Friday, July 25, 2014
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Spanien kommt auch voran

MADRID – Dieser Juli wird in die spanische Geschichte eingehen, weil er so großartig anfing, angespornt von Spaniens jüngstem Triumph bei der Fußball-Europameisterschaft 2012. Doch deuten alle Anzeichen darauf hin, dass der Monat in Zweifeln und Pessimismus enden wird. Das Bild jubelnder Menschenmengen und spanischer Fahnen, die an Autos und Fenstern hängen, musste dem Bild sich drängender Demonstranten weichen, die auf ihren Transparenten gegen die jüngsten Sparmaßnahmen der Regierung protestieren. Zumal einer von vier Spaniern arbeitslos ist und Spaniens Staatsanleihen knapp über dem Ramschstatus eingestuft werden, scheint Spanien am Rande des Abgrunds zu stehen.

Doch blicken sehr wenige Analysen unter die Oberfläche der unmittelbaren Zahlen und bewerten Spaniens zentrale Stärken und Schwächen. Beobachter neigen heute dazu zu vergessen, dass Spanien bis in die frühen 1980er Jahre nach Weltbankstandards zu den Entwicklungsländern zählte. Tatsächlich stellt Spanien zusammen mit Singapur und Irland die größte ökonomische Erfolgsgeschichte des letzten Viertels des zwanzigsten Jahrhunderts dar. Man darf nicht vergessen, dass Spanien neben einem erstaunlichen Anstieg des Pro-Kopf-BIP (von 7284 USD im Jahr 1980 auf über 30 000 USD in 2010) unter der unbezahlbaren Führung von König Juan Carlos erfolgreich den Übergang zur Demokratie vollzogen hat und der Europäischen Union beigetreten ist.

Derartige Leistungen bringen immer auch große Asymmetrien und politische Pakte mit sich; obwohl diese während der Übergangszeit nach Franco von fundamentaler Bedeutung waren, als die Spanier noch Angst davor hatten, die tiefen Furchen des Bürgerkriegs wieder auszuheben, plagen sie das Land bis zum heutigen Tage. Ferner hat der Erfolg des Landes zusammen mit einer lockeren Kreditpolitik in der Eurozone zu einer Finanzblase geführt, deren Zerplatzen strukturelle Probleme offenlegte. Infolgedessen ist Spanien jetzt auf eine gemeinsame Anstrengung seiner Bürger angewiesen, die in dem Vertrauen in ihre Leistungen der letzten 30 Jahre wurzelt.

Ein Bereich, der unbedingt reformiert werden muss, ist der Arbeitsmarkt. Die Grundlagen des aktuellen Arbeitsrechts gehen auf das Jahr 1938 zurück, als der Bürgerkrieg das Land zerriss. Das von Oberbefehlshaber Francisco Franco nach seinem Sieg geschaffene System bot den Arbeitern Arbeitsplatzsicherheit und starke Tarifverhandlungsrechte, die dazu beitrugen, trotz fehlender Demokratie die gesellschaftliche Stabilität zu erhalten.

Paradoxerweise hat ein Großteil dieses Programms als Aushängeschild der Linken überlebt. Eine Änderung ist daher nicht nur für die Wiedererlangung der Wettbewerbsfähigkeit entscheidend; sie stellt auch eine wichtige Reifeprüfung für die spanische Demokratie dar.

Das aktuelle System trägt zu Spaniens haushoher Arbeitslosenquote bei. Seit der zweiten Hälfte der 1980er Jahre, als sich die Netto-Auswanderung plötzlich umkehrte, hat Spanien hohe strukturelle Arbeitslosigkeit erlebt, selbst wenn das jährliche Wachstum über 4 % betrug, was teilweise der hohen Qualität und den großzügigen Leistungen des spanischen Sozialsystems geschuldet war, das ebenfalls in der Zeit nach Franco konsolidiert wurde. 2011 waren schätzungsweise 5,7 Millionen Einwohner (12 % der Bevölkerung) Einwanderer – über eine Million mehr als im wesentlich größeren Vereinigten Königreich (mit 62 Millionen Einwohnern).

