NEW YORK – Fast überall auf der Welt können seit langem schwärende Probleme durch eine engere Kooperation unter Nachbarländern gelöst werden. Die Europäische Union ist das beste Modell dafür, wie Nachbarn, die sich lange bekämpft haben, zusammenkommen können, um gemeinsam davon zu profitieren. Ironischerweise könnte ausgerechnet der gegenwärtig schwindende globale Einfluss Amerikas zu einer effektiveren regionalen Zusammenarbeit führen.
Der EU zum jetzigen Zeitpunkt ein Lob auszusprechen, mag angesichts der Wirtschaftskrisen in Griechenland, Spanien, Portugal und Irland merkwürdig scheinen. Europa hat das Problem nicht gelöst, die Interessen der starken Volkswirtschaften im Norden und der schwächeren Volkswirtschaften im Süden auszugleichen. Dennoch überwiegen die Errungenschaften der EU ihre aktuellen Schwierigkeiten bei weitem.
Die EU hat eine Zone des Friedens geschaffen, wo einst unaufhörlich Krieg herrschte. Sie hat den institutionellen Rahmen für die Wiedervereinigung West- und Osteuropas geschaffen. Sie hat auf regionaler Ebene Infrastruktur gefördert. Der europäische Binnenmarkt war ausschlaggebend dafür, Europa zu einer der wohlhabendsten Regionen auf dem Planeten werden zu lassen. Und die EU ist weltweit führend im Bereich der ökologischen Nachhaltigkeit.
Aus diesen Gründen stellt die EU ein einzigartiges Modell für andere Regionen dar, die weiterhin in einem Sumpf aus Konflikten, Armut, mangelnder Infrastruktur und Umweltkrisen feststecken. Neue regionale Organisationen wie etwa die Afrikanische Union betrachten die EU als Vorbild für regionale Problembehebung und Integration. Und doch sind die meisten regionalen Gruppierungen bis zum heutigen Tag zu schwach, um die drängenden Probleme ihrer Mitglieder zu lösen.
In den meisten anderen Regionen wurzeln die anhaltenden politischen Divergenzen im Kalten Krieg oder in der Kolonialzeit. Während des Kalten Krieges standen Nachbarn häufig in Konkurrenz zueinander, indem sie „Partei ergriffen“ – und sich entweder mit den Vereinigten Staaten oder der Sowjetunion verbündeten. Pakistan war den Amerikanern zugeneigt; Indien den Sowjets. Für die Länder bot sich kaum ein Anreiz mit ihren Nachbarn Frieden zu schließen, solange sie sich der finanziellen Unterstützung der USA oder der UdSSR erfreuen konnten. Im Gegenteil, anhaltende Auseinandersetzungen zogen oft unmittelbar weitere Finanzhilfen nach sich.
Tatsächlich haben die USA und Europa oftmals Maßnahmen ergriffen, um die regionale Integration zu untergraben, von der sie annahmen, dass sie ihre Rollen als Machthaber beeinträchtigen würde. Als Gamal Abdel Nasser in den 1950er-Jahren zur arabischen Einheit aufrief, wurde er somit von den USA und Europa als Bedrohung betrachtet. Aus Angst im Nahen Osten an Einfluss zu verlieren, haben die USA seinen Aufruf zu einer starken arabischen Kooperation und zu arabischem Nationalismus untergraben. Infolgedessen hat Nasser Ägypten zunehmend an die Sowjetunion angenähert und scheiterte letzten Endes mit seinem Streben nach einer Vereinigung arabischer Interessen.
Heutzutage sieht die Realität allerdings so aus, dass Großmächte andere Regionen nicht mehr teilen und beherrschen können, selbst wenn sie es versuchen. Das Zeitalter des Kolonialismus ist vorbei und wir sind im Begriff, das Zeitalter der weltweiten Vorherrschaft der USA hinter uns zu lassen.
