Der Irak-Krieg ist vorbei. Aber der Kampf um eine strukturelle Veränderung der Volkswirtschaften im Nahen Osten - die einzige Hoffnung, zu verhindern, dass eine ganze Generation junger Arbeitsloser Araber und Iraner dem Fanatismus verfällt - hat gerade erst begonnen.
Bei diesem Kampf geht es um mehr als um Entwicklungsstrategien, es geht um die Wurzeln des Islam. ,,Das iranische Volk," so soll Ayatollah Khomeini gern gesagt haben, ,,hat die islamische Revolution nicht gemacht, damit die Wassermelonen billiger werden." Nach dieser Logik sind Kapitalismus und Islam unvereinbar. Aber sind sie das wirklich?
Die Geschichte kann uns hier einigen Aufschluss geben. Die industrielle Revolution begann in den englischen Midlands und in den belgischen Wäldern - Regionen mit Kohlevorkommen, Kanälen (auf welchen die Kohle transportiert werden konnte) und ausgebildeten Stahlarbeitern (die Dampfmaschinen bauen konnten, die mit Kohle angetrieben wurden). Kohle, Kanäle und Metallarbeiter waren die Grundlage für den Bau, die Errichtung und die Nutzung von automatischen Spinnmaschinen, leistungsstarken Webstühlen und Lokomotiven, die zusammen das Industriezeitalter begründeten.
Dampfkraft, Fabriken, Märkte und Industrie verbreiteten sich schnell über ganz Nordwest-Europa und seine Siedlerkolonien. Ende des 19. Jahrhunderts waren Turin, Wien, Prag, Wroclaw, Essen, Paris, Lille, Liege, Lyons und Barcelona in Kontinentaleuropa, ein Großteil Großbritanniens und der Vereinigten Staaten, Teile von Kanada und Irland sowie Melbourne, Buenos Aires und Johannesburg (und natürlich Tokio) Vorreiter der modernen Industrietechnologie.
Jenseits dieser Grenzen glühten die Feuer der industriellen Revolution kaum, wenn sie überhaupt brannten. Zwei Jahrhunderte lang kämpften weitsichtige ottomanische Wesire um den wirtschaftlichen und technologischen Fortschritt der Türkei, bereits 1453 konnten die Armeen von Sultan Mehmet II Konstantinopel erobern, weil Mehmet die am weitesten fortgeschrittene und mächtigste Artillerie der Welt aufgestellt hatte.
Im frühen 19. Jahrhundert blickte Ägyptens Mehemet Ali auf die Verteilung von Wirtschafts- und Militärmacht in der Welt und verfügte, dass Ägypten zu industrialisieren sei, und zwar schnell. Er befürchtete, seine Nachfahren könnten zu Marionetten britischer und französischer Vizekönige werden, wenn die Ägypter nicht lernten, die industrielle Technik zu beherrschen und eine Wirtschaft aufzubauen, die wohlhabend genug sei, um moderne, industrielle Armeen zu unterhalten. Seine Verfügung blieb folgenlos: Ägypten industrialisierte sich nicht und die Enkel von Mehemet wurden tatsächlich zu Marionetten der Briten und Franzosen.
Heute leben die 70 Millionen Ägypter wesentlich besser, als ihre Vorfahren unter Mehemet Ali, die Baumwolle und Korn anbauten und unter hohen Abgaben zu leiden hatten. Aber die Kluft zwischen den Volkswirtschaften des arabischen Nahen Ostens und Westeuropa - in Bezug auf Produktivität (abgesehen vom Öl), technologische Kapazitäten und Lebensstandard - ist tiefer als vor einem Jahrhundert und viel tiefer als zu Beginn des Industriezeitalters.
In vieler Hinsicht war die langsame Gangart der wirtschaftlichen Entwicklung in der islamischen Welt nicht unbeabsichtigt. Der Prophet Mohammed war ein Händler und die Koraisch (der in Mekka zur Zeit des Propheten herrschende Stamm) lebten davon, Karawanen von Arabien zum fruchtbaren Halbmond zu geleiten. Aber das Zusammenspiel von islamischen Ansichten, Herrschern, Händlern und Handwerkern, die Kairo, Damaskus, Bagdad und Samarkand zu Juwelen der urbanen Zivilisation im Hochmittelalter machten, ist lange versunken.
Industrialisierung bedeutet Neuheit und Veränderung. Wenn diejenigen, die die Macht in Händen halten, Veränderungen wegen möglicher für sie unangenehme Folgen fürchten, dann werden sie sie systematisch zu verhindern suchen, was die Herrscher in Nahost über Jahrhunderte taten.
Aber die langsame und verzerrte Entwicklung der islamischen Welt ist auch das Ergebnis ungenutzter Chancen. Ginge es Pakistan nicht viel besser, wenn es mehr von seinen Textilien in die reichen Industrieländer exportieren könnte? Wäre nicht ein Verzicht auf die Quotenregelung für Pakistan im Allfaserabkommen eine gute und wichtige Gegenleistung der US-Regierung gewesen, nachdem ihr die pakistanische Regierung bei den Angriffen auf Stützpunkte der El Kaida in Afghanistan geholfen hatte?
Das wäre zweifellos eine gute Entscheidung gewesen. Wären nicht die Aussichten auf wirtschaftliche Entwicklung in Marokko, Algerien und Tunesien wesentlich vielversprechender, würden es die europäischen Regierungen zulassen, dass EU-Bürger mehr nordafrikanische Orangen kauften? Natürlich.
Aber eine andere Ursache für die langsame wirtschaftliche Entwicklung in der islamischen Welt ist das Dilemma der schlechten Regierung. ,,Schützt die Eigentumsrechte und haltet Verträge ein," sagen Ökonomen aus dem Westen. Aber Eigentumsrechte und Verträge sind vielfachen Bedrohungen ausgesetzt. Sie werden von vagabundierenden Banditen bedroht, von lokalen Würdenträgern und vor allem von Beamten, die ihre Stellung nutzen, um sich etwas dazu zu verdienen. Einfach gesagt, ein schwacher Staat kann Verträge und Eigentumsrechte nicht geltend machen, während ein Staat, der stark genug dazu ist, zunächst einmal seine eigenen Beamten unter Kontrolle bringen muss.
Der schwerwiegendste Grund dafür, dass die islamische Welt schlechter abschneidet als Lateinamerika oder Südostasien, hat jedoch mit der Bildung zu tun. Es gibt wenig Hoffnung auf eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung, wenn das Bildungssystem in Bezug auf die Garantie allgemeiner Alphabetisierung mindestens eine Generation - wenn nicht sogar drei - hinter anderen Regionen liegt und wo die höhere Bildung weitgehend all jene Fähigkeiten und Studienfächer ignoriert, die es den Menschen ermöglichen würden, die Technik zu beherrschen.
Denn schließlich sind versperrte Exportchancen, schwache Regierungen und verbreitete Korruption weltweite Probleme. Noch nicht einmal politische und religiöse Machthaber, die sich Veränderung und Industrialisierung entgegenstellen, sind eine Seltenheit. Aber beim weltweiten Vergleich von Entwicklungsstrukturen wird deutlich, dass allgemeine Alphabetisierung und eine Verbreitung von industriellen und technischen Fähigkeiten Faktoren sind, die letztendlich den Ausschlag geben, wenn es darum geht, ob sich ein Land aus dem Griff von Rückständigkeit und Armut befreien kann oder nicht.


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