Tuesday, October 21, 2014
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Der Playboy und der Mullah

In Indonesien gab es jüngst zwei dramatische Ereignisse: Zum einen die Haftentlassung eines radikalen muslimischen Predigers und zum anderen die Veröffentlichung eines offenherzigen Männermagazins. Nun stehen sowohl Abu Bakar Ba’asyir als auch der Playboy im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, aber weder dem Prediger noch dem Magazin kommt eigentlich jene Bedeutung zu, die ihnen ihre jeweiligen Gegner zuschreiben. Beide Ereignisse und die öffentliche Diskussion, die sich dazu entwickelte, treffen allerdings einen wunden Punkt im gegenwärtigen Kampf Indonesiens um seine Identität – ein Kampf der in letzter Zeit eine dramatische Wendung genommen hat.

Abu Bakar Ba’asyir ist ein radikaler muslimischer Prediger, der verurteilt wurde, weil er den Bombenanschlag 2002 auf Bali gepriesen hat. Von mancher Seite wurde er auch verdächtigt, noch viel stärker darin involviert gewesen zu sein. Sein Name steht auf einer Terroristenliste der UNO und zweifellos wären Indonesien und der Rest der Welt sicherer, wenn er noch hinter Gitter wäre.

Seine Freilassung an sich ist allerdings kein Beweis dafür, dass es in Indonesien zu einer Radikalisierung kommt, wie mancherorts behauptet wird. Ba’asyir wurde aus einem einfachen, gesetzlich zwingenden Grund freigelassen: Er hat seine 30-monatige Haftstrafe verbüßt.

Die indonesische Regierung sähe Ba’asyir zweifellos lieber im Gefängnis schmachten, aber ohne rechtliche Handhabe, die eine weitere Inhaftierung rechtfertigen würde, hatte man keine andere Wahl, als ihn freizulassen. Nach seiner Freilassung erteilte ihm die Regierung umgehend ein Reiseverbot, fror seine Bankkonten ein und stellte klar, dass man seine Aktivitäten genauestens beobachten werde. Ba’asyirs Freilassung ist gewiss unangenehm und möglicherweise gefährlich – aber sie ist die Folge eines rechtlichen Verfahrens und nicht einer plötzlichen Radikalisierung Indonesiens.

Der Fall des Playboy ist ein weitaus genaueres Maß für den religiösen Radikalismus in Indonesien. Als der Playboy seine Pläne für eine indonesische Ausgabe des Hefts ohne Nacktdarstellungen veröffentlichte, wurde das von Politikern und konservativen religiösen Führern als eine Bedrohung traditioneller Werte verurteilt. Das nationale Parlament verabschiedete ein „Anti-Pornographie-Gesetz“, das sich als ein verschwommen formuliertes Dokument entpuppte, das nicht nur Pornographie, sondern auch bestimmte traditionelle Tänze, Sonnenbaden und öffentliches Küssen unter Strafe stellt.

Das Gesetz wurde zwar von moderaten muslimischen Führern unterstützt, aber bei den lautstärksten Befürwortern handelte es sich um einige gewaltbereite, radikal-religiöse Gruppen unter der Führung der Islamischen Verteidigungsfront (bekannt unter dem indonesischen Kürzel FPI). Allein in diesem Jahr haben diese selbsternannten Hüter der Moral Bars und Nachtklubs gestürmt, die amerikanische und die dänische Botschaft angegriffen und nach der Veröffentlichung der ersten Ausgabe das Büro des Playboy mit Steinen beworfen. Die Polizei schritt dabei nur gelegentlich ein. Die FPI und ihre Glaubensbrüder setzten sich rigoros für das Anti-Pornographie-Gesetz ein, organisierten Unterstützungskundgebungen und verdammten jeden, der es wagte, dagegen aufzutreten.

In den Monaten nach der Ankündigung des Playboy schien die öffentliche Gegenreaktion die Mehrheitsmeinung in Indonesien weit nach rechts gerückt zu haben. Dieser Eindruck wurde durch die Präsenz und lautstarke Kampfbereitschaft radikaler Gruppen nur noch verstärkt. Moderate muslimische Aktivisten und Intellektuelle versuchten couragiert ein Gegengewicht zu den Radikalen zu bilden, schienen dabei aber zu wenig Zugkraft zu entwickeln.

Im späten Frühjahr änderte sich das und innerhalb weniger Wochen gelang es den Moderaten, sich ins öffentliche Rampenlicht zu rücken. Die erstaunlichste Demonstration dieser politischen Veränderung kam nach einem Vorfall in Zentraljava, als eine Rede des früheren Präsidenten Gus Dur von FPI-Mitgliedern unterbrochen wurde, die ihn beschuldigten, dem Pluralismus das Wort zu reden und gegen das Anti-Pornographie-Gesetz einzutreten.

Das war ein öffentlicher Angriff auf einen angesehenen weltlichen und religiösen Führer und diese Attacke wurde von den Anführern der zwei wichtigsten Muslimorganisationen des Landes auch umgehend beantwortet. Diese vertreten gemeinsam über 60 Millionen Indonesier und sie forderten die Regierung offen auf, gegen Gruppen vorzugehen, die sich im Namen des Islam der Gewalt verschreiben. Sie verurteilten das Verhalten dieser Gruppen als unislamisch, kriminell und als eine Bedrohung der nationalen Einheit.

Angesichts dieser neuen Rückenstärkung versprach die Regierung, gegen gewaltbereite Gruppen vorzugehen und kündigte an, Behörden mit der Befugnis auszustatten, Organisationen aufzulösen, welche die „Sicherheit und Ordnung“ bedrohen. Die Polizei in Jakarta ging mit neuem Elan ans Werk: Sie brachte gegen einen prominenten radikalen Führer eine Verleumdungsklage ein, nachdem dieser Frauen, die gegen das neue Anti-Pornographie-Gesetz eintraten, als „böse, minderwertig und amoralisch“ bezeichnet hatte. Anschließend verhafteten sie den Vorsitzenden und 20 Mitglieder der FPI, nachdem diese eine Reihe von Cafes angegriffen hatten.

Nun entwickelt sich ein nationaler Dialog zur Förderung des Pluralismus, der auch ein wieder erwachtes öffentliches Interesse an der Pancasila mit sich brachte. Diese Nationalphilosophie war während der Suharto-Herrschaft in Misskredit geraten, wird aber momentan von manchen als ein Symbol für den historischen Pluralismus in Indonesien betrachtet. Unterdessen hat der Gesetzgeber angekündigt, das kontroverse Anti-Pornographie-Gesetz überarbeiten zu wollen und es in klar definierte Sittlichkeitsbestimmungen umzuwandeln. Bezüglich des Playboy ist zu sagen, dass er mit der erwarteten Kritik empfangen wurde – es gab jedoch keine Angriffe und nicht einmal Demonstrationen.

Insgesamt gab es eine bemerkenswerte Wende in der nationalen Debatte. Ging es zunächst darum, wie man Indonesien konservativer islamisch machen könnte, wird heute darüber diskutiert, wie man die indonesische Tradition des religiösen Pluralismus in Zukunft aufrecht erhalten könnte. Bei aller Kontroversität werden die Freilassung Ba’asyirs und die Veröffentlichung des Playboy an diesem neuen Diskurs nichts ändern. Allerdings gewinnt man dadurch aufschlussreiche Erkenntnisse darüber, wie dramatisch sich die Dinge in Indonesien ändern. Die moderate Agenda hat in diesem Monat enormen Auftrieb erhalten – aber der Kampf um die politische und religiöse Identität Indonesiens ist noch lange nicht vorbei.

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