WASHINGTON, DC – Zurzeit wird die ganze Welt von einer großen Finanzkrise erfasst, aber Russland steht ein wahres Unwetter bevor. Die russische Börse befindet sich im freien Fall und fiel seit dem 19. Mai um 60 %, ein Verlust von $ 900 Milliarden. Und der Absturz gewinnt an Fahrt. In der Folge ist es wahrscheinlich, dass Russlands Wirtschaftswachstum deutlich und plötzlich zurückgehen wird.
Ein Problem besteht darin, dass die russische Regierung nach einer langen Zeit der finanziellen Umsicht außergewöhnliche Unfähigkeit an den Tag legt. Russland genießt seit 1999 ein durchschnittliches jährliches Wirtschaftswachstum von 7 %. Mit großen Leistungsbilanz- und Haushaltsüberschüssen hatte es im Juli internationale Reserven in Höhe von $ 600 Milliarden angehäuft. Seine Staatsverschuldung war nahezu getilgt. Doch braucht die offene Wirtschaft, die Russlands wirtschaftlichen Erfolg befördert hat, die Unterstützung durch eine sinnvolle Politik, um erfolgreich zu sein.
Die anfängliche amerikanische Finanzkrise hat Russland kaum berührt, doch führte der globale Konjunkturrückgang zu einer Senkung der Öl- und anderer Rohstoffpreise um über ein Drittel seit Juli, was ein herber Schlag war. Alle anderen Schläge hat es sich jedoch selbst zugefügt. Die russische Finanzkrise bietet pure Dramatik, die am besten als Tragödie in fünf Akten beschrieben wird.
Am 24. Juli läutete Ministerpräsident Wladimir Putin den ersten Akt ein, indem er den zurückhaltenden Besitzer des riesigen Kohle- und Stahlunternehmens Mechel ohne Beweise wegen Preiswuchers und Steuerhinterziehung scharf angriff. Innerhalb von drei Tagen verloren die Aktien von Mechel die Hälfte ihres Werts und lösten die Talfahrt der russischen Börse aus.
Dann, am 8. August, eröffnete Putin den zweiten Akt seiner russischen Tragödie, seinen seit langem geplanten Angriff auf Georgien. Schockierenderweise argumentierte Russland, es habe das Recht, ein Land anzugreifen, in dem Menschen zu Hause waren, denen es soeben erst Pässe ausgestellt hatte, was allen Ländern mit russischen Minderheiten Angst eingejagt hat. Durch die Anerkennung der „Unabhängigkeit“ der beiden besetzten Gebiete Abchasien und Südossetien hat Russland die ganze Welt gegen sich aufgebracht.
Die russischen Machthaber haben sich einen Ruf als unzuverlässig, überspannt und unberechenbar gemacht, die Märkte mögen aber Vertrauenswürdigkeit, Stabilität und Berechenbarkeit. Es überrascht nicht, dass ausländische Investoren Putins Russland nicht mehr gewogen sind.
Innerhalb einer Woche nach seinem Angriff auf Georgien verzeichnete Russland einen Kapitalabfluss von $ 16 Milliarden, der seitdem auf $ 30 Milliarden angewachsen ist. Im Verhältnis zu Russlands Währungsreserven ist das ein kleiner Betrag, aber sehr viel für das unterentwickelte Bankensystem, das eine ernsthafte Kreditverknappung erlebte.
Putin bestreitet weiterhin, dass Russlands finanzielle Probleme durch seinen Krieg in Georgien verursacht wurden, und die Zentralbank brauchte über einen Monat, bis sie kräftige Finanzspritzen bereitstellte. Doch war es bereits zu spät, da das Liquiditätsproblem zu einer Frage der Solidität geworden war. Eigentlich sehen die Bewertungen russischer Aktien attraktiv aus, doch hat Putin die Ausländer verscheucht, indem er sie mit Beleidigungen überhäufte, und die russischen Investoren haben kein Geld. Mit jeder Erklärung untergräbt Putin Russlands politisches Risikoprofil.
Wie es üblich ist, haben viele russische Geschäftsleute ihre Aktien als Sicherheit genommen, um sich Geld für Börsengeschäfte zu leihen. Da nun der Aktienmarkt abstürzt, erhalten sie Nachschussforderungen und sind gezwungen, ihre Aktien zu immer niedrigeren Preisen zu verkaufen, was dazu führt, dass sich die Abwärtsspirale der Börse beschleunigt. In Sowjetmanier wurde die Moskauer Börse in der Woche vom 15. September vier Tage hintereinander geschlossen, da die Kurse zu schnell fielen. Indem sie das Problem abstritten, haben die Behörden den Mangel an Vertrauen verschlimmert.
Auf den internationalen Finanzmärkten hat der Krieg in Georgien russische Schulden und Anleihen „vergiftet“. Die Zinssätze für Russlands Anleihen sind um 2-3 Prozentpunkte gestiegen, und viele russische Kreditgeber haben keinen Zugang mehr zu den internationalen Kapitalmärkten.
Russland ist dabei, in den dritten Akt dieser Tragödie einzutreten: eine Bankenkrise. Viele mittelgroße Banken, und einige große, werden mit einiger Gewissheit in den Turbulenzen an der Börse untergehen. Zu viele große Investoren können ihren Nachschussforderungen nicht mehr nachkommen, während die Kreditkosten steil gestiegen sind. Die jüngste Aufwertung des Dollars verschlimmert ihre Misere.
Im vierten Akt wird die Immobilienblase platzen. Man kann mit einiger Wahrscheinlichkeit annehmen, dass Moskaus astronomische Preise um mindestens zwei Drittel fallen werden, was die Bankenkrise noch verschärfen wird.
Im fünften Akt werden die die Investitionen zurückgehen. Warum sollte man weiter bauen, wenn man weder die Investition bezahlen noch die Immobilie verkaufen kann? Die russischen Verbraucher haben bereits Angst und werden ihren Verbrauch zurückschrauben, was dazu führen wird, dass sich die Gesamtnachfrage verringert.
Am Ende wird das reale Wirtschaftswachstum eine Vollbremsung hinlegen, vielleicht schon im nächsten Jahr. Andere Faktoren werden die Situation wahrscheinlich noch erschweren. Korruption auf höchster Ebene ist so stark verbreitet, dass Russland unfähig scheint, große Projekte für die öffentliche Infrastruktur zu bauen. Die Preise für Öl und andere Rohstoffe werde wahrscheinlich weiter sinken, und die Öl- und Gasproduktion stagniert bereits. Putin hat der Welthandelsorganisation den Rücken gekehrt und fördert den Protektionismus, der dem Wachstum ebenfalls schaden wird.
Merkwürdigerweise sind die solidesten Bereiche des russischen Finanzsystems der Staatshaushalt und die Währungsreserven, doch ist es zu spät, um diese Tragödie damit zu verhindern. Weder willkürliche staatliche Eingriffe noch Brutalität werden das Vertrauen der Investoren zurückbringen.
Der Bösewicht in diesem Drama ist Wladimir Putin, der von den acht Jahren des schnellen Wachstums profitiert hat, das die Marktreformen seines Vorgängers Boris Jelzin erzeugt haben. Russland hatte gute Chancen, dieser internationalen Finanzkrise zu entkommen, doch durch seine Skrupellosigkeit und Unfähigkeit hat Putin sein armes Land zu einem Hauptopfer gemacht. Wie lange kann sich Russland einen so teuren Ministerpräsidenten leisten?


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