Saturday, October 25, 2014
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Die neue merkantilistische Herausforderung

CAMBRIDGE – Die Wirtschaftsgeschichte stellt sich primär als Wettstreit zweier gegensätzlicher Lehrmeinungen dar, des „Liberalismus“ und des „Merkantilismus“. Der Wirtschaftsliberalismus mit seiner Betonung des privaten Unternehmertums und der Freiheit der Märkte ist heute die vorherrschende Doktrin. Doch sein intellektueller Sieg hat uns für die große Attraktivität – und häufigen Erfolge – merkantilistischer Praktiken blind gemacht. Tatsächlich ist der Merkantilismus nach wie vor gesund und munter, und sein anhaltender Konflikt mit dem Liberalismus dürfte eine wichtige Kraft bei der Gestaltung der Zukunft der Weltwirtschaft sein.

Der Merkantilismus wird heute in der Regel als archaische und eklatant fehlgeleitete Sammlung wirtschaftspolitischer Ideen verworfen. Und in ihrer Blütezeit verteidigten die Merkantilisten eindeutig einige sehr merkwürdige Vorstellungen, vor allem die Ansicht, dass sich die nationale Politik von der Anhäufung von Edelmetallen – Gold und Silber – leiten lassen sollte.

Adam Smiths Abhandlung Der Wohlstand der Nationen aus dem Jahre 1776 räumte auf meisterhafte Art mit vielen dieser Vorstellungen auf. Insbesondere zeigte Smith, dass man Geld nicht mit Wohlstand verwechseln sollte. „Der Wohlstand eines Landes“, so Smith, „besteht nicht allein in seinem Gold und Silber, sondern seinen Ländereien, Häusern und Verbrauchsgütern unterschiedlichster Art.“

Korrekter freilich ist es, den Merkantilismus als eine andersartige Methode zur Ordnung der Beziehung zwischen Staat und Wirtschaft zu betrachten – ein Leitbild, das heute nicht weniger relevant ist als im 18. Jahrhundert. Merkantilistische Theoretiker wie Thomas Mun waren tatsächlich ausgeprägte Verfechter des Kapitalismus; sie propagierten lediglich ein anderes Modell als den Liberalismus.

Das liberale Modell betrachtet den Staat als zwangsläufig räuberisch und den privaten Sektor als per se nach Rentenerträgen strebend. Daher spricht es sich für eine strikte Trennung von Staat und Privatwirtschaft aus. Der Merkantilismus dagegen vertritt ein korporatistisches Leitbild, bei dem Staat und Privatwirtschaft Verbündete sind und zusammen gemeinsame Ziele wie inländisches Wirtschaftswachstum oder nationale Macht verfolgen.

Man kann das merkantilistische Modell als Staatskapitalismus oder Klüngelwirtschaft verspotten. Doch wenn es funktioniert – so wie es das in Asien so häufig getan hat –, erhalten die „Zusammenarbeit von Regierung und Unternehmen“ oder der „wirtschaftsfreundliche Staat“ schnell jede Menge Lob. Viele lahmende Volkswirtschaften haben feststellen können, dass der Merkantilismus ihr Freund sein kann. Selbst in Großbritannien kam der klassische Liberalismus erst Mitte des 19. Jahrhunderts an – also nachdem das Land zur führenden Industriemacht der Welt aufgestiegen war.

Ein zweiter Unterschied zwischen den beiden Modellen liegt in ihrer Bevorzugung der Interessen von Verbrauchern bzw. Produzenten. Für die Liberalen sind die Verbraucher König. Letztliches Ziel der Wirtschaftspolitik ist für sie, das Konsumpotenzial der Haushalte zu steigern, was erfordert, diesen ungehinderten Zugriff auf möglichst billige Waren und Dienstleistungen zu bieten.

Die Merkantilisten andererseits betonen die Produktivseite der Wirtschaft. Für sie erfordert eine gesunde Wirtschaft eine solide Produktionsstruktur, und der Verbrauch muss durch eine hohe Beschäftigung zu ausreichenden Löhnen gestützt werden.

Diese unterschiedlichen Modelle haben vorhersehbare Auswirkungen auf die internationale Wirtschaftspolitik. Die Logik des liberalen Ansatzes besagt, dass der wirtschaftliche Nutzen des Handels von den Importen ausgeht: Je billiger diese sind, umso besser, selbst wenn das Resultat ein Handelsdefizit ist. Die Merkantilisten jedoch betrachten den Handel als Mittel zur Stärkung der einheimischen Produktion und Beschäftigung und ziehen es vor, den Export und nicht den Import zu fördern.

Führender Fackelträger des Merkantilismus ist heute China, obwohl die chinesische Führung dies nie zugeben würde – der Begriff ist noch immer zu negativ besetzt. Ein Großteil des chinesischen Wirtschaftswunders ist das Produkt einer aktivistischen Regierung, die einheimische und ausländische industrielle Produzenten unterstützt, fördert und offen subventioniert.

Obwohl China viele seiner expliziten Exportsubventionen als Bedingung für die Aufnahme in der Welthandelsorganisation (der es 2001 beitrat) hat auslaufen lassen, hat es sein merkantilistisches Stützungssystem überwiegend beibehalten. Insbesondere steuert die Regierung den Wechselkurs, um die Rentabilität der Hersteller zu wahren, was zu einem Handelsüberschuss beträchtlicher Größe geführt hat (der zwar in jüngster Zeit etwas zurückgegangen ist, jedoch überwiegend infolge des Konjunkturabschwungs). Zudem profitieren exportorientierte Unternehmen weiter von einer breiten Palette von Steueranreizen.

Aus liberaler Sicht machen diese Exportsubventionen die chinesischen Verbraucher arm, während die Verbraucher in der übrigen Welt davon profitieren. Laut einer aktuellen Studie der Ökonomen Fabrice Defever und Alejandro Riaño von der University of Nottingham belaufen sich die chinesischen „Verluste“ auf etwa 3% der chinesischen Einnahmen, und die Gewinne der übrigen Welt auf etwa 1% der weltweiten Einnahmen. Aus merkantilistischer Sicht jedoch sind dies lediglich die Kosten des Aufbaus einer modernen Volkswirtschaft, die langfristigem Wohlstand den Boden bereiten.

Wie das Beispiel der Exportsubventionen zeigt, können beide Modelle in der Weltwirtschaft problemlos nebeneinander bestehen. Die Liberalen sollten sich freuen, wenn ihr Konsum von den Merkantilisten subventioniert wird.

Tatsächlich ist dies vereinfacht gesagt die Geschichte der letzten beiden Jahrzehnte: Eine Abfolge asiatischer Länder hat es geschafft, sprunghaft zu wachsen, indem sie verschiedene Varianten des Merkantilismus angewendet haben. Die Regierungen in den reichen Ländern sahen größtenteils weg, während Japan, Südkorea, Taiwan und China ihre Heimatmärkte abschotteten, sich „geistiges Eigentum“ aneigneten, ihre Produzenten subventionierten und ihre Währungsentwicklung zu steuern.

Jetzt haben wir das Ende dieser fröhlichen Koexistenz erreicht. Der Ruf des liberalen Modells ist inzwischen aufgrund des Anstiegs der Ungleichheit und der Bedrängnis der Mittelschicht im Westen sowie der von der Deregulierung ausgelösten Finanzkrise stark angeschlagen. Die mittelfristigen Wachstumsaussichten der amerikanischen und europäischen Volkswirtschaften reichen von mäßig bis düster. Die Arbeitslosigkeit wird der Politik weiter erhebliche Kopfschmerzen bereiten und sie beschäftigt halten. Der merkantilistische Druck dürfte sich daher in den hochentwickelten Ländern erhöhen.

Das neue wirtschaftliche Umfeld wird deshalb zwischen Ländern, die liberale bzw. merkantilistische Kurse verfolgen, mehr Spannungen als Entgegenkommen hervorrufen. Es könnte zudem lange schlummernde Debatten darüber wieder aufflackern lassen, welche Art von Kapitalismus den größten Wohlstand hervorbringt.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

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  1. CommentedJose araujo

    First, there is no such thing as "liberalism" in economy, you have the classics and neo-classics. Mercantilism is an 17th-18th century theory and the major opposition came from the Physiocrats - Agrarian vs Trade.

    To major formal errors from a Professor of Social Sciences, but a bigger one on not recognizing that importance of Marxism, Keynesianism and Monetarism, all off them at par with the classics and neo-classics in the economic wall-of-fame.

    Last but not the least, supply-side economics is something you link to the "Neo-Classics", demand is linked to Keynesians, so a major error on the proposition Mercantilism-supply and "liberalism" (whatever that means) - demand.

  2. CommentedSithembiso Malusi Mahlaba

    Both economic concepts are neither bad nor good, but each one will be relevant to peculiar situation for specific objectives indeed. For developmental state mercantilism seems an appropriate approach, from my perspective in Afrika, up until such time, an element of liberalism to some degree can be factored in economic equation. There is nothing cast in stone indeed, as global forces can change directions at anytime, therefore any concept applied must evolve with changing times.

  3. CommentedRitesh Kumar Singh

    Chinese mercantilist policy (a combination of overt-covert subsidies, manupulation of exchange rate and export restriction with respect to industrial raw materials) have resulted in huge trade deficit for the US (of late for India as well). Troubled EU and US means China will have to look towards boosting domestic consumption as exporting to EU or the US will be more difficult going forward. This is perhaps the most serious limitation of mercantilism. Each country will grow if trade is fair...otherwise some countries will grow faster but slow growing countries will finally pull down everyone. The solution is to go for multilateral trade lineralization under WTO framwork...and not EU or the US going the mercantilist way.

  4. CommentedEtienne Schneider

    I do not think that Germany is a mercantilist country in the way the author describes it. Germany does not exercise so much control over companys, and especially not over banks and the financial sector as China does. Due to the centralised monetary policy of the ECB Germany would not even have the power even if it would like to do .

    The fact that Germany is profiting from the weak Euro is more a happy coincidence for Germany that the willingness of german policy makers to work towards a weak euro.

      CommentedAxel Cabrol

      Of course Germany is following a mercantilist model: Schroders and Harz reform was a clear trade off between consumption and productive investment in Germany. ove rthe last 10 yrs German rea wages stagnated: this is not exactly a preference for consumption.
      Moreover the German example shows the political/social control over companies or production is not only channeled through central government control.

  5. CommentedKir Komrik

    Thanks for the mainstream but reasonable perspective,

    imo, both mercantilism and liberalism are failures. It's just that the "liberals" don't realize it yet. It's not durable. It's unjust. It's unsustainable. It's time for fresh, new ideas that are truly original and not a rehash of old ones, imo. It's time for genuine global rule of law with General Federalism and Fiducial Economics, imo ... or a better idea if I hear one.

    - kk

    http://federalism.jux.com
    http://kirkomrik.wordpress.com

  6. CommentedYoshimichi Moriyama

    Which is right or true, economics of liberalism or that of mercantilism? This questiion is meaningless like that of which is right or true, a microscope or a telescope. Each scope has its due area in which to function.

    Though it is hard for us to understand why people of the eighteenth century upheld mercantilism, there was much "turth" in the belief that hoarding precious metals bred wealth, because it made it possible for an emerigng nation-state, Great Britain or France or whatever, to accumulate capital for industrialization. (There was another important reason which was social and therfore political, namely to protect society from disintegrative economic forces. I do not think this reason is obsolete.)

    It misses the point if we compare the two economic theories on a purely theoretical plane. We must compare them, placing each in its own interacitons with its specific
    social conditions.




  7. CommentedJoshua Ioji Konov

    Great article Mr. Rodrik..
    from the prospective of "liberalism" and "mercantilism", the mostly productivity and big business liberalism's driven economy is less diverse and more globalization inclined, however, with the globalization and rising productivity, and with China's industrialization the reliance of the Transnational corporations to keep the entire world happily employed and fiscal reserves in plenty are just an illusion...., the point that China is subsidizing thus cutting on the consumer actually does not comply with the dataset that shows rapidly rising internal consumption for the last few years accelerated particularly by the new administration in China..., to balance salaries by governmentally run enterprises and projects, however could be partially replaced by a flourishing small and medium business and investors activities in the conditions of more fair competition..., which theory is not neither schools product, because only under most recent global market conditions of improving technologies and rising productivity in such globalization such new industrial capacity is possible that could carryon long term lack of Inflation diverse economic development..., Sincerely.

  8. CommentedPaul Hanly

    Germany can also be viewed as a mercantilist nation, benefiting from the weak Euro caused by the weakness in the periphery to export more than it otherwise could.

  9. Commentedsrinivasan gopalan

    Rodrik's subtle points of how a Marxist model has unobtrusively unleashed and underpinned mercantile forces to subsidize consumption of liberals in the western markets heightens the injustice to the people of the Middle Kingdom who had been the silent and hapless victims of the state-sponsored repressive policies. Cohabitation of mercantilism with market forces and central planning with communist ideologies has come a full circle now that the developed countries too remain the weakest link in global economy while the Asian countries including China and India are contributing to the growth stories in whatever limited way they could. A point to ponder is that in all the debate about capitalism, mercantilism or communism or state-guided public policies to shore up their export industry either through artificial managing of currencies or providing inexpensive infrastructure and liberal fiscal policies, most of the citizens of the world now feel the pinch and paroxysm of pain the resultant inequality has led to. It is time a root-and-branch rethinking emerged that would help identify each country's potentials and frailties so that they could be welded in a cohesive manner to achieve growth with equity to all. G.Srinivasan, Journalist, New Delhi

  10. CommentedMichael Muoio

    We have not managed our trade policy in the national interest, but rather in the interest of global corporatism.

    After essentially 32 years of wrong turns and existential damage, could Rumpelstiltskin be stirring?

    I certainly hope so but I see little evidence of it.

    Obama just did the Korean Free Trade deal and our trade deficit with them shot up 16% almost instantaneously.

    The fix on this one will be more than discussion and debate.

  11. Portrait of Pingfan Hong

    CommentedPingfan Hong

    "Today’s China is the leading bearer of the mercantilist torch":this statement needs some qualification. First of all, if Chinese trade policy in the past 30 years did have a streak of mercantilist, it must be imported from the West, as more than 50 per cent of Chinese exports have been produced by foreign companies in China, and those foreign companies are the teacher of mercantilism for Chinese policymakers. Secondly, in recent years, particularly after the global financial crisis, mercantilist policies have revived significantly in the US and Europe in the form of anti dumping and countervailing measures against China,while China has been calling for free trade in G20 and other international policy forums.

  12. CommentedJan Smith

    It is even worse than Professor Rodrik says. The neoliberals are in denial not only about the worldwide success of mercantilist industrial development. Wedded to the bizarre and extreme views of Say and Walrus, they ignore the Malthusian-Ecclesian-Keynesian tradition and, hence, cannot understand the nature and causes of the ongoing crisis.

    The neoliberals are divided into two camps. One camp says the economy will recover quickly and completely if left alone; the other camp says the economy will recover quickly and completely only if there is a massive and continuing transfer of debt from the private to the public sector.

    Could it be that both camps are wrong? That neoliberalism never will recover?

  13. Commentedaj mendespt

    "It may also reignite long-dormant debates about the type of capitalism that produces the greatest prosperity".

    Yes, but we need to consider more types of capitalism not just two. For instance the problems in Western countries are mostly due to the rise of managerial capitalism and its alliance with state capitalism.
    See these posts on capitalism:
    http://marques-mendes.blogspot.com/2011/07/capitalism-what-capitalism.html
    http://marques-mendes.blogspot.com/2011/10/1960s-and-now.html

  14. CommentedProcyon Mukherjee

    “Un-hindered access to the cheapest goods”, as Mr. Rodrik points out, could quite be the hallmark of the current mercantilism in vogue, but I am not so sure whether this is fairly ubiquitous across all products in the developed world; to pick a few like credit, higher education, health, welfare goods and public goods in general, could be out of sync with this general notion. State capitalism on the other hand has some brilliant examples as in the state of Gujarat in India, but I am not so sure whether the success rate for the start-up ventures there would eventually hold good for sustainable periods of time, when state subsidies in all forms get eased out and the more fundamental intrinsic factors that lead to success of businesses come to the fore.

    Procyon Mukherjee

  15. CommentedV S

    Ok, everyone knows the problems and the questions. But, where are the answers?! Or, at least a couple of possibilities?

      CommentedMichael Muoio

      Labor equalization tariffs applied directly or via VAT would be a good first step.

      CommentedZsolt Hermann

      I would argue that we still do not know the root of the problems, or more precisely we try very hard to ignore it.
      Instead we philosophize about different systems that all became obsolete.
      The root problem is that humanity is forcing an unnatural and unsustainable socio-economic system within a natural system that is regulated by strict natural laws.
      We are basing our life on the assumption that humans are above the system and can do whatever they like, inventing their subsystems, their own laws.
      Thus we invented and blew out of proportion the present overproduction/over consumption economy and its facilitating governing structures.
      The present system is basically built on implanting unnatural, artificial desires into humans, who otherwise would not have any willingness to consume, by sophisticated marketing and subsequent social pressure.
      This artificial bubble is then inflated continuously driving everybody, individuals and nations alike into debt burdens while piling up things nobody truly needs.
      According to certain estimates over 90% of the production of goods worldwide is simply obsolete, unnecessary for a normal, comfortable, modern human life, moreover is mostly harmful.
      We do not need to go backwards with theories, we need to learn and accept the system we exist in and apply its natural laws to consumption and lifestyle.
      Humans are part of the natural system, for a sustainable future and survival we need to adapt like any other species that want to continue on the evolutionary path.

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