The World in Words
Jetzt Zinsen senken, später sparen
Thomas I. Palley
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WASHINGTON, DC: Endlich haben die Notenbanken weltweit auf die globale Finanzkrise reagiert, indem sie eine koordinierte Zinssenkung um einen halben Prozentpunkt organisiert haben. Der Schritt ist willkommen, doch erheblich mehr ist nötig – und zwar schnell. Jetzt umgesetzt, können deutliche Zinssenkungen noch immer erhebliche positive Auswirkungen haben. Zögert man sie hinaus, dürfte ihre Wirkung minimal bleiben.
Eine wie die andere haben die wichtigen Notenbanken weltweit nur langsam auf die sich vertiefende Krise reagiert. Dieses Versagen spiegelt die Dominanz der konventionellen Ökonomie wieder, die innerhalb der weltweiten Gemeinschaft der Notenbanken ein engstirniges Gruppendenken hervorgebracht hat. Infolgedessen haben die Notenbanken den aufkommenden Finanztsunami erst nicht kommen sehen, und selbst als er da war, fuhren sie fort, einen vergangenen Krieg gegen die Inflation weiterzukämpfen.
Die schlimmsten Missetäter waren die Europäische Zentralbank und die Bank von England. Dies überrascht nicht, da die europäischen Notenbanker in ihrem Denken besonders konventionell und am meisten von der Inflation besessen sind. Es erklärt auch, warum Kontinentaleuropa so lange eine so hohe Arbeitslosigkeit hatte.
Das US Federal Reserve Board hat seine Sache sehr viel besser gemacht, obwohl es ebenfalls stoßweise agiert hat und der Krise, die der Politik immer einen Schritt voraus war, wiederholt hinterherhinkte. Dieses Muster reflektiert die eigene Besessenheit der Fed mit der Preisstabilität, die zu präventiven Zinserhöhungen zur Inflationsvermeidung ermutigt, gleichermaßen präventive Zinssenkungen zur Vermeidung von Arbeitslosigkeit jedoch behindert.
Entsprechend hat die Fed die Zinsen den gesamten Sommer 2008 über unverändert gelassen – trotz des Zusammenbruchs der Hypothekenriesen Fannie Mae und Freddie Mac, des Bankrotts von Lehman Brothers, der Insolvenz von AIG und der aufkommenden globalen Epidemie auf den Finanzmärkten. Mehr noch: Die Politik der Fed blieb trotz der rapiden Verschlechterung der realwirtschaftlichen Lage in den USA – erkennbar an der zunehmenden Zahl der Arbeitsplatzverluste und steigender Arbeitslosigkeit – unverändert.
Die jetzige koordinierte Zinssenkung durch die weltweit führenden Notenbanken leitet den politischen Aufholprozess ein, aber weitere Senkungen sind nötig. Zwar sieht es so aus, als sei das Schreckgespenst der Inflation endlich zur Ruhe gelegt. Doch ein weiterer Mythos muss noch bekämpft werden: nämlich, dass die Fed und die anderen Notenbanken ihre „Munition“ für den Tag der Not aufsparen und sich daher Zinssenkungen widersetzen sollten.
Eine alte Redensart besagt, dass die Geldpolitik in der Rezession nutzlos sei, da Zinssenkungen dann dieselbe Wirkung hätten wie das „Schieben an einer Schnur“. Dieser Punkt tritt ein, wenn Vertrauen und Wohlstand zerstört wurden; dann sind Zinssenkungen tatsächlich sinnlos.
Der Grund ist, dass die Zerstörung des Vertrauens die „animalischen Triebe“ des Kapitalismus untergräbt: Kreditnehmer sind nicht mehr bereit, Geld aufzunehmen; Kreditgeber nicht bereit, es zu verleihen. Die Zerstörung des Wohlstands andererseits bringt auch die Zerstörung von Sicherheiten mit sich, d.h., selbst wer Kredite aufnehmen möchte, kann dies nicht mehr. Zugleich lassen sich durch überhöhte Zinsen ausgelöste Insolvenzen und Zwangsvollstreckungen durch spätere Zinssenkungen nicht rückgängig machen.
Durch ihr Versäumnis, rechtzeitig zu handeln, haben die Notenbanken eine gefährliche Erosion des Vertrauens und des Wohlstands zugelassen, die dabei ist, die Voraussetzungen für das „Schieben an der Schnur“ hervorzubringen. Zum Glück ist noch Zeit, um mit entschiedenen Zinssenkungen eine robuste Wirkung zu erzielen. Aber das Zeitfenster hierfür schließt sich schnell. Falls die Notenbanken ihre „Zinsmunition“ für später aufheben, werden sie möglicherweise feststellen, dass diese nutzlos geworden ist. Der Zeitpunkt zum Schießen ist jetzt.
Thomas Palley ist ehemaliger Chefökonom der US-China Economic and Security Review Commission und der Verfasser von Post-Keynesian Economics.
Copyright: Project Syndicate, 2008.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Jan Doolan
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