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Tweets der Freiheit

NEW YORK: Für seine lautstarke Weigerung, seine Suchergebnisse in China weiter zu zensieren, wird Google weithin gefeiert. Noch ist unklar, ob das Unternehmen weiter in China operieren wird. So oder so jedoch werden wir keine größeren Veränderungen bei Chinas Internetstrategie erleben. Wahrscheinlicher ist, dass diese ganze „ausländische Einmischung“ die chinesische Regierung lediglich dazu bringt, sich in ihren Standpunkt zu verbeißen.

Doch selbst wenn Google China letztlich verlassen sollte, ist das Spiel nicht vorbei. Westliche Unternehmen können die Freiheit des Internets von außen fördern, indem sie nützliche Technologien und die Schlüssel, um darauf zuzugreifen, bereitstellen. Man kann das als „Twitter-Diplomatie“ bezeichnen.

Twitter wird von Chinas „großer Firewall“ (GFW), die die chinesische Bevölkerung am Zugriff bestimmter Websites hindert, größtenteils blockiert. Doch verfügt Twitter über eine beinahe religiöse Gefolgschaft bei den technisch beschlageneren Chinesen, deren Entschlossenheit, den Service zu nutzen, die Anstrengungen der Behörden, den Zugriff darauf zu blockieren, übersteigt.

Diese „Netzbürger“ überwinden die Firewall durch Nutzung von Proxyservern oder Virtual Private Networks (VPNs), die es ihnen gestatten, im Web zu surfen, als befänden sie sich außerhalb Chinas. Anfang dieses Monats trugen die chinesischen Twitterati dazu bei, dass es die GFW auf die Liste von Twitters zehn führenden „Trending Topics“ (d.h., den meistgetweeteten Begriffen) zu bekommen – eine beeindruckende Leistung, bedenkt man, dass Twitter angeblich in China unerreichbar sein soll.

Man kann mittels Twitter Kurznachrichten an große Gruppen schicken. Dies erlaubt es den Chinesen, eilige Nachrichten oder selbst unbequeme Fakten schnell zu verbreiten. „Twitter ermöglicht einen schnelleren Informationsfluss als jede offizielle Agentur“, erklärt Michael Anti, Journalist in Peking, der seit langem an vorderster Front in der chinesischen Internetbewegung mit dabei ist. „Dies bedeutet, dass die Menschen Information schneller bekommen als die Regierung. Das ist eine echte Krise für die Kommunisten.“

Twitter hilft zudem, einzelne Bürger zu schützen. So behauptet der Blogger Peter Guo, dass Twitter ihn aus dem Gefängnis herausgeholt habe. Er sei, so sagt er, verhaftet worden, nachdem er Informationen über ein Verbrechen verbreitete, an dem angeblich örtliche Regierungsvertreter beteiligt waren. Nach seiner Verhaftung im vergangenen Juli setzte er über sein Handy eine SOS-Nachricht auf Twitter ab, und sein Fall erregte rasch nationale wie internationale Aufmerksamkeit, die zu seiner Freilassung gut zwei Wochen später beitrug.

Man stelle sich vor, was wäre, wenn Twitter der gesamten chinesischen Bevölkerung zur Verfügung stünde. Das Problem ist, dass vielen Chinesen noch immer jene einfachen Tools fehlen, mit denen sie an der GFW vorbeikommen könnten.

Als ich Guo fragte, wie die Außenwelt den Zugriff auf Twitter innerhalb Chinas erleichtern könnte, antwortete er, wir könnten helfen, indem wir einen „preiswerten VPN-Service zur Verfügung stellen“. Ausländische Unternehmen könnten, so fügte er hinzu, außerdem sicherere Browser verbreiten, die „dem chinesischen Volk [helfen würden], die GFW zu umgehen“.

Auch Regierungen können eine Rolle dabei spielen, die chinesischen Netzbürger zu stärken. So hat Jonathan Zittrain, Kodirektor des Berkman Center for Internet and Society der Universität Harvard, vorgeschlagen, dass die USA z.B. mit grundlegender Förderung „wissenschaftlicher und technologischer Innovationen von der Art, die uns das Internet überhaupt erst gebracht hat“, anfangen könnten. Dies könnte u.a. potenzielle „Gamechanger“ in China umfassen – wie etwa vermaschte Ad-hoc-Netze, die es den Nutzern gestatten, miteinander zu kommunizieren, indem sie ohne einen Internet Service Provider als Mittelsmann von einem Gerät zum nächsten springen.

Doch ist angesichts der politischen Empfindlichkeiten, was ausländischen Druck auf China angeht, unklar, wie weit die westlichen Regierungen dabei werden gehen können. Und an diesem Punkt kommen Unternehmen wie Twitter ins Spiel.

Auch wenn seine Gründer Twitter nicht unbedingt als Demokratisierungsinstrument entwickelt haben: Genau das ist Twitter heute. Im April 2009 nutzten junge Leute in Moldawien Twitter, um Proteste gegen ihre Regierung zu organisieren. Zwei Monate später trug Twitter bekanntermaßen dazu bei, dass sich die Iraner während ihrer Wahlproteste versammeln und Informationen austauschen konnten.

Und nun zeichnet sich ein ähnliches Phänomen in China ab. Im November entwickelten sich die Proteste von Bürgern gegen den Bau einer Müllverbrennungsanlage in Guangzhou zu einem weithin per Twitter verbreiteten Ereignis. Unter Verweis auf die Rolle, die Twitter bei den Protesten im Iran und in Moldawien gespielt hat, erklärte mir Twitter-Mitgründer Jack Dorsey: „Dies sind alles Ereignisse und Bewegungen, die durch bewusste Entscheidungen der Menschen zustande kamen, und Twitter war ein Tool, dass ihnen dabei zufällig zur Verfügung stand und ihnen die Sache erleichterte.“

Möglicherweise wird Twitter jetzt aggressivere Schritte unternehmen, um die Internetfreiheit im Ausland zu fördern. So deutete Evan Williams, Mitbegründer und CEO des Unternehmens, ohne freilich genauere Einzelheiten zu nennen kürzlich an, dass Softwareentwickler an einer Technologie arbeiteten, um staatlichen Barrieren auszuweichen.

Hinter Googles unnachgiebiger Haltung in der Frage der chinesischen Zensur mögen gute Absichten stehen. Das Problem ist, dass die Konfrontation inzwischen den Ton einer zwischenstaatlichen Auseinandersetzung angenommen hat. China, das anscheinend noch immer unter einem „Jahrhundert der Demütigung“ durch das Ausland leidet, ist nicht bereit, sich von Amerika herumstoßen zu lassen. Und diese Sicht ist nicht auf die chinesische Regierung beschränkt. Im Moment beklatschen viele Netzbürger Googles Schritt. Doch sollten sie beginnen, Google als Spielfigur der US-Regierung anzusehen, könnte die Stimmung in null Komma nichts kippen.

Letztendlich wird das chinesische Katz- und Mausspiel im Internet durch Innovationen gewonnen und nicht durch politischen Druck. Die Welt sollte fortfahren, den chinesischen Markt – und den anderer Länder, die die Freiheit des Ausdrucks beschränken – mit modernster Technologie zu überfluten. Natürlich sind die Zensoren, was die Filterung von Informationen und die Schließung von Websites angeht, häufig nur einen Schritt zurück. Doch die chinesischen Netzbürger sind bemerkenswert geschickt im Umgang mit den ihnen zur Verfügung stehenden, begrenzten Instrumenten und verändern so ihr Land auf allmähliche, aber nicht rückgängig zu machende Weise.

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