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Ein Amerika, das Nein sagen kann

NEW YORK: Anfang diesen Monats machte sich der kirgisische Präsident Kurmanbek Bakijew mit der Mütze in der Hand auf nach Moskau, um dort um Finanzhilfe zu bitten. Um seine Bitte schmackhafter zu machen, gab Bakijew bekannt, dass er die Schließung des US-Luftwaffenstützpunktes in Kirgisistan verlange, über den die NATO-Truppen im benachbarten Afghanistan mit Nachschub versorgt werden. In ähnlicher Weise bat im vergangenen Jahr die isländische Regierung Russland bei der Rettung seines Bankensystems um Hilfe, während der pakistanische Präsident Asif Ali Zardari in der Hoffnung auf eine Notkapitalspritze China besuchte.

Einige Beobachter führen diese Episoden als Beleg dafür an, dass Amerika international an Einfluss verliert. Doch da ist noch ein wichtigerer Punkt: Bisher haben Russland und China, von den relativ kleinen den Kirgisen angebotenen Beträgen abgesehen, nicht viel Hilfe angeboten.

Es gibt eine Menge Gerede über eine „postamerikanische Welt“, und viele Beobachter meinen einen Wandel von einer US-dominierten internationalen Ordnung hin zu einem multipolaren System zu erkennen, in dem Länder wie China, Russland und andere in Bezug auf eine Reihe gemeinsamer Herausforderungen und Risiken um eine globale Führungsrolle konkurrieren.

Vor mehr als fünf Jahren erklärte der chinesische Präsident Hu Jintao: „Der Trend hin zu einer multipolaren Welt ist irreversibel und dominierend.“ Als sich Wladimir Putin auf einer Konferenz in München im vergangenen Jahr beschwerte, dass der Unilateralismus der USA weltweit Konflikte anheize, reagierte ein aufgebrachter Senator John McCain mit der Bemerkung, dass Konfrontation in der „heutigen multipolaren Welt“ unnötig sei.

Als Putin den venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez im vergangenen September in Russland begrüßte, bemerkte er: „Lateinamerika entwickelt sich zu einem beachtlichen Glied in der Kette der sich herausbildenden multipolaren Welt.“ Chávez stimmte zu: „Eine multipolare Welt wird Realität.“

Sie alle liegen falsch. Die Dominanz der USA ist eindeutig im Schwinden begriffen, doch eine multipolare Ordnung impliziert, dass mehrere aufstrebende Mächte konkurrierende Ansichten darüber haben, wie die Welt geführt werden sollte, und dass sie bereit sind, zur Förderung ihrer globalen Agenden zu handeln. Aber dies ist nicht der Fall.

Stattdessen erleben wir die Geburt einer nichtpolaren Ordnung, in der Amerikas Hauptkonkurrenten weiter zu sehr mit ihren Problemen im eigenen Lande und in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft beschäftigt sind, um wirklich schwere internationale Lasten zu schultern. Keine der aufstrebenden Mächte hat auch nur damit begonnen, ihren wachsenden politischen und wirtschaftlichen Einfluss zu nutzen, um wirklich globale Ambitionen voranzutreiben – oder Verantwortlichkeiten zu übernehmen, die sich Washington nicht mehr leisten kann.

Beginnen wir mit Russland. Trotz seiner wachsenden Verbindungen zu Venezuela und seiner Bemühungen, seine Energiepolitik mit jener der erdgasreichen Länder Nordafrikas abzustimmen, hat der Kreml nicht den Ehrgeiz, wieder einen Einfluss in Lateinamerika, Afrika oder Südostasien aufzubauen, wie ihn einst die Sowjetunion hatte. Genauso wenig verfügt es über eine ideologische Attraktivität sowjetischen Stils. Stattdessen ist die russische Führung damit beschäftigt, Russlands Märkte, Banken und Unternehmen vor den schlimmsten Auswirkungen der globalen Finanzkrise zu schützen, die staatliche Kontrolle über die inländischen Wirtschaftssektoren zu konsolidieren und ihren außenpolitischen Einfluss auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion auszuweiten.

Chinas Bedürfnis, seinen Hunger nach importiertem Öl und anderen Rohstoffen zu stillen, hat ihm zu internationaler Präsenz verholfen. Doch sein Einfluss ist eher wirtschaftlicher als politischer Art. Chinas Führung muss ihre Aufmerksamkeit einer erschütternden Anzahl drängender Probleme im eigenen Lande widmen: der Verhinderung einer Konjunkturabschwächung, die Millionen von Menschen in die Arbeitslosigkeit und auf die Straße drängen könnte, den Konsequenzen der Landreform in den ländlichen Gebieten und der Bewältigung der enormen Probleme im Bereich der Umwelt und der öffentlichen Gesundheit.

Indien muss sich unter dem immer länger werdenden Schatten Chinas behaupten. Angesichts der im kommenden Jahr anstehenden Wahlen wendet die herrschende Kongresspartei die Zeit und das Geld der Regierung für Subventionen für die Verbraucher, Lohnerhöhungen für Staatsbeschäftigte und Schuldenerlasse für die Bauern auf.

Brasilien ist in ähnlicher Weise beschäftigt und scheint kurzfristig keine gewichtigeren Interessen zu verfolgen, als die Stabilität in Lateinamerika zu fördern, die Auswirkungen der globalen Finanzkrise zu bewältigen und andere Entwicklungsländer zu inspirieren.

Kurz gesagt: Es gibt ein Vakuum im Bereich der globalen Führung, und zwar just zu einem Zeitpunkt, wo diese dringend erforderlich ist. Präsident Barack Obamas Aufmerksamkeit konzentriert sich derzeit auf Impulse zur Stimulierung der blutarmen US-Wirtschaft, die Ausarbeitung von Steuersenkungen, die Neugestaltung der Energie- und Gesundheitspolitik und die Wiederherstellung des Vertrauens in die US-Finanzinstitute. Die Europäische Union führt ihre interne Debatte darüber weiter, wie sie am besten ihre kollabierenden Banken und Industrien retten, mit den Nachwirkungen der EU-Erweiterung und der Ausweitung der Eurozone umgehen und die zunehmend steinigen Beziehungen zu Russland bewältigen könne.

Wer dann kann die Führung dabei übernehmen, eine neue globale Finanzarchitektur zu schaffen, die die Komplexitäten des Handels im 21. Jahrhundert widerspiegelt? Wer kann den Konsens über eine multilaterale Antwort auf den Klimawandel vorantreiben? Wer wird ein nicht mehr zeitgemäßes Regime zur Nichtverbreitung von Atomwaffen ersetzen, für kollektive Sicherheit an sich herausbildenden internationalen Brennpunkten sorgen und bei den Friedensgesprächen im Nahen Osten eine Dynamik in Gang setzen?

Das internationale Gipfeltreffen in Washington im November 2008 hat das Problem verdeutlicht. Die reichsten Länder der Welt (die G7) suchten damals Hilfe bei den Schwellenmächten innerhalb der G20, um eine koordinierte Antwort auf die globale Finanzkrise zu finden. Es ist schon für sieben Länder schwierig genug, sich zu einigen – man stelle sich die Schwierigkeit vor, einen Konsens von 20 Ländern herbeizuführen.

Man denke etwa an die konkurrierenden Ansichten innerhalb dieser Gruppe zu Themen wie Demokratie, Transparenz, der angemessenen wirtschaftlichen Rolle des Staates, neuen Verkehrsregeln für die Finanzmärkte und den Handel sowie der Frage, wie sich am besten gewährleisten lässt, dass die Vereinten Nationen, der Internationale Währungsfonds und die Weltbank das heutige globale Gleichgewicht der Kräfte in fairer Weise widerspiegeln.

In den nächsten Jahren werden jene, die in Krisensituationen die USA um Hilfe bitten, mit zunehmender Wahrscheinlichkeit ein Nein zur Antwort bekommen. Und es ist alles andere als sicher, dass irgendjemand sonst bereit und in der Lage sein wird, ja zu sagen.

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