Monday, October 20, 2014
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Die neuerliche Neuerfindung der Weltbank

MADRID – Nun da sich drei Kandidaten um das Amt des nächsten Weltbankpräsidenten bewerben – die nigerianische Finanzministerin Ngozi Okonjo-Iweala, der ehemalige kolumbianische Finanzminister José Antonio Ocampo und der Präsident des Dartmouth College Jim Yong Kim als Kandidat der USA – ist es an der Zeit, innezuhalten und den Kurs der Bank festzulegen. Wenn der nächste Präsident der Weltbank keine klare Vision des zukünftigen Weges hat und nicht über die nötige Standfestigkeit verfügt, dem internen Druck aus der Institution zu widerstehen, wird er oder sie in dieser komplexen Maschinerie mit ihren verschlungenen Prozessen untergehen.

Das weltweite Augenmerk liegt momentan auf der Abwägung der Stärken und Qualifikationen der Kandidaten, vor allem ihrer Referenzen in den Bereichen Wirtschaft und Finanzwesen. Doch die wahre Herausforderung besteht darin, einen Kurs für die Weltbank festzulegen, der den Verhältnissen auf der Welt gerecht wird und die Werkzeuge der Bank entsprechend neu zu justieren. Zwangsläufig hängt der neue Kurs teilweise von der Einsicht ab, dass Wirtschaft und Finanzen, obwohl integrale Bestandteile aller Aktivitätsbereiche der Bank, nicht mehr zu den Hauptantriebskräften der Institution gehören.

Die traditionellen Instrumente der Weltbank waren (und sind) zinsgünstige Darlehen, zinslose Kredite und Zuschüsse. Doch die Kernphilosophie der Bank beruht auf der zinspflichtigen Kreditvergabe an Länder mittleren Einkommens& und der Kanalisierung der daraus resultierenden Mittel an die ärmsten förderungswürdigen Länder. Aufgrund der Konditionalität ihrer Kredite verliert die Bank heute angesichts der Fülle an privaten und öffentlichen Akteuren in der Entwicklungshilfeszene ihre Wettbewerbsfähigkeit. Unterdessen aber entwickelt sich die Bank zu einer zentralen – tatsächlich unerlässlichen – Quelle der Expertise und technischer Hilfe sowie auch zu einem Bereitsteller globaler öffentlicher Güter.

Basierend auf diesen Stärken muss die Bank, statt zu dozieren, bereit sein, die Realität in den Kundenländern zu verstehen und die Arbeit vor Ort mit ihren globalen Aktivitäten in Einklang zu bringen. Während die Kreditvergabe schrittweise ausgedünnt und den ärmsten Ländern vorbehalten wird, muss die Bank die Struktur eines Drehkreuzes für strategische Beratung oder einer „Wissensbank“ annehmen. Die Institution hat ihr Leitbild neu zu formulieren und sich von der Vorstellung zu verabschieden, eine „Bank des Westens“ eine „Bank der BRICS“ oder eigentlich überhaupt eine Bank zu sein.

Eindeutig ist heutzutage die wachsende Intoleranz gegenüber schlechter Regierungsführung und Korruption – eine kollektive Ablehnung, die in so unterschiedlichen Ländern wie Burma, Kongo, Russland und Bolivien zu Tage tritt, von den arabischen Ländern von Syrien bis Marokko ganz zu schweigen. Gleichzeitig geht die stärkste Bedrohung der internationalen Ordnung von scheiternden und gescheiterten Staaten aus sowie von Staaten in Konfliktsituationen und nach Konflikten.

Als Teil der Gewissensprüfung nach dem Zusammenbruch des Kommunismus strebt die Weltbank seit zwei Jahrzehnten an, gute Regierungsführung und Anti-Korruptionsmaßnahmen zu einem integralen Bestandteil ihrer Arbeit an Wirtschaftswachstum und Armutslinderung in den Entwicklungsländern zu machen. Aber abgesehen von eloquenter Rhetorik erfolgten die Änderungen nur in kleinen Schritten oder sie wurden den Aktivitäten der Bank aufgepflanzt, anstatt sie zu ihren institutionellen Grundbausteinen zu formen.

Die Bank konzentrierte sich zu sehr auf sich selbst und ihre Reputation und nicht ausreichend auf die Länder, die sie berät und in denen sie arbeitet, während man den Aufbau von Institutionen als Teil der Wachstumsagenda betrachtete. Infolgedessen sah man Gesetze, die die Grundlage des Aufbaus von Institutionen bilden, lediglich als Werkzeugkasten. So wurde verkündet, dass Eigentumsrechte, die Durchsetzung von Verträgen, die Bedingungen für Unternehmer sowie freie und wettbewerbsfähige Produkt- und Arbeitsmärkte Teil eines wirtschaftlichen Rahmenwerks seien – ein Missverständnis, das jüngst von dem früheren Weltbank-Ökonomen und gegenwärtigen Entwicklungsexperten William Easterly erneut formuliert wurde.&

Außerdem führte die traditionelle Auslegung des Gründungsvertrags der Bank zu einer proklamierten „Neutralität”, die ihren Niederschlag in der Bereitschaft fand, das Wesen der Regime in den Kundenländern und deren Mangel an Rechenschaftspflicht zu übersehen. Ironischerweise hält die gleiche Weltbank, deren ehemaliger Präsident Robert McNamara sie auf dem Höhepunkt der Entkolonialisierung vor fünfzig Jahren zu einem Schlüsselinstrument im Kampf gegen den Kommunismus umformte, heute den so genannten „Peking-Konsens“, aufgrund dessen die Kommunistische Partei Chinas ihren eisernen Griff auf das Land erhält, für ein durchaus brauchbares Entwicklungsmodell. &

In diesem Zusammenhang muss eine „Wissensbank“ drei Herausforderungen gerecht werden. Im Einklang mit ihrer Bedeutung für Einzelinitiative, muss sie die Unterstützung für den privaten Sektor ausweiten und Infrastruktur an die Spitze ihrer Prioritätenliste setzen. Überdies muss die Bank ihr Know-how im Aufbau von Kapazitäten, vor allem dem Aufbau von Verwaltungskapazitäten mit dem Schwerpunkt auf rechtlich-institutionelle Aspekte stärken. Und schließlich müssen Antikorruptionsstrategien und Programme im Bereich guter Regierungsführung zu Kernpunkten ihres Leitbildes gemacht werden.

Die internationale Gemeinschaft kann sich keine Weltbank leisten, die in der Vergangenheit verhaftet bleibt und ihre Bedeutung verliert. Keine andere Institution kann das erhebliche Potenzial der Bank als Wissenszentrum und Koordinationsstelle für Entwicklungspolitik ausfüllen. Das Mandat des nächsten Weltbankpräsidenten wird von entscheidender Bedeutung sein, wenn es darum geht, einer im vor uns liegenden Jahrhundert dringend notwendigen Institution, zum Durchbruch zu verhelfen oder sie zu blockieren.

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  1. CommentedZsolt Hermann

    With my limited knowledge I never considered the World Bank other than a "money lending source", but the "knowledge bank" the article talks about truly opens up new possibilities, and new directions if used properly.
    As we can see through the deepening and unsolvable global crisis, humanity is at crossroads today. We still stubbornly try to push on with our previous/present socio-economic system, despite the dramatically changed systematic conditions around us.
    Today humanity has evolved into a global, integral, interdependent system, where all of our previous methods, institutions have become meaningless.
    In such a situation the most important basic step is global, integral education, providing the necessary understanding about what a global, integral human system is to every nation at all social levels.
    It is not difficult to see that as soon as we understand our new system, its laws, and how we could settle into this new structure with harmony, with all the human talent and adaptability working out the actual institutions, methods would be self understanding, automatic.
    If the writer considers the World Bank as "knowledge bank" along these lines, then I hope the new president will listen to her advice.

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