Internationale Beobachter kommentieren häufig auch die Notwendigkeit, die Stellen im öffentlichen Dienst abzubauen. Auch in diesem Fall ist das Problem eine direkte Folge der politischen Vereinbarungen, die zu Beginn des Übergangs zur Demokratie getroffen wurden. Bei diesem Übergang hat der öffentliche Sektor aufgrund der neuen nahezu föderalen Verwaltungsstruktur des Landes eine rapide und radikale Dezentralisierung durchlaufen, wodurch erhebliche Überschneidungen und Verdoppelungen geschaffen wurden, was Aufwand und Ressourcen angeht.

Unterdessen verzerrt es die Realität, wenn man Spaniens gesamten Bankensektor durch das Prisma der cajas betrachtet, der Sparkassen, die die Achillesverse des spanischen Finanzsystems darstellen. So zählen Santander und die BBVA zu den derzeit erfolgreichsten internationalen Banken. Trotzdem waren es die cajas, in denen sich das Risiko der Immobilienblase konzentrierte und deren Leitung die schlimmste Seite des öffentlichen Eigentums darstellte. Die cajas verfügten weder über die Unternehmensführungsstrukturen noch über die Führungsfähigkeiten, um der Krise standzuhalten.

Außerdem hinken die spanischen Schulen im internationalen Ranking-System hinterher; das relativ effektive Berufsausbildungssystem aus der Franco-Ära wurde während des Übergangs zum Kollateralschaden; und die geringe Anzahl von Patentanmeldungen zeigt schwere Defizite in Forschung und Entwicklung auf. Dieses Hindernis für die Wettbewerbsfähigkeit hängt auch mit einem leistungsschwachen, staatlich regulierten Hochschulsystem zusammen, das keine staatliche spanische Universität unter den ersten 150 Hochschulen des Academic Ranking of World Universities vorweisen kann, während drei private Institute (IE, IESE und ESADE) zu den besten Wirtschaftshochschulen weltweit zählen.

Heute hat Spanien eine der besten Infrastrukturen Europas, zu der Hochgeschwindigkeitszüge, hochtechnisierte Flughäfen, schnelle Autobahnen und erstklassige grüne Energienetze zählen. Spanische Unternehmer waren Pioniere bei Geschäftsideen wie Inditex und Mercadona, deren Modelle in den besten Wirtschaftshochschulen als Fallstudien dienen.

Spanien verfügt über eine beträchtliche Anzahl an erfolgreichen, hochmodernen multinationalen Unternehmen, angefangen bei den Bauunternehmen Ferrovial und FCC bis hin zu Iberdrola und Abengoa im Energiesektor. Es ist auch wichtig, die politische Stabilität – und die Reife der Öffentlichkeit – zu unterstreichen, die es einer Partei, deren Programm eine Rationalisierung der Ausgaben forderte, ermöglichte, bei den Parlamentswahlen vor sechs Monaten eine absolute Mehrheit zu erreichen.

Spaniens Sieg im Fußball war kein Zufall, sondern der krönende Abschluss einer langen Entwicklung von seiner Vergangenheit als frankistische furia española zur Gewinnmaschine. Nach Spaniens Siegen bei der Europameisterschaft 2008 und der Weltmeisterschaft 2010 hat die Nationalmannschaft wieder einmal gezeigt, wie unterschiedliche Fähigkeiten durch die Identifikation mit einem gemeinsamen Ziel zum Erfolg führen können. 

Die Spanier im Allgemeinen und ihre Politiker im Besonderen müssen wieder entdecken, was für den Erfolg notwendig ist. Trotz seiner schlechten Ausgangslage kann Spanien diese kritische Situation durch gemeinsame harte Arbeit, Verantwortung, Respekt und Loyalität überwinden und sich dadurch sein Ansehen in Europa und im außereuropäischen Ausland sichern.

Aus dem Englischen von Anke Püttmann

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  1. CommentedEyOM k

    Spain is a country with great potential, but the gaps have been with the economic crisis of 2008 and the present.

