Friday, October 24, 2014
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Verrat der Ökonomen

LONDON: Alle epochalen Ereignisse beruhen auf Vorstellungen – einer Korrelierung normalerweise unverbundener Ereignisse, die die Menschheit aus ihrem üblichen Trott herausreißt. Derartige Vorstellungen bringen hervor, was der Autor Nassim Nicholas Taleb „schwarze Schwäne“ genannt hat: unvorhersehbare Ereignisse mit enormen Auswirkungen. Eine kleine Zahl dieser schwarzen Schwäne, so Taleb „erklärt fast alles, was in unserer Welt passiert“.

Der Wohlstand des ersten Zeitalters der Globalisierung vor 1914 etwa resultierte aus einer erfolgreichen Konstellation verschiedener Entwicklungen: sinkenden Transport- und Kommunikationskosten, den technologischen Durchbrüchen der zweiten Industriellen Revolution, dem friedlichen Zustand der internationalen Beziehungen und der erfolgreichen Handhabung des Goldstandards durch Großbritannien. In den Zwischenkriegsjahren dagegen verband sich eine vergiftete internationale Politik mit wirtschaftlichen Ungleichgewichten, um die Große Depression hervorzurufen und dem Zweiten Weltkrieg den Weg zu bereiten.

Betrachten wir nun die jüngsten Finanzinnovationen. Auf dem Rücken der neuen Computer- und Telekommunikationstechnologie entstand ein riesiger Markt für derivative Finanzinstrumente. Collateralized Debt Obligations (CDOs, überwiegend an Hypotheken geknüpft) machten eine neue Bevölkerung aufstrebender Eigenheimbesitzer angeblich kreditwürdig, indem sie die ausgebenden Banken in die Lage versetzen, „minderwertige“ Schulden an andere Investoren zu verkaufen.

Vor der Verbriefung waren es in der Regel die Banken, die die Hypotheken hielten; nun konnten sie diese aus ihren Büchern tilgen. Freilich landeten die aus der Bilanz der einen Bank gelöschten verbrieften Kreditforderungen zumeist in den Büchern anderer Banken. Hieraus ergab sich ein wunderbares System zur Streuung der Risken einzelner Banken, das freilich nur deshalb funktionierte, weil das Ausfallsrisiko aller Banken, die später als „toxisch“ bezeichnete Schuldverschreibungen hielten, erhöht wurde. Da all diese Derivate auf denselben Vermögenswerten basierten, steckten, falls mit diesen Vermögenswerten etwas schief gehen sollte, alle Schuldtitel haltenden Banken in derselben Tinte.

Ermöglicht wurde die Verbreitung von Derivaten durch die Leichtigkeit, mit der sich das Schuldvolumen für eine bestehende Menge Realvermögens ausweiten ließ. Diese Skalierbarkeit wurde noch verstärkt durch Verwendung von Credit Default Swaps (CDS), die als vorgebliche Versicherung gegen Kreditausfälle angeboten wurden. Da für jeden Kreditnehmer eine unbegrenzte Anzahl von CDS verkauft werden konnte, konnte das Angebot an Swaps sehr viel schneller wachsen als das der Schuldverschreibungen.

Die CDS vergrößerten das Ausmaß der Blase, indem sie die Geschwindigkeit, mit der das Geld zirkulierte, enorm erhöhten. Der CDO-Markt wuchs in den Jahren 2000 bis 2006 von 275 Milliarden auf 4,7 Billionen Dollar; der CDS-Markt dagegen viermal so schnell, nämlich von 920 Milliarden in 2001 auf 62 Billionen Ende 2007.

Mittels der CDS fanden Derivate ihren Weg in die Portfolios von Banken überall auf der Welt. Die Abhängigkeit der Gesamtstruktur von kontinuierlich steigenden Häuserpreisen aber wurde selten explizit gemacht: Bei einem bröckelnden Häusermarkt würden sich diese papiernen Sicherheitsversprechen zu – in den Worten von Warren Buffett – „finanziellen Massenvernichtungswaffen“ entwickeln.

Doch die Finanzmediation hätte nie in die Katastrophe geführt (oder überhaupt so weit), wären da nicht die von Amerikas Handels- und Haushaltsdefiziten ausgehenden globalen Ungleichgewichte gewesen, die großteils durch die Ersparnisse der Chinesen finanziert wurden. Flexible Wechselkurse sollten Länder daran hindern, ihre Währungen zu manipulieren, doch durch Akkumulation großer Mengen an US-Schatzanleihen hielten die ostasiatischen Länder, insbesondere China, ihre Währungen künstlich niedrig. Diese ostasiatische „Sparwut“ ermöglichte die durch Schulden angeheizte Konsumwut in den USA, Großbritannien und einem Großteil der westlichen Welt.

Diese Verbindung aus chinesischen Ersparnissen und amerikanischem Konsum hatte freilich einen fatalen Fehler: Sie schuf nicht rückzahlbare Schulden. Die chinesischen Investments erfolgten zunehmend in Form offizieller Käufe von US-Schatzanleihen. Diese Investitionen schufen keine neuen Ressourcen, um die Mittel zur Rückzahlung zur Verfügung zu stellen. Vielmehr wanderte im Gegenzug zum Aufbau des US-Schuldenberges ein Großteil der amerikanischen Fertigungskapazitäten nach China ab. Die chinesischen Ersparnisse flossen also nicht in die Schaffung neuer Vermögenswerte, sondern in Finanzspekulationen und Konsumwahn.

Die „überschüssigen“ chinesischen Ersparnisse ermöglichten die amerikanische Kreditausweitung der Jahre 2003-2005, als die Federal Funds Rate (der Zinssatz für Tagesgelder, zu dem US-Banken einander Kredite geben) bei 1% gehalten wurde. Das ultrabillige Geld verursachte eine steile Zunahme jener Hypotheken, die an Kreditnehmer mit schlechter Bonität vergeben wurden – ein Markt, der zusammenbrach, als die Zinsen nach 2005 stetig bis auf 5% anstiegen. Die Finanzkrise des Jahres 2008 war der Beginn eines äußerst schmerzhaften, aber unvermeidlichen Entschuldungsprozesses.

Diese Interpretation der Ursprünge der aktuellen Rezession wird durch die die „Geldschwemme“ propagierende Schule bestritten. Laut dieser hatte die Krise eine und nur eine Ursache: die übermäßige Kreditschöpfung während der Zeit, als Alan Greenspan Chairman der US Federal Reserve war.

Diese Sichtweise greift auf die „österreichische“ Theorie der Konjunkturzyklen zurück und auch auf Milton Friedmans Erklärung der Großen Depression von 1929. Sie war damals falsch und ist es auch heute.

Diese Argumentation geht davon aus, dass Märkte absolut effizient sind. Falls sie sich irren, muss der Grund dafür bei der Politik liegen. Diese Sicht ist selbstwidersprüchlich, denn wenn die Marktteilnehmer absolut rational handelten und perfekt informiert wären, hätten sie sich nicht von einer Politik täuschen lassen, die das Geld billiger machte, als es wirklich war. Greenspan ist das Opfer, das die Anhänger dieser Schule dem Gott des Marktes darbieten.

Dies legt einen grundlegenderen Grund für die Wirtschaftskrise nahe: die Dominanz der Chicagoer Wirtschaftsschule mit ihrem Glauben an die Selbstregulierungskräfte freier Märkte. Dieser Glaube rechtfertigte – oder rationalisierte – die Deregulierung der Finanzmärkte im Namen der so genannten „Effizienzmarkthypothese“ und führte direkt zur Verbreitung von Modellen für das finanzielle Risikomanagement, die durch Ausschluss der Ausfallmöglichkeit den Umfang der im System vorhandenen Risiken gröblich unterschätzten.

Wenn es also darum geht, jemandem den Schwarzen Peter zuzuschieben, dann gebe ich eher den Ökonomen als den Bankern die Schuld für die Krise. Sie etablierten das Ideensystem, das Banker, Politiker und Aufsichtsbehörden dann angewandt haben.

John Maynard Keynes schrieb einst, dass „praktische Menschen, die sich selbst für relativ immun gegenüber geistigen Einflüssen halten, gewöhnlich die Sklaven irgendeines verblichenen Ökonomen“ seien. Die meisten Mitglieder der heutigen Ökonomengilde sind freilich nicht verblichen, sondern weiter in der ideologischen Nachbarschaft Chicagos tätig. Man sollte ihre Annahmen rücksichtslos bloßstellen, denn sie hätten es fast geschafft, unsere Welt zu zerstören.

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