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Grenzübergreifendes Banking in der Schwebe

LONDON: Die Schwere der Krise in der Eurozone ist endlich allen klar. Es könnte nicht mehr auf dem Spiel stehen. Regierungen und internationale Finanzinstitute haben sich zusammengerauft und innerhalb außerordentlich enger politischer und wirtschaftlicher Spielräume eine Lösung geschnürt. Viele Fragen zur Konzeption sind nach wie vor offen; die Umsetzung wird zumindest ebenso schwierig werden.

Die Staats- und Regierungschefs der Eurozone müssen jetzt darauf hinarbeiten, nicht nur die gemeinsame Währung zu retten, sondern auch die Vorteile der europäischen Finanzintegration. Keine Region auf der Welt hat stärker vom grenzübergreifenden Banking profitiert, aber jetzt ist das Erreichte in Gefahr – und mit ihm die europäischen Bankenkonzerne selbst.

Die Bedrohung für die grenzübergreifend agierenden Banken rührt nicht allein von den angesichts der niedrigeren Qualität der Staatsschulden und schwächeren Wachstumsaussichten schrumpfenden Bilanzen her, sondern auch von der Reaktion der Politik selbst. Dass Europas Banken enorme Mengen an frischem Kapital brauchen, ist inzwischen allgemein akzeptiert. Doch trotz beherzter Anstrengungen der neuen Europäischen Bankaufsichtsbehörde, die erforderlichen Maßnahmen anzuordnen und zu koordinieren: Eine europäische Lösung muss das europaweite Netz ausländischer Tochtergesellschaften berücksichtigen.

Unterstützung für die europäischen Banken zu mobilisieren wird schwer, sie auf Tochtergesellschaften auszuweiten noch schwerer. Doch anders als das unkluge Engagement in Staatsanleihen überall in Europa war das grenzübergreifende Banking durch ausländische Tochtergesellschaften für die Anleger und für die Heimat- und Gastländer gleichermaßen segensreich – und dies nirgends mehr als in den Schwellenländern Mittel- und Osteuropas, die nach wie vor den wichtigsten Exportmarkt der Eurozone bilden.

Für die Banken aus dem Kern der Eurozone war dies bislang eine Region, in der sie außergewöhnliche Renditen erwirtschaften – sie ist für ihr Geschäft inzwischen von integraler Bedeutung. In den Schwellenländern Europas haben ausländische Bankentöchter dabei geholfen, Finanzsysteme aufzubauen, die weniger zur Instabilität neigen, und dazu beigetragen, dass sich diese Volkswirtschaften schneller dem durchschnittlichen europäischen Einkommensniveau annähern.

Als die globale Krise 2008 ausbrach, gab es kein regulatorisches Rahmenwerk, das grenzübergreifende Netzwerke schützte, und es wurden große Schwächen in Form exzessiver Fremdkapitalaufnahmen und Fremdwährungsgeschäfte aufgedeckt. Seit damals wurde viel erreicht: Die Bilanzen wurden gestärkt und die Finanzierungsmodelle angepasst. Neben institutionellen Reformen auf europäischer Ebene – insbesondere der Gründung des Europäischen Ausschusses für Systemrisiken und der Europäischen Bankaufsichtsbehörde – wurden in den Gastländern der Tochtergesellschaften Regulierung und Aufsicht verstärkt.

Einiges davon hat die Finanzierung möglicherweise teurer gemacht, aber es macht das Bankgeschäft zugleich weniger riskant. Alles in allem ist dies eine gute Entwicklung.

Trotzdem ist die Bedrohung für die Finanzstabilität heute möglicherweise noch größer als 2008, da die Fähigkeit der westeuropäischen Regierungen, die Bankensysteme zu stützen, inzwischen klar an ihre Grenzen stößt. Zu gestatten, dass die Tochtergesellschaften ausländischer Banken inmitten einer sich verschärfenden Krise in ihren Heimatländern verwaisen, würde das Vertrauen in die Finanzsysteme der europäischen Schwellenländer untergraben, was einen Rückgang der Vermögenspreise und jähe Kreditverknappung auslösen könnte. Dies würde – angesichts ihrer tiefen finanziellen und realen Verbindungen mit der Region – letztlich auf die westeuropäischen Banken zurückfallen.

Im Jahre 2008 wurde ein Katastrophenszenario aufgrund politischer Interventionen – darunter der Koordinierungsanstrengungen im Rahmen der sogenannten Wiener Initiative (an der u.a. die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung beteiligt war) – knapp vermieden. Ein neuer Pakt zur Absicherung der Erfolge der Finanzintegration ist jetzt dringend erforderlich. Die Behörden aus den Heimat- und den Gastländern dieser Banken müssen sich zusammensetzen.

Wie die Wiener Initiative würde ein „Wien 2.0“ Zusagen aller Beteiligten erfordern. Wenn sie auf die von den Behörden verhängten höheren Kapitalanforderungen reagieren und sich entscheiden, ob sie mehr Kapital aufbringen oder Vermögenswerte verkaufen sollen, müssen die Banken die wichtige Rolle berücksichtigen, die ihre Tochtergesellschaften in vielen Ländern spielen. Bei vielen Banken passiert dies ganz von selbst – ihre Tochtergesellschaften sind als bedeutende Wertschöpfer unverzichtbarer Bestandteil ihres Geschäftsmodells. Bei einigen jedoch sind die Töchter im Vergleich zur Größe der Muttergesellschaft relativ klein – und daher weniger zentral für ihre Strategie.

Auch die Heimatländer müssen ihren Beitrag leisten. Innerhalb der Eurozone sollten alle Rekapitalisierungen, Bürgschaften und sonstigen Finanzmittel, die den Mutterbanken angeboten werden, in gleichem Maße auch den Tochtergesellschaften zur Verfügung gestellt werden. Jede im Austausch für Kapitalhilfen verlangte Umstrukturierung sollte die grenzübergreifende Beschaffenheit der Konzerne berücksichtigen und Tochtergesellschaften im Ausland nicht diskriminieren.

Die Gastländer der Tochtergesellschaften ihrerseits müssen den Mutterbanken ein Gefühl der Sicherheit vermitteln, dass die Finanzregulierung berechenbar bleibt. Einige der jüngsten abrupten – und zuweilen überehrgeizigen – Maßnahmen zur Besteuerung der Branche oder zur Umverteilung der von Krediten in Fremdwährungen ausgehenden Lasten haben die bestehenden Kapitalpolster geschwächt und die Erholung bei Krediten und Wachstum zurückgeworfen.

All dies erfordert Koordinierung. Die Europäische Bankaufsichtsbehörde hat eine Chance, sich zu etablieren. Sie muss dafür sorgen, dass nationale Interessen die Integrität der grenzübergreifenden Bankenkonzerne nicht untergraben. Ultimativ brauchen wir eine europaweite Einlagensicherung und eine Behörde zur Bankenabwicklung, die gescheiterte Banken übernehmen und sanieren kann.

Genau wie die Eurozone Finanzentwicklung und Wirtschaftswachstum ihrer Mitglieder gefördert hat, droht die aktuelle Krise jetzt, schwere Kollateralschäden anzurichten, die weit über ihre Grenzen hinausreichen. Jede nachhaltige Lösung der Krise muss die Integrität der Bankenkonzerne gewährleisten und die Interessen der Heimat- und der Gastländer dieser Banken respektieren. Letztlich geht es dabei um die Zukunft des grenzübergreifenden Bankings.

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