So zeugen etwa die jüngsten Ereignisse im Nahen Osten und in Zentralasien eindeutig vom schwindenden Einfluss der USA. Amerikas vergeblicher Versuch, irgendeinen dauerhaften geopolitischen Vorteil durch den Einsatz militärischer Macht in Irak und Afghanistan zu erlangen unterstreicht die Grenzen seiner Macht, während seine Haushaltskrise dafür sorgt, dass es seine militärischen Mittel eher früher als später kürzen wird. Die USA haben auch keine Rolle bei den politischen Revolutionen gespielt, die in der arabischen Welt im Gange sind, und haben immer noch nicht mit einer klaren Politik auf die Vorgänge reagiert.
Auch die unlängst von Präsident Barack Obama gehaltene Nahost-Rede hat Amerikas schwindenden Einfluss in der Region verdeutlicht. Am meisten Aufmerksamkeit hat die Rede durch die Aufforderung an Israel erregt, sich hinter seine Grenzen von 1967 zurückzuziehen, doch der Effekt wurde untergraben als Israel die amerikanische Position rundheraus ablehnte. Die Welt konnte sehen, dass kaum praktische Konsequenzen folgen würden.
Der Rest der Rede hat zwar kaum öffentliches Interesse erregt, war aber sogar noch aufschlussreicher. Als Obama über die arabischen Aufstände sprach, hob er die Bedeutung der wirtschaftlichen Entwicklung hervor. Als es konkret wurde, stellten die USA dann einen geringfügigen Schuldenerlass für Ägypten (eine Milliarde Dollar), spärliche Kreditbürgschaften (eine Milliarde Dollar) und eine begrenzte Absicherung privatwirtschaftlicher Investitionen in Aussicht.
Die eigentliche Botschaft war, dass die US-Regierung in finanzieller Hinsicht nur sehr wenig zur wirtschaftlichen Erholung in der Region beitragen würde. Die Zeiten, in denen sich ein Land auf eine umfangreiche amerikanische Finanzierung verlassen konnte, sind vorbei.
Kurz gesagt bewegen wir uns auf eine multipolare Welt zu. Das Ende des Kalten Krieges hat nicht dazu geführt die US-Vorherrschaft auszubauen, sondern zur Verteilung der globalen Macht auf viele Regionen. Ostasien, Südasien, Lateinamerika und der Nahe Osten verfügen über neuen geopolitischen und ökonomischen Einfluss. Jede Region muss mehr und mehr ihren eigenen Weg der wirtschaftlichen Entwicklung finden, zu Energie und Nahrungssicherheit und leistungsfähiger Infrastruktur und das in einer Welt, die vom Klimawandel und von Ressourcenknappheit bedroht ist.
Somit wird jede Region ihre eigene Zukunft sichern müssen. Das sollte natürlich vor dem Hintergrund der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Regionen sowie innerhalb derselben erfolgen.
Der Nahe Osten ist in einer starken Position, sich selbst zu helfen. Ägypten und die ölreichen Golfstaaten ergänzen sich in wirtschaftlicher Hinsicht in hohem Maße. Ägypten kann dem arabischen Raum Technologie, Arbeitskräfte und umfassendes Know-how bieten, während die Golfregion Energie und Kapital sowie einige Experten bereitstellt. Die seit langem aufgeschobene Vision einer arabischen wirtschaftlichen Einheit sollte wieder auf den Tisch kommen.
Auch Israel sollte erkennen, dass seine langfristige Sicherheit und sein Wohlstand im Rahmen einer wirtschaftlich stärkeren Region gefördert würden. Um seiner eigenen nationalen Interessen willen muss Israel sich mit seinen Nachbarn arrangieren.
Andere Regionen werden ebenfalls zu dem Schluss kommen, dass der schwindende Einfluss der USA die Dringlichkeit einer stärkeren Zusammenarbeit unter Nachbarn verstärkt. Die besonders spannungsreichen Beziehungen in der Welt – etwa zwischen Indien und Pakistan oder Nord- und Südkorea – sollten im Rahmen einer regionalen Stärkung entschärft werden. Wie die EU zeigt, können alte Feindschaften und Kampflinien in eine Zusammenarbeit verwandelt werden, von der beide Seiten profitieren, wenn eine Region in die Zukunft blickt, um ihre langfristigen Bedürfnisse zu erfüllen und nicht auf ihre seit Langem bestehenden Rivalitäten und Konflikte aus der Vergangenheit.


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