LONDON: Wir alle erinnern uns an eine Formulierung aus dem ersten Präsidentschaftswahlkampf eines Clinton.
Als sich Bill Clinton Anfang der 1990er Jahre um das Amt bewarb, erklärte einer seiner Mitarbeiter, was das zentrale Thema des Wahlkampfes sei: „It’s the economy, stupid.“, sagte er. Die Wirtschaft erklärt alles – Jobs, Preise, Häuser. Sie entscheidet über die Stimmung der Öffentlichkeit und bestimmt die politische Tagesordnung.
Bestätigt wird dieser Punkt durch eine seltsame Werbeanzeige, die Sie vielleicht kürzlich in einer Illustrierten gesehen haben. Geworben wird für teures Reisegepäck. Michail Gorbatschow sitzt auf dem Rücksitz einer Limousine. Er wird an der Berliner Mauer vorbeigefahren. Auf dem Sitz neben ihm steht die Ledertasche einer Luxusmarke. Die Botschaft? Wen kümmert die Mauer! Vergiss die Politik; was zählt, ist das Geld.
Vielleicht ist das wirklich so. Die Welt ringt heute mit den Folgen der amerikanischen Sucht nach Krediten und der Gier und Dummheit vieler globaler Banken. Autofahrer schimpfen über die Kosten einer Tankfüllung Benzin. In den armen Ländern – und auch in wohlhabenderen – verzweifeln die Hausfrauen an den steigenden Kosten für die Ernährung ihrer Familien. In Asien, Afrika, dem Nahen Osten und Lateinamerika randalieren ihre Männer und Söhne aufgrund der Lebensmittelpreise.
Die Wirtschaft ist also die große Story. Doch noch zwei weitere Storys wetteifern um unsere Aufmerksamkeit. Sie sagen eine Menge über die Weltpolitik in einem neuen Jahrhundert aus. Es ist letzten Endes doch nicht die Wirtschaft allein, die zählt.
Zunächst einmal ist da Tibet, wo die lokale Wirtschaft anscheinend mit großer Geschwindigkeit wächst. Die Tibeter scheint dies nicht zu beeindrucken. Im vergangenen Jahr waren es buddhistische Mönche in Birma, die erschossen und niedergeknüppelt wurden. Dieses Jahr sind es Mönche in Tibet.
Historisch ist die Sache kompliziert. Aber ich habe kein Problem damit, zu akzeptieren, dass Tibet ein Teil von China ist. Viele chinesische Dissidenten vertreten dieselbe Ansicht, und auch der Dalai Lama scheint dieser Meinung zu sein. Aber ist diese Haltung nur durch staatliche Gewalt aufrechtzuerhalten?
Der Dalai Lama ist kein verschlagener Terrorist. China tut sich selbst keinen Gefallen, wenn es bei der Diskussion dieses Problems in der Zeit der maoistischen 1960er Jahre verharrt.
Die Chinesen haben sich in so vielen Bereichen so intelligent verhalten. Sie haben für Hongkong die Formel „Ein Land, zwei Systeme“ erdacht. Übersteigt es wirklich die Fähigkeiten ihres politischen Systems, eine Formel für Tibet auszuarbeiten, die dessen kulturelle und religiöse Autonomie innerhalb des chinesischen Staates anerkennt?
Ich hoffe, dass dieses Thema nicht die chinesischen Bemühungen zunichte macht, der Welt anlässlich der Olympischen Spiele zu zeigen, dass sich China erneut zu einer der führenden Nationen der Erde entwickelt hat. Es ergäbe überhaupt keinen Sinn, die Spiele zu boykottieren. Ein Boykott würde bloß nationalistische Feindseligkeit in China provozieren. Doch die Teilnehmer der Spiele sollten keinerlei Beschränkungen ausgesetzt werden, höflich aber bestimmt ihre eventuellen Ansichten bezüglich der Menschenrechte zu äußern.
Was wirtschaftlich gesehen in den letzten 25 Jahren in China passiert ist, ist von enormer Tragweite. China hat sich zur Produktionsstätte für die Welt entwickelt. Sein Erfolg ist für die Übrigen von uns keine Bedrohung. Er ist eine gute Nachricht für alle. Von enormer Tragweite, sicher – aber noch ist China keine Supermacht. Es ist kein Zeichen der ruhigen, selbstbewussten Autorität einer Supermacht, buddhistische Mönche zu verprügeln und ihren geistigen Führer anzugreifen.
Die zweite große, globale politische Story sind die amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Dies ist turbogeladene amerikanische Soft Power.
Ein knapper Wettkampf zwischen den beiden Demokraten Barack Obama und Hillary Clinton hart noch immer der Auflösung. Und ein zäher, echter Kriegsheld – John McCain – wartet darauf, sich mit dem Sieger zu messen.
Der Wettkampf zwischen Obama und Clinton nimmt, auch wenn er einige beklagenswerte protektionistische Empfindungen hervorgerufen hat, die Weltaufmerksamkeit gefangen. Obama selbst verkörpert zwei Eigenschaften, die viele Menschen in Begeisterung versetzen – und nicht nur die jungen.
Obamas Erfolg zeigt, dass die USA noch immer das Land der unbegrenzten Möglichkeiten sind. Sollte er die Wahl gewinnen, man stelle sich die Wirkung seiner ersten Rede vom Podium der UNO-Generalversammlung vor. Er spräche dort als Präsident des globalisiertesten Landes der Welt; in einem gewissen Sinne wäre er unser aller Präsident.
Zweitens erweist er der demokratischen Politik einen Dienst. Wie ein früherer Sohn des Staates Illinois, Adlai Stevenson, glaubt er daran, dass der durchschnittliche Mann und die durchschnittliche Frau sehr viel mehr sind als durchschnittlich.
Angesichts der peinlichen Ansichten seines Seelsorgers zur Rassenproblematik und zu Amerika steckte Obama nicht mit seinen Imageberatern die Köpfe zusammen, um herauszufinden, wie er mit dem Problem umgehen sollte, sondern hielt stattdessen eine durchdachte, beredsame und bewegende Rede zur Rassenfrage. Er ging das Thema frontal an, und zwar auf intelligente Weise. Konfrontiert mit einem peinlichen Problem, reagierte er mit Vernunft. Egal, was noch in diesem Präsidentschaftswahlkampf passiert: Diese Rede markierte einen besonderen Moment.
Warum also ist all dies – Tibet einerseits und amerikanische Soft Power andererseits – so bedeutungsvoll? Ganz einfach. Das kommende Jahrhundert wird kein Kampf zwischen China und den USA um die weltweite Führung sein. Dies ist kein das Kräfteverhältnis betreffender Wettstreit zwischen zwei Gladiatoren. Was es freilich geben wird, ist ein Wettstreit der Ideen.
Will und braucht die Welt zusätzlich zu ihren Einkaufszentren den Leninismus? Müssen Regierungen Dissidenten einsperren, um Wohlstand zu gewährleisten? Oder will die Welt die Art von Freiheit, die sowohl die Politik als auch die Wirtschaft umspannt?
Selbst für meine Kinder wäre die Antwort ein Klacks.


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