    Politics, where politicians work for pay undeserved and not a better country (http://wp.me/p2npkO-v)

    Moreover, there was a very strong financial system, which exceeded the 2008 crisis, but the strong politicization of part of the sector (Savings), made to explode with the real state crisis in Spain. (http://wp.me/p2npkO-1f)

    Now, it's time to change things, starting with the politicians, continuing the business and financial system, with the goal of changing the mentality of the whole society

  2. Commentedjuan carlos

    "Spain can overcome its critical situation only through collective hard work, responsibility, respect, and loyalty, thereby ensuring its standing in Europe and beyond." you mean by ordinary people simply accepting the destruction of a functioning welfare system while the political/corporate elite continue increasing their personal profits, sure. No need to mention political corruption and incompetence?
    "It is also important to emphasize the political stability – and public maturity – that allowed aparty whose program called for rationalization of spending to win an absolute majority..." Public maturity? The public simply alternates between PP and PSOE, that is not maturity, it's stupidity. The only maturity was demonstrated where other alternative parties increased their votes, while PSOE and PP decreased compared to previous elections.
    "Paradoxically, the bulk of this platform has survived as a banner of the left." The only paradox here is a member of the PP saying that something created by the Franco regime is actually wrong or not working.

  3. CommentedN. H.

    Recognising Spain's achievements and potential, this article still makes one wonder...

    Or rather, the salaries of Spanish top football players, which an 'ordinary wo/man' can only dream of, and the soaring tax debt of Spanish top football clubs makes one wonder whether it is not this "winning formula" that is - if not part, yet - at least one expression of the problem...

  4. CommentedJoão Tiago Barriga Negra Ascensão

    Interesting articles. It ressembles, as one should expect, a lot of the Portuguese contemporary economic path. Said this, and taking into consideration the comment made below by Zsolf Hermann, I struggle to understand why there'se no increasing more cooperation between the PIGS in targeting the crisis. Spain, Italy and, in some extent, Portugal are case-studies of rapid development in the last decades of the 20th century, solely comparable to the outstandind economic performance of the Asian Tigers relatively in the same period. More than rediscover what it takes to succeed, I would say we need to understand what it takes to succeed in today's world of emerging superpowers with continent size economies. Economies must also adapt to new velocity of the world economics and invest in the creation of more resilient and change prone institutional systems, capable of sustain a process of development in the long run.

    In the end, we all need a little luck as well. Think about the last penalties shootout in the recent Protugal vs. Spain matchup in the eurocup and how close we all were to see such a winning machine coming out of the contention.

  5. CommentedAldo Dias

    The author makes it seem like Santander or BBVA have solid assets. They issued mortgage loans and therefore engaged and exposed themselves to the real estate bubble. Santander, for instance, just announced an operating loss in the billions of euros, due to this depreciation of the guarantees that support their loans. And I doubt that the adjustment has been "complete" - whatever this means, because if the real estate keeps depreciating then what is left? -, as in there is a significant "lag" in reavaluations.

    My point is simply that even aspects of the spanish economy that this this article tries to portray as strengths aren't so, or at least not absolutely. Unfortunately for all of us.

  6. CommentedZsolt Hermann

    Yes Spain can still rise, but not alone.
    Today on the real world stage there are no national teams any longer.
    We evolved into such a tightly interconnected and interdependent network with each other, that either we all rise or we all fall.
    The problems Spain is facing are not Spanish problem, just as there is no Euro problem, or European problem.
    We have a global problem that shows itself regionally dressed into specific cultures, flavors but the underlying source of the problem is the same: we are stubbornly pushing on with the wrong socio-economic structure in the wrong system, conditions.
    As mentioned above we exist in a global, integral network, thus we have to change our fragmented, polarized, angular worldview, decision making to a global, mutual, round worldview and decision making.
    Alongside this structure we also use an illusorical, unnatural and harmful excessive, constant quantitative growth economic model that has turned on itself, eating, consuming itself and the system around it as cancer.
    There are no Hollywood type happy endings here unless we understand and apply the above principles, building a totally new human system.
    Then we will all rise, but only together as a single, united Humanity.

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