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Der Preis des Schweigens der Medien

SANTIAGO – Im Jahr 1986 wurde der oppositionelle Journalist José Carrasco Tapia aus seinem Haus in Santiago de Chile von einer Todesschwadron General Augusto Pinochets verschleppt. Man schoss ihm 13 in den Hinterkopf und begrub in auf einem Friedhof, wo er sich in eine makabre Reihe lateinamerikanischer Berichterstatter einreihte, die man umgebracht hatte, weil sie es wagten, in den 1970er und 1980er Jahren offen zu sprechen.

In dieser Zeit befand sich die lateinamerikanische Presse im Würgegriff von Entführung, Folter und Mord. Die Stenographie war für Reporter eine weit gefahrlosere Methode der Berichterstattung. Seither wurde Lateinamerika zunehmend demokratischer und so entschieden sich auch mehr Journalisten für investigative Recherche statt der wortwörtlichen Wiedergabe von Presseerklärungen.

Vor allem durch den  Kampf dieser mutigen Journalisten gegen die staatliche Korruption wandelte sich der Griff in die Staatskassen von einem Geburtsrecht zu einem Glücksspiel – und das verärgerte die Korrupten. Heute haben viele lateinamerikanische Regierungen aus Angst vor der möglichen Berichterstattung der Medien über ihre Missetaten ihre Taktik geändert, halten aber an ihrer Absicht der Einschränkung der Pressefreiheit nach wie vor fest. 

Die Journalisten Lateinamerikas sind heutzutage zwar nicht mehr in diesem Ausmaß durch Mord bedroht, stehen aber immer noch einer ganzen Reihe von Herausforderungen gegenüber, die eigens geschaffen wurden, um sie unter Kontrolle zu halten. Hinter verschlossenen Türen arbeiten die Regierungen mit finanziellen Anreizen und Regulierungsbestimmungen, um Medienkritik auszuschalten und die Inhalte der Berichterstattung zu ihren Gunsten zu verdrehen.

Die unleugbaren Fortschritte Lateinamerikas in Richtung echter Demokratie -  wie die Entwicklung einer informierten, mit mehr Mitbestimmungsrechten ausgestatteten Bevölkerung sowie Regierungen, die die gesetzmäßigen Beschränkungen ihrer Macht respektieren – sind ohne freie Presse bedroht, auch wenn formelle Wahlrechtsbestimmungen immer mehr zur Routine werden.

In der gesamten Region herrscht ein alarmierendes Ausmaß an Pressemanipulation. Diese reicht von honduranischen Behörden, die dem nationalen Radiosender die Telefonverbindungen kappen lassen bis zu argentinischen Funktionären, die eine Druckerei schließen. In unterschiedlichem Ausmaß sind lokale und nationale Funktionäre in diesen und anderen Ländern wie Kolumbien, Chile, Costa Rica, Peru und Uruguay damit beschäftigt, die autoritäre Agenda neu zu formulieren. 

Noch weiter verbreitet als die indirekte Repression ist der Korruptionsdruck durch staatliche Gelder. In ganz Lateinamerika sind Werbeaufträge des öffentlichen Sektors entscheidend für das finanzielle Überleben von Zeitungen und Sendestationen, vor allem aber für deren lokale Außenstellen. In Kolumbien ist die Praxis denkbar einfach:  Journalisten, die auf ihr Einkommen aus dem Verkauf von Werbeeinschaltungen an Regierungsbehörden angewiesen sind, rufen die Beamten morgens an, um ihre Story zu bekommen. Später, wenn sie denselben Beamten Werbeeinschaltungen verkaufen müssen, werden ihnen die wahren Kosten unabhängiger Berichterstattung bewusst.

Im Jahr 2004 verfügte der Präsident Costa Ricas, als Vergeltungsmaßnahme für kritische Berichterstattung die Werbeeinschaltungen der Regierung in der führenden Tageszeitung des Landes einzustellen. In den Jahren 2006 und 2007 benutzte der peruanische Wohnbauminister Werbeverträge, um die Berichterstattung über ihn und sein Ministerium in den Zeitungen des Landes verzerren.

Manche Regierungen nehmen einen noch direkteren Weg, um ihnen genehme Berichterstattung herbeizuführen. In Honduras stehen Direktzahlungen der Regierung an Journalisten auf der Tagesordnung, weil Berichterstatter minimale oder gar keine Gehälter bekommen. Manche Regierungsbeamte verlangen von Journalisten sogar, Verträge zu unterzeichnen, die sie zu wohlwollender Berichterstattung über die Regierungsaktivitäten verpflichtet.

In der gesamten Region isolieren Regierungsbeamte diejenigen, die sie als Unruhestifter betrachten und manipulieren Verfahren zur Vergabe von Sendelizenzen, um politische Verbündete zu begünstigen oder unabhängige Stimmen zum Schweigen zu bringen. Aufgrund dieser Politik befinden sich ganze Redaktionen in Geiselhaft der Selbstzensur. Vielen nicht-kommerziellen oder alternativen Medien wird der Zugang zu Sendelizenzen verwehrt.

Bis auf ein paar mutige Ausnahmen halten alle still. Nachdem ganze Zeitungen oder Sender vom Ruin bedroht sind, tragen die Berichterstatter nicht nur mehr für sich allein die Verantwortung. Die aufkeimende Meinungsvielfalt und eine Berichterstattung, die zur Wiederbelebung der traditionell farblosen und monopolistischen Medienindustrie beitrugen, stehen nun auf dem Spiel.

Das Bild ist aber nicht nur düster und ironischerweise hat die Berichterstattung über manipulierte Nachrichten dazu beigetragen, Politiker in manchen Ländern wachzurütteln, um für bessere und leichter durchzusetzende Bestimmungen zu sorgen.

Maßnahmen wie faire, auf Wettbewerb beruhende und transparente Vergabeverfahren im öffentlichen Sektor statt  politischer Kontrolle der Zuweisung staatlicher Werbebudgets wären äußerst hilfreich, vor allem wenn dies mit guter Dokumentation einherginge, um die Medien vor Beamten zu schützen, die ständig darüber wachen wollen, was an die Öffentlichkeit gelangen darf.

Carrasco Tapia starb für seine Vision eines kritischen oppositionellen Journalismus. Es wäre eine Tragödie, wenn diejenigen, die die Medien noch immer kontrollieren wollen, obsiegen würden, indem sie ihre Taktik in den Untergrund und hinter verschlossene Türen verlagern. Diese Art der Bedrohung ist vielleicht weniger dramatisch, aber um nichts weniger bösartig. 

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