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So entstand Chinas Handelsdefizit

BEIJING – China hat im März 2010 ein Monats-Handelsdefizit von 7,2 Milliarden Dollar verzeichnet, das erste seit April 2004. Und trotzdem hat ungefähr zur selben Zeit der Kongress der Vereinigten Staaten so laut wie noch nie China als angeblichen Wechselkursmanipulator gebrandmarkt und die führenden chinesischen Politiker beschuldigt, an der Bindung des Renminbi zum Dollar fest zu halten, um den bilateralen Handelsüberschuss aufrecht zu erhalten.

Chinas Märzdefizit ist zunächst einmal ein Indiz dafür, dass die Behauptung, Chinas Wirtschaftswachstum hinge hauptsächlich von Exporten ab, nicht korrekt ist. Exporte sind ein wichtiger Teil der chinesischen Wirtschaft und jede globale Marktschwankung, jeder externe Schock wird sicherlich Auswirkungen auf das Gesamtwachstum haben. Aber wie bei jeder anderen großen Volkswirtschaft wird auch Chinas Wirtschaft von Binnenverbrauch und Investitionen angetrieben.

Chinas Exportrate ist 2009 tatsächlich im Zuge der globalen Finanzkrise und Rezession um 16 Prozent gefallen. Trotzdem ist das Bruttoinlandsprodukt um 8,7 Prozent gestiegen, dank eines Anstiegs beim Verbrauch um 16,9 Prozent (gemessen am Bruttoverkauf von Konsumgütern) und eines Anstiegs von 33,3 Prozent bei der Nachfrage nach Anlageinvestitionen.

Obwohl Chinas „Handelsabhängigkeit“ jetzt auf 70 Prozent des Bruttoinlandsproduktes geschätzt wird, ist diese Zahl zudem stark verzerrt durch die Tatsache, dass chinesische Exporte massive Material- und Teilimporte erfordern. Die Wertschöpfung des gesamten chinesischen Außenhandels beläuft sich auf lediglich 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Das heißt also, die Nettoexporte haben mit 10,8 Prozent zu der gesamten Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes beigetragen, oder nur ca. 1,1 Prozentpunkt von 9 Prozent Wachstum im Jahr 2008. Vergleichen Sie diese Zahl mit Deutschland, wo die Nettoexporte im Jahr 2008 64 Prozent des Wachstums ausmachten, mit Japan, 33 Prozent, Korea, 28,6 Prozent und den Philippinen mit 20 Prozent. Ganz klar sticht China in dieser Beziehung nicht heraus.

Natürlich ist Chinas Inlandsverbrauch mit 49 Prozent des Bruttoninlandsprodukts nicht so hoch wie er sein sollte, wobei der private Verbrauch bei nur 35 Prozent liegt. Zahlen dieser Art haben viele Beobachter zu der Annahme verleitet, die Binnennachfrage müsse niedrig sein, so dass Chinas Wachstum von den externen Märkten abhänge.

Aber die Binnennachfrage, die die Importe bestimmt, besteht nicht nur aus Verbrauch, sondern auch aus Anlageinvestitionen. Schnelles Wachstum bei der Investition kann zu einem starken Importwachstum und zu hohen Handelsdefiziten führen.

Das ist genau, was in China zurzeit passiert. Es wird argumentiert, Investitionswachstum ohne Anstieg des Verbrauchs führe zu Überkapazitäten und letztendlich zur Rezession. Vielleicht. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass Investitionen in den Wohnungsbau circa 30 Prozent der gesamten Anlageinvestitionen ausmachen. Fast der gesamte Rest geht in die Infrastruktur, also in langfristige, haltbare öffentliche Verbrauchsgüter - einschließlich U-Bahnen, Eisenbahn, Autobahnen, öffentliche Einrichtungen in den Städten und das nationale Wassersystem.

Zudem kann man sich leicht vorstellen, dass die Importnachfrage weiter ansteigt, wenn die USA und die Europäische Union ihre Exportverbote für Hightech-Produkte aus China aufheben. In dem Fall wäre das im März verzeichnete Handelsdefizit mindestens 40 Prozent höher.

Der Wechselkurs des Renminbi ist vor diesem Hintergrund wirklich ein sekundärer Faktor in Chinas Außenkonto. Anders gesagt, man könnte das globale Ungleichgewicht effizienter korrigieren, indem man andere, tiefer liegende Gründe behandelt. Die tiefer liegenden Gründe des US-amerikanischen Ungleichgewichts im Außenhandel sind hohe Haushaltsdefizite und niedrige Spareinlagen der Haushalte aufgrund der übermäßigen Verschuldung. Die tiefer liegenden Gründe auf der chinesischen Seite sind hohe Sparquoten bei Unternehmen und privaten Haushalten, zusammen mit einigen Verzerrungen bei den Preisen für Ressourcen und Energie.

Die aktuelle Situation deutet darauf hin, dass eine signifikante Anpassung des Wechselkurses gar nicht nötig ist, um die globalen Ungleichgewichte zu beseitigen. Wenn das stimmt, und China sich keine Sorgen um den Wechselkurs des Renminbis machen muss - sollte es sich Sorgen darum machen, dass seine Wirtschaft überhitzt? Schließlich sind alle vorherigen Handelsdefizite in der Reformära – wie 1992-1996 und 2003-2004 – alle zu einer Zeit der Überhitzung vorgefallen.

Aber es gibt Unterschiede zwischen jetzt und damals. Als zum Beispiel ein schnelles Investitionswachstum 2004 zu einer Überhitzung führte, boomte der Weltmarkt. Damals mussten sowohl die Inlandsinvestitionen als auch die Exporte unverzüglich gedrosselt werden. Heute hat sich die Außennachfrage jedoch noch nicht wieder erholt, obwohl die Inlandsinvestitionen stark wachsen.

Das Ergebnis ist das Handelsdefizit vom März, das hauptsächlich durch ein ungewöhnlich hohes Jahresimportwachstum verursacht wird (65 Prozent), zusammen mit einem relativ niedrigen Exportwachstum, das beeindruckende 24 Prozent nominell nur aufgrund des starken Rückgangs im Bezugszeitraum erreichen konnte. Mit einer solchen Situation, die auf einen einzigen Faktor zurückzuführen ist, kann man leichter umgehen als mit einer Situation, die von zwei Faktoren abhängt, wie 2004. Da die hohe Investitionsnachfrage diesmal hauptsächlich stimulusbedingt ist, können die Entscheidungsträger schneller reagieren, wenn sie ein Problem erkennen.

Trotzdem muss die Kapitalbildungsrate sorgfältig überwacht werden. Als China das letzte Mal ein derart hohes Wachstum bei der Inlandsinvestition verzeichnete, war die Sparquote nicht so hoch wie heute. Das Problem ist zurzeit, dass ein Handelsdefizit in einem Moment auftaucht, als die nationale Sparquote bei 51 Prozent liegt. Das bedeutet, dass die Investition extrem hoch ist – und dass es, trotz des hohen Anteils an Investitionen in die Infrastruktur, dringend erforderlich ist, die potentiellen Risiken zu bewältigen.

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