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Den freien Fall bremsen

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2010-02-05

NEW YORK – Durch die Niederlage bei den Senatswahlen in Massachusetts verloren die amerikanischen Demokraten 60 Abgeordnete, die für die Verabschiedung der Gesundheitsreform und anderer Gesetze nötig gewesen wären. Auch die amerikanische Politik hat sich damit verändert – zumindest momentan. Was sagt uns dieses Wahlergebnis jedoch über die amerikanischen Wähler und die Wirtschaft?  

Jedenfalls wurde damit kein Rechtsruck eingeläutet, wie manche Experten behaupten. Die Botschaft ist vielmehr die gleiche, die die Wähler schon vor 17 Jahren an Präsident Bill Clinton übermittelten: „It’s the economy, stupid!” und „Jobs, jobs, jobs.” Tatsächlich sprachen sich die Wähler auf der anderen Seite der Vereinigten Staaten, nämlich in Oregon, bei einer Volksabstimmung für Steuererhöhungen aus.

Die US-Wirtschaft befindet sich in einem schlimmen Zustand – auch wenn das Wachstum mittlerweile angezogen hat und die Banker wieder ihre enormen Boni kassieren. Mehr als ein Sechstel der Amerikaner, die gerne eine Vollzeit-Stelle hätten, bekommen keine. Und 40 Prozent der Arbeitslosen sind bereits länger als sechs Monate ohne Job.

Wie man in Europa vor langer Zeit lernte, verschlimmert sich die Misere mit der Länge der Arbeitslosigkeit, da berufliche Qualifikationen und Aussichten nicht besser werden und die Ersparnisse zur Neige gehen. Die in diesem Jahr erwarteten 2,5-3,5 Millionen Zwangsversteigerungen übersteigen die Zahl des Jahres 2009. Das neue Jahr begann auch mit dem ersten von vielen erwarteten Großpleiten im Bereich der Gewerbeimmobilien. Sogar die amerikanische Haushaltsbehörde „Congressional Budget Office” prognostiziert, dass die Arbeitslosenzahlen erst wieder in der Mitte des Jahrzehnts auf ein normales Niveau zurückkehren werden, da Amerika seine eigene Version der „japanischen Malaise“ durchmacht.  

Wie ich in meinem neuen Buch Im freien Fall ausführe, ist Präsident Barack Obama am Anfang seiner Amtszeit ein großes Risiko eingegangen. Statt des im Wahlkampf versprochenen markanten Wandels beließ er viele Funktionäre in ihren Ämtern und zur Bekämpfung der Finanzkrise vertraute er auf die schon bekannte „Trickle-Down-Strategie“. Obamas Team schien der Meinung zu sein, die beste Möglichkeit, den durchschnittlichen Hausbesitzern und Arbeitern zu helfen, bestünde darin, den Banken ausreichend Geld zur Verfügung zu stellen.

Als man in Amerika unter Clinton die Sozialprogramme für Arme reformierte, stellte man den Hilfsempfängern Bedingungen: Sie mussten sich um einen Arbeitsplatz bemühen oder an Schulungen teilnehmen. Aber als die Banken ihre Sozialhilfe bekamen, stellte man keinerlei Bedingungen. Hätte Obamas Taktik des Durchwurstelns funktioniert, wären uns einige große philosophische Scharmützel erspart geblieben. Aber sie hat ja nicht funktioniert und es ist schon sehr lange her, dass die Abneigung der Menschen gegen die Banken derartige Ausnahme angenommen hat.

Obama wollte die von George W. Bush verursachte Kluft in der amerikanischen Gesellschaft überbrücken. Allerdings ist diese Kluft heute noch tiefer. Seine in den letzten Wochen so offensichtlichen Versuche, es allen recht zu machen, werden wahrscheinlich niemanden besänftigen.  

Die Defizit-Falken – vor allem unter den Bankern, von denen man während der staatlichen Rettung ihrer Institutionen wenig hörte, die aber jetzt wieder groß da sind – nutzen die Sorge um das wachsende Defizit aus, um Kürzungen der staatlichen Ausgaben zu rechtfertigen. Aber diese Ansichten hinsichtlich der Steuerung der Wirtschaft sind um nichts besser als der Ansatz der Banker bei der Führung ihrer eigenen Institutionen.

Eine Kürzung der Ausgaben würde die Wirtschaft schwächen. Vorausgesetzt die Ausgaben fließen in Investitionen mit moderaten Erträgen von 6 Prozent, werden langfristige Schulden auch bei einem Anstieg des kurzfristigen Defizits gesenkt. Dies aufgrund höherer Steuereinnahmen, die sich kurzfristig durch höhere Produktionsleistung und langfristig durch rascheres Wachstum ergeben.

Bei seinem Versuch, die „Quadratur des Kreises“ zwischen notwendiger Ankurbelung der Wirtschaft und Besänftigung der Defizit-Falken zu schaffen, präsentierte Obama Maßnahmen zur Senkung des Defizits. Diese allerdings führten einerseits zu einer Entfremdung der liberalen Demokraten und fielen andererseits zu gering aus, um den Falken zu gefallen. Andere Aktionen, mit denen in Schwierigkeiten steckenden Amerikanern der Mittelschicht geholfen werden soll, zeigen vielleicht, für wen Obamas Herz schlägt, sind aber in ihrem Ausmaß zu gering, um deutlich etwas zu bewirken.

Drei Dinge können etwas bewirken: Ein zweites Konjunkturprogramm, die Eindämmung von Zwangsversteigerungen, indem man sich jener etwa 25 Prozent der Hypotheken annimmt, deren Wert den der Immobilie übersteigt sowie eine Neugestaltung unseres Finanzsystems, um die Banken zu zügeln.

Vor einem Jahr gab es einen Zeitpunkt, an dem Obama mit seinem enormen politischen Kapital vielleicht in der Lage gewesen wäre, diese ehrgeizige Agenda durchzusetzen, um sich dann auf Grundlage dieser Erfolge den anderen Problemen Amerikas zuzuwenden. Aber die Wut über die Bankenrettungen, die Verwirrung zwischen Bankenrettung (die nicht wie geplant zu einer Wiederaufnahme der Kreditvergabe führte) und den Konjunkturprogrammen (die zwar die beabsichtigten Ergebnisse brachten, aber in zu geringem Ausmaß) und die Enttäuschung über steigende Entlassungen haben seinen Spielraum enorm eingeschränkt.

Tatsächlich besteht sogar einige Skepsis, ob Obama in der Lage sein wird, seine wünschenswerten und lange überfälligen Bemühungen durchzusetzen, die darauf abzielen, Banken, die zu groß sind, um sie scheitern zu lassen und deren rücksichtslose Risikopolitik in die Schranken zu weisen. Ohne diese Maßnahmen wird die Wirtschaft sehr wahrscheinlich in nicht allzu ferner Zukunft wieder mit einer Krise konfrontiert sein.  

Den meisten Amerikanern geht es allerdings um den Abschwung von heute und nicht um den von morgen. Das Wachstum soll in den nächsten zwei Jahren derart anämisch sein, dass man damit kaum genug Jobs für Neueintritte in den Arbeitsmarkt schaffen wird - von einer Rückkehr der Arbeitslosenrate auf ein annehmbares Maß ganz schweigen.

Ungezügelte Märkte haben möglicherweise zu dieser Misere geführt und die Märkte alleine werden uns da nicht wieder heraushelfen, zumindest nicht in absehbarer Zeit. Staatliche Maßnahmen sind gefragt und dazu bedarf es wirkungsvoller und energischer politischer Führerschaft.

Joseph E. Stiglitz erhielt 2001 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften und war von 1995 bis 1997 Vorsitzender des wirtschaftlichen Beraterstabes des US-Präsidenten. Er ist Autor des jüngst erschienenen Bestsellers Im freien Fall – Vom Versagen der Märkte zur Neuordnung der Weltwirtschaft.

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ACEMAXXANALYTICS 03:48 06 Feb 10

Completely agree. 

Great!


bklynwatch 10:17 06 Feb 10

Professor;

There is a lot of criticism that the bank bail-out has not translated into lending to small businesses. I do not, at all, excuse the banks for their selfish behavior, but are we certain that there is adequate demand from businesses , small or large, for loans at this stage of the recovery? Without perceived demand from consumers for products and services there is no incentive for any business to borrow, expand and rehire. Jobs rebuild consumer demand, even if they come at the cost of more government defict spending. Simple: jobs beget consumer demand begets business expansion begets more jobs. Are businesses ready to expand and they are being denied loans? I wish I read that in the headlines everyday, but I don't. 


kmpoovey 12:45 07 Feb 10

My partners and I purchase and renovate apartment buildings in historic districts in Indianapolis. Even though we have a great track record, and high occupany in our buildings, we have been unable to find financing for new projects for two years. In the first year, the terms of offered financing required, through a combination of higher interest rates, shorter amortization, and greater reserve requirements, the devotion of effectively all of the available cash flow to mortgage payments. Also, the banks imposed such low debt service covenant ratios that a small blip in occupany rates would immediately put us in default and result in our guarantees being called in. This tightening occurred at the same time the syndication market disappeared.

Since the fall of 2008, no financing has been available on any terms, even with as much as 50% down.

We have tried in vain to secure FHA financing, but the agency imposes such onerous requirements (including Davis Bacon) that our rehabilitation projects are simply not feasible.

Our friends in the same business confirm that our experience is univesal, at least in Indianapolis.

From what I read in the business news, other small businesses are having similar problems.


ckwrites 07:52 08 Feb 10

Can America really muddle out of a FREEFALL? Unless there's an urgent moral response - from people in the Main Street, to the Wall Street, and Washington – coupled with a humble understanding that sustainable economic growth cannot and must not be propelled by cheap and future money, an imminent freefall may come sooner than later. Indeed there's a grave deficit of moral compass and understanding in the American society. Combine this integral malaise with the destructive anxiety of the American people, there is real need for deep soul search by everyone.


ShishirNasik 04:29 10 Feb 10

SIR,

What will happen to the future of U.S. when China will off-load it's  investment through T-Bills of U.S.loan?


bklynwatch 04:56 11 Feb 10

kmpoovey,

Unfortunately, in today's economy there may be many, many cases like your's - a shovel ready, valid business plan but unable to secure private capital.  Is real estate development financing a special case today? In any case, I still contend that without customers with cash to spend (the demand side), no businessman is leaning on his bank for money. I know there is 9.7% unemployment which is a good proxy for missing demand. I know of no index that reports on the number of valid business expansion projects that are unable to secure financing. Is there one? 

This link addresses the issue that I commented on: 

http://www.economist.com/blogs/freeexchange/2010/02/small_business