelps zurück.
Nach einem glänzenden Schulabschluss ging Phelps ohne eine genaue Vorstellung davon, welches Fach er studieren wollte oder welche berufliche Laufbahn er ergreifen sollte, auf das Amherst College in Massachusetts. Seine Leidenschaft galt der Philosophie, aber sein Vater bestand darauf, dass er Seminare in Wirtschaft belegte.
Wie es fast immer geschieht, entschied sich Phelps für eine Laufbahn, nachdem er einem bedeutenden Professor begegnet war, in diesem Fall dem Harvard-Ökonomen James Nelson. Nach einigem Zögern entschloss sich Phelps, nach dem College weiterzustudieren. Paul Samuelson gibt zu, dass er nur deshalb einwilligte, eine Konferenz in Amherst abzuhalten, um Phelps an das MIT zu holen. Doch entschied sich Phelps für Yale, wo er in direkten Kontakt mit James Tobin und Thomas Schelling kam. Er schrieb seine Dissertation unter Tobin als Doktorvater.
Mit seinem Doktor in der Tasche verbrachte Phelps ein Jahr bei der Rand Corporation in Los Angeles, bevor er nach Yale zurückkehrte. Er verbrachte noch ein Jahr am MIT, wo er mit Robert Solow unterrichtete und Samuelson und Franco Modigliani kennenlernte. Aufenthalte an der University of Pennsylvania und an der Columbia University folgten.
Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Phelps bereits durch seine Arbeit zur goldenen Regel der Kapitalakkumulation international einen Namen gemacht (er war 28). Dieses Konzept gehört jetzt zum Handwerkszeug eines jeden Ökonomen, wird in allen Unterrichtsstunden zum Thema Wachstum gelehrt und dient in sämtlichen Werken über Makroökonomie als Referenz.
Später entwickelte Phelps eine Theorie des langfristigen Wachstums auf der Grundlage von Bildung und technischem Fortschritt. Dieser Beitrag war seiner Zeit jedoch so weit voraus, dass die Zunft seine Bedeutung erst ein Vierteljahrhundert später erkannte, als einige Theoretiker endogene Wachstumstheorien entwickelten.
Phelps war anderen Wissenschaftlern ebenfalls 10 bis 20 Jahre voraus, als er die Theorien der Lohneffizienz und der Inflationssteuerung (Inflation Targeting) entwickelte, die jetzt im Hinblick auf Arbeitsmarkt und Geldmanagement als hochmodern angesehen werden.
In den späten 60er und frühen 70er Jahren wurde Phelps philosophische Ader durch die Begegnungen mit Amartya Sen, John Rawls und Kenneth Arrow in Stanford wiederbelebt. Mit Rawls führte er äußerst wertvolle intellektuelle Gespräche, die ihn dazu veranlassten, mehrere Essays zur Theorie der ökonomischen Gerechtigkeit zu schreiben und 1974 ein Buch zu diesem Thema zu veröffentlichen – das Buch wird heute noch verwendet.
Auf Phelps geht die moderne Überarbeitung der Makroökonomie zurück – und laut Samuelson auch die Mikroökonomie. Sein Forschungsprogramm bestand darin, die Unvollständigkeit von Informationen und Wissen in die Wirtschaftstheorie einzubeziehen. Diese formulierte er daraufhin um, wobei er den Erwartungen der Handelnden große Bedeutung einräumte. In Microeconomic Foundations of Employment and Inflation Theory , einem berühmten Buch, das er herausgegeben und zu dem er drei wichtige Beiträge geleistet hat, legte er die Grundsteine für die spätere größte Revolution in der Wirtschaftstheorie der letzten 50 Jahre.
Phelps verdanken wir die Theorie der natürlichen Arbeitslosenquote – einen Eckpfeiler der modernen makroökonomischen Theorie und der Wirtschaftspolitik, den Milton Friedman ein Jahr später wiederentdeckte, wenn auch heuristisch. Phelps war auch für die „Inselparabel“ verantwortlich, mit deren Hilfe erklärt werden kann, warum die Geldpolitik vorübergehend reale Auswirkungen infolge unvollständiger Informationen haben kann.
Augenblicklich beschäftigt sich Phelps hauptsächlich mit der Überarbeitung der Theorie des Strukturalismus und versucht dabei aufzuzeigen, wie Veränderungen bei Zinssätzen und Vermögenswertpreisen die natürliche Arbeitslosenquote mittelfristig beeinflussen. Phelps neue Theorie bietet den logischen Hintergrund, vor dem wir die Konsequenzen der Schwankungen von Aktienpreisen, Wechselkursen und – allgemeiner betrachtet – des Werts von physischem Vermögen und Humankapital unter dem starken Einfluss neuer Technologien und Innovationen bewerten können.
Natürlich sind dies die Hauptphänomene, mit deren Erklärung sich die Wirtschaftstheorie heutzutage abmüht. Daher lässt sich leicht nachvollziehen, warum Phelps immer noch wegweisend ist. Wir können tatsächlich davon ausgehen, dass dieses neue theoretische Grundgerüst in ein bis zwei Jahrzehnten zu einem Bezugspunkt wird.
Als Ludwig Wittgenstein einem Kollegen in Harvard einen indischen Mathematiker empfahl, schrieb er: „Wissenschaftliche Genies haben im Allgemeinen eine große Idee in ihrem Leben, er hat zwei gehabt.“ Was könnten wir über Phelps sagen?


Comments (0)
You need to login in order to leave a comment. If you do not yet have an account, please register.
The two commenting options explained
Watch a 1 minute video
to discover how you can comment on the entire article or a specific paragraph. The two images below also explain the two ways of commenting.
1) Entire article comment
Once logged in, simply click inside the comment box where it says "Enter text here." Enter and post your comment.
2) Paragraph comment
Please log in first. Then click to the left of the desired paragraph. Your cursor will automatically move to the comments box. Enter and post your comment.