Friday, October 24, 2014
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Die Bedrohung durch den Double-Dip

NEW YORK – Die seit der Rezession der Jahre 2008 und 2009 durch massive Konjunkturprogramme, eine Lockerung der Geldpolitik und diverse Rettungsaktionen künstlich angekurbelte Weltwirtschaft steht vor einem drastischen Abschwung noch in diesem Jahr, da die Wirkung der erwähnten Maßnahmen nachlässt. Noch schlimmer ist, dass man die der Krise zugrunde liegenden Exzesse nicht behoben hat – zu hohe Schulden und Fremdkapitalisierung auf dem privaten Sektor (Haushalte, Banken, andere Finanzinstitutionen und sogar in weiten Teilen des Unternehmenssektors).

Die Entschuldung des privaten Sektors hat noch nicht einmal richtig begonnen. Im öffentlichen Sektor entwickelter Ökonomien kommt es momentan überdies zu einer massiven erneuten Verschuldung. Dies schlägt sich in enormen Haushaltsdefiziten und Staatsschulden nieder, die von automatischen Stabilisatoren, antizyklischen keynesianischen Konjunkturprogrammen und den immensen Kosten der Sozialisierung von Verlusten im Finanzsystem in die Höhe getrieben werden.   

Bestenfalls stehen wir in den entwickelten Volkswirtschaften vor einer langen Phase anämischen Wachstums unter Trend, da sich die Entschuldung der Haushalte, Finanzinstitutionen und Staaten auf Konsum und Investitionen auszuwirken beginnt. Auf globaler Ebene müssen Länder, die zu viel ausgeben – USA, Großbritannien, Spanien, Griechenland und andere – nun ihre Schulden abbauen und verringern daher Ausgaben, Konsum und Importe.  

Andererseits geben aber Länder, die zu viel gespart haben – China, aufstrebende Länder in Asien sowie Deutschland und Japan – nicht mehr aus, um die rückläufigen Ausgaben in entschuldungswilligen Ländern zu kompensieren. Daher wird die Erholung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage schwach ausfallen und das weltweite Wachstum noch stärker dämpfen.

Der – bereits aufgrund der Daten für das zweite Quartal 2010 offensichtliche – globale Abschwung, wird sich in der zweiten Jahreshälfte noch beschleunigen. Die Programme zur Konjunkturbelebung werden beendet und in den meisten Ländern halten strikte Sparprogramme Einzug.  Bestandsberichtigungen, die das Wachstum für einige Quartale ankurbelten, werden ihre Wirkung verlieren. Die Effekte steuerlicher Maßnahmen, mit denen man die zukünftige Nachfrage vorverlegte – Kaufanreize für Autos und Eigenheime etwa – werden mit Auslaufen dieser Programme schwinden.  Die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt bleiben schwach, da nur wenige neue Arbeitsplätze geschaffen werden und unter den Verbrauchern greift ein Gefühl des Unbehagens um sich.

Auch wenn es uns gelingt, eine W-förmige Entwicklung – einen „Double Dip“ -  zu vermeiden, ist das wahrscheinliche Szenario für entwickelte Ökonomien eine mittelmäßige U-förmige Erholung. In den USA lag das jährliche Wachstum bereits in der ersten Jahreshälfte 2010 unter Trend (2,7 % im ersten Quartal und geschätzte 2,2 % von April bis Juni). In der zweiten Jahreshälfte und weiter bis 2011 wird sich das Wachstum noch auf 1,5 % abschwächen.

Welcher Buchstabe des Alphabets die Wirtschaftsleistung der USA letztlich auch beschreibt, fest steht: Was auf uns zukommt, wird sich anfühlen wie eine Rezession. Dafür sorgen durchwachsene Zahlen hinsichtlich der Schaffung neuer Arbeitsplätze, ein weiterer Anstieg der Arbeitslosigkeit, größere zyklische Haushaltsdefizite, ein erneuter Rückgang der Eigenheimpreise, größere Verluste der Banken bei Hypotheken, Verbraucherkrediten und anderen Darlehen sowie die Gefahr, dass der Kongress protektionistische Maßnahmen gegen China ergreift.

In der Eurozone ist der Ausblick noch schlechter. Das Wachstum könnte bis Ende dieses Jahres gegen Null gehen, da die strikten Sparprogramme greifen und Aktienmärkte fallen. Durch drastisch steigende Liquiditätskosten für Staaten, Unternehmen und Banken wird sich Kapital verteuern. Zunehmende Risikoaversion, Volatilität und die finanzielle Gefährdung mancher Staaten werden das Vertrauen der Wirtschaft, der Investoren und der Verbraucher weiter unterminieren. Der schwache Euro wird die Außenhandelsbilanz Europas zwar verbessern, aber diese Vorteile werden durch beschädigte Export- und Wachstumsaussichten in den USA, China und den aufstrebenden Ländern Asiens mehr als aufgehoben.

Sogar in China zeigen sich aufgrund der Versuche der Regierung, die wirtschaftliche Überhitzung in den Griff zu bekommen, Anzeichen eines Abschwungs. Der Konjunkturrückgang in den entwickelten Ökonomien in Kombination mit einem schwächeren Euro, wird das chinesische Wachstum weiter dämpfen und es von 11 % auf 7 % bis zu Jahresende drücken. Das sind schlechte Nachrichten für das Exportwachstum im Rest Asiens und für rohstoffreiche Länder, die zunehmend auf chinesische Importe angewiesen sind.

Ein Opfer dieser Entwicklung wird Japan sein, wo ein anämisches Wachstum der Realeinkommen die Binnennachfrage dämpft und Exporte nach China das kleine bisschen Wachstum aufrechterhalten. Außerdem leidet Japan unter einem niedrigen Wachstumspotenzial. Dies aufgrund mangelnder Strukturreformen sowie schwacher, erfolgloser Regierungen (vier Premierminister in vier Jahren), enormer Staatsschulden, ungünstiger demographischer Entwicklungen und einem starken Yen, der in Phasen globaler Risikoaversion noch stärker wird.  

Ein Szenario, in dem das Wachstum in den USA auf 1,5 % fällt, die Eurozone und Japan stagnieren und Chinas Wachstum auf unter 8 % fällt, impliziert zwar noch keine globale Kontraktion, aber es wird sich – wie in den USA-  so anfühlen. Und jeder zusätzliche Schock könnte die instabile Weltwirtschaft wieder in eine ausgewachsene Rezession zurückwerfen.

Die potenziellen Ursachen für einen derartigen Schock sind Legion. Die Staatsschuldenproblematik in der Eurozone könnte sich verschärfen und zu einer erneuten Runde von Vermögenspreiskorrekturen, globaler Risikoaversion, Volatilität und der Gefahr einer Ansteckung im Finanzbereich führen. Ein Teufelskreis aus Vermögenspreiskorrekturen und schwächerem Wachstum in Kombination mit nachteiligen Überraschungen, die aktuell von den Märkten noch nicht eingepreist sind, könnten einen weiteren Verfall der Vermögenspreise und noch schwächeres Wachstum nach sich ziehen – eine Dynamik, die die Weltwirtschaft überhaupt erst in die Rezession geführt hat.

Nicht auszuschließen ist auch die Möglichkeit eines israelischen Militärschlags gegen den Iran in den nächsten 12 Monaten. Wenn das eintritt, steigen womöglich die Ölpreise dramatisch an und lösen wie im Sommer 2008 eine globale Rezession aus.   

Schließlich gehen den politischen Entscheidungsträgern die Instrumente aus. Eine weitere geldpolitische Lockerung würde wenig bringen. In den meisten entwickelten Ökonomien gibt es wenig Spielraum für weitere Maßnahmen zur Konjunkturbelebung und die Rettungsmöglichkeiten für Finanzinstitutionen, die zu groß sind um sie scheitern zu lassen – aber auch zu groß, um sie zu retten – werden drastisch eingeschränkt sein.

Nun, da die trügerische Hoffnung der Optimisten auf eine V-förmige Erholung schwindet, wird die Welt im besten Fall in eine lange U-förmige Erholungsphase eintreten, die in manchen Fällen – in der Eurozone und Japan – auch die Form einer L-förmigen Beinahe-Depressionen annehmen könnte. Die Vermeidung eines Double Dip dürfte schwierig werden.

Unter derartigen Umständen wird auch die Erholung in den stärkeren Schwellenmärkten – die große Hoffnung der Weltwirtschaft – leiden, weil kein Land wirtschaftlich gesehen eine Insel ist. Tatsächlich hängt das Wachstum in vielen Schwellenmärkten – angefangen in China – in hohem Maße von den sich nunmehr einschränkenden entwickelten Ökonomien ab.

Seien Sie jedenfalls auf der Hut, denn wir steuern turbulenten Zeiten entgegen.   

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