Friday, August 22, 2014
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Schöne neue Finanzwelt

CAMBRIDGE, MASS.: Es bahnt sich innerhalb der G20 ein enormer Konflikt über die Zukunft des globalen Finanzsystems an. Das Ergebnis könnte die Welt – und nicht nur die esoterische Welt des internationalen Finanzwesens – für Jahrzehnte beeinflussen.

Das Finanzwesen beeinflusst die Ausgestaltung von Macht, Ideen und Einfluss. Zyniker mögen sagen, dass sich an den Grundlagen des globalen Finanzsystems nichts ändern wird, aber sie irren. Aller Wahrscheinlichkeit werden wir in den nächsten Jahren enorme Veränderungen erleben, womöglich in Gestalt einer internationalen Finanzaufsicht oder -vereinbarung. Tatsächlich ist es praktisch unmöglich, den aktuellen Schlamassel zu beseitigen ohne eine Art Kompass, der die Richtung des zukünftigen Systems weist.

Die Vereinigten Staaten und Großbritannien sind natürlich an einem System interessiert, das geeignet ist, ihnen die Ausweitung ihrer Vorherrschaft zu ermöglichen. US-Finanzminister Timothy Geithner hat vor kurzem die allgemeinen Umrisse eines eher konservativen Regimes für die Finanzaufsicht skizziert. Selbst Kritiker der amerikanischen Liederlichkeit der vergangenen Jahre müssen zugeben, dass Geithners Vorschlag einige gute Ideen enthält.

In erster Linie würden die Aufsichtsbehörden die Finanziers zwingen, mehr Bargeld zu halten, um eigene Wetten abzusichern, und sich nicht als Kugelfang auf den Steuerzahler zu verlassen. Geithner will außerdem, dass Finanzgeschäfte einfacher und problemloser bewertet werden können, damit Verwaltungsräte, Aufsichtsbehörden und Anleger die Risiken, mit denen sie es zu tun haben, besser einschätzen können.

Während die übrige Welt Geithners Vorstellungen wohlwollend gegenübersteht, gibt es einige Länder, die sich grundlegendere Reformen wünschen. Russland und China stellen den Dollar als Säule des internationalen Systems infrage. In einer durchdachten Rede argumentierte der chinesische Notenbankchef Zhou Xiaochuan für eine globale Superwährung, die ggf. vom Internationalen Währungsfonds ausgegeben werden könnte.

Dies sind die gemäßigteren Kritiker. Der aktuelle Präsident des EU-Ministerrates, der tschechische Ministerpräsident Miroslav Topolanek, hat die Verärgerung vieler europäischer Führer offen zum Ausdruck gebracht, als er Amerikas liederlichen Ansatz in der Fiskalpolitik als „Weg in die Hölle“ beschrieb. Er hätte dasselbe ebenso gut über die europäischen Ansichten zur Führung der USA im Finanzwesen sagen können.

Es steht in der Debatte über eine internationale Finanzreform enorm viel auf dem Spiel. Die Rolle des Dollars im Mittelpunkt des globalen Finanzsystems verleiht den USA die Fähigkeit, riesige Mengen an Kapital aufzunehmen, ohne ihre Wirtschaft damit übermäßig zu belasten. Tatsächlich senkte der ehemalige US-Präsident George W. Bush zur selben Zeit die Steuern, als er in den Irak einmarschierte. Egal, wie zweifelhaft Bushs Handeln in beiderlei Hinsicht gewesen sein mag: Die Zinsen für US-Schuldtitel sind damals wirklich gesunken.

Noch grundlegender ist, dass die Rolle der USA im Zentrum des globalen Finanzsystems Amerikas Gerichten, Aufsichtsbehörden und Politikern enorme Macht über die weltweite Investitionstätigkeit gibt. Dies ist auch der Grund, warum die anhaltenden Funktionsstörungen im US-Finanzsystem dazu beigetragen haben, eine derart tiefe globale Rezession anzuheizen.

Andererseits: Welche Alternative gibt es zu Geithners Vision? Gibt es ein anderes Paradigma für das globale Finanzsystem?

Chinas Ansatz stellt eine enorme verdeckte Steuer für die Sparer dar, die für ihre Einlagen nur ein Almosen an Zinsen erhalten. Dies erlaubt es den staatlich kontrollierten Banken, von ihnen begünstigten Firmen und Sektoren Geld zu subventionierten Zinssätzen zu leihen.

Indien erzwingt mittels finanzieller Repressionen den Einsatz privater Rücklagen zur Finanzierung der enormen Staatsverschuldung – zu deutlich niedrigeren Zinsen, als sie auf dem freien Markt erhältlich wären.

Die derzeitigen Probleme Russlands rühren zu einem erheblichen Teil aus seinem schlecht funktionierenden Bankensystem her. Viele Kreditnehmer waren, da sie in Russland selbst zu vernünftigen Bedingungen keine Finanzierung bekommen konnten, gezwungen, Auslandskredite in harter Währung aufzunehmen, was sich nach dem Zusammenbruch des Rubels zu einer katastrophalen Belastung auswuchs.

Europa will sein Universalbankmodell erhalten, bei dem die Banken eine Vielzahl von Funktionen ausüben, die von der Annahme von Spareinlagen über die Vergabe kleiner gewerblicher Kredite bis hin zum Investmentbanking auf höchster Ebene reichen. Die US-Vorschläge andererseits würden das Universalbankengeschäft deutlich erschweren, u.a., weil sie das Ziel verfolgen, Einlageinstitute, von denen ein „systemisches Risiko“ für das Finanzsystem ausgeht, gegenüber Risiken von außen abzuschotten. Derartige Änderungen setzen die Universalbanken unter Druck, riskantere Aktivitäten im Bereich des Investmentbankings aufzugeben, um freier operieren zu können.

Natürlich sind hiervon auch die US-Großbanken wie etwa Citigroup, Bank of America und JP Morgan betroffen. Aber das Universalbankmodell ist für das US-Finanzsystem deutlich weniger zentral als für Europa und Teile Asiens und Lateinamerikas.

Abgesehen von ihren Auswirkungen auf die unterschiedlichen nationalen Systeme ist die zukünftige Gestaltung des Bankwesens auf für das Finanzsystem im weiteren Sinne – Risikokapitalgeber, Beteiligungsgesellschaften und Hedgefonds – von elementarer Bedeutung. Der Geithner-Vorschlag zielt darauf ab, all diese im gewissen Umfang an die Leine zu legen. Die Furcht vor Krisen ist verständlich, doch ohne diese neuen, kreativen Finanzierungsansätze hätte es etwa Silicon Valley möglicherweise nie gegeben. Wo also liegt die Balance zwischen Risiko und Kreativität?

Zwar betrifft ein Großteil der bisherigen G20-Debatte Fragen etwa im Bereich der finanzpolitischen Anreize; richtig ans Eingemachte freilich geht es bei der Entscheidung über eine neue Philosophie für das internationale Finanzsystem und seine Regulierung. Falls unsere politischen Führer sich hier nicht auf eine neue Strategie einigen können, ist es höchst wahrscheinlich, dass die Finanzglobalisierung sehr schnell den Rückwärtsgang einlegt, und dann wird es umso schwieriger, dem gegenwärtigen Sumpf zu entkommen